R.E.M.

Tour 2008 - Support: We Are Scientists

17.09.2008 König Pilsener Arena / Oberhausen

Von: Thomas Kröll

R.E.M. Oberhausen

R.E.M. gehören mit Sicherheit zu den wenigen Bands auf diesem Planeten, denen eine überzeugende Verbindung zwischen Kultstatus, Glaubwürdigkeit und kommerziellem Erfolg gelungen ist. Seit fast 30 Jahren musizieren Frontmann Michael Stipe, Gitarrist Peter Buck und Mike Mills am Bass nun schon zusammen und ihr im März erschienenes vierzehntes Studioalbum "Accelerate" bewies einmal mehr, dass von Abnutzungserscheinungen nach wie vor keine Rede sein kann. Im Gegenteil! Nach den fünf Open Air-Terminen im Sommer kommt das Trio nun für drei weitere Shows zurück nach Deutschland. Oberhausen bildet heute den Auftakt, es folgen noch Hamburg und München.

Als wir in der König Pilsener Arena einlaufen, beenden We Are Scientists gerade ihr Aufwärmset. Die letzten beiden Songs kriegen wir zwar noch mit, flüchten aber angesichts des ohrenbetäubenden und schrecklich scheppernden Sounds schnell wieder ins Foyer. Schade, steht die Band aus Kalifornien (aktuelles Album: "Brain Thrust Mastery") doch in dem Ruf nicht nur eine passable Live-Combo zu sein, sondern mit ihrem New Wave-Geschrammel auch ansonsten musikalisch durchaus zu gefallen. Den Beweis können sie in Oberhausen leider nicht antreten, zumal ein Großteil der geschätzt 8.000 Fans in der nicht ausverkauften Arena (darunter viele ältere Semester) sich während ihres Auftritts lieber mit Bier und Popcorn versorgt.

Um 21.20 Uhr erntern dann Stipe, Mills und Buck, verstärkt durch Bill Rieflin am Schlagzeug und dem zweiten Gitarristen Scott McCaughey die Bühne und starten ohne viel Firlefanz mit "Living Well Is The Best Revenge" vom aktuellen Album. Die Setlist wird in den kommenden zwei Stunden insgesamt satte elf ihrer Alben abdecken und noch die eine oder andere Überraschung bereithalten. Doch dazu später mehr. Erster Höhepunkt ist zunächst "Second Guessing" vom 1984er "Reckoning", gemeinsam mit dem von Mike Mills gesungenen "(Don`t Go Back To) Rockville" das älteste Stück des heutigen Abends. Das Bühnenbild ist eher spartanisch und wird von fünf senkrechten und zwei waagerechten Leinwand-Bahnen dominiert, auf denen allerlei optische Spielereien geboten werden. R.E.M. arbeiten sich derweil weiter vor bis zu "Drive", einem Heldensong meiner Jugend, was zu spontaner Gänsehaut führt. Der Sound ist jetzt wunderbar ausgewogen und Michael Stipe bestens bei Stimme (auch wenn er zwischendurch mal etwas anderes behauptet). Dazu eine sparsame und stimmungsvolle Lightshow. Sehr schön soweit!

Allein der Funke will nicht so recht von der Bühne auf die Fans überspringen. Und das obwohl Stipe sehr locker und symphatisch wirkt und immer wieder mit dem Publikum scherzt. Dessen Stimmung ist freundlich aber nicht enthusiastisch. Selbst Ausflüge in die rockigeren Kapitel des R.E.M.-Kataloges wie "Man-Sized Wreath" oder "Walk Unafraid" ändern daran vorerst wenig. Bis, ja bis Michael Stipe einen Song ankündigt, der auf dem Album "Lifes Rich Pageant" von 1986 erschien und von Elvis Presley handelt: "Just A Touch". Es ist das erste Mal seit 19 (!) Jahren, dass die Band diesen Song wieder live spielt und die Drei haben sichtlich Spass daran! Ebenso die Fans, die jetzt endlich wach geworden zu sein scheinen. So lässt es sich Stipe nicht nehmen, während "The One I Love" auf Tuchfühlung zu ihnen in den Graben zu gehen und bei den hohen Gesangsparts einigen das Mikro unter die Nase zu halten, was recht abenteuerliche Ergebnisse heraufbeschwört. Es folgen das elegische "I`ve Been High" und "Let Me In" in einer sehr geilen Unplugged-Version, auch wenn diesmal Stipe seltsamerweise etwas neben dem Ton hersingt. Wieder elektrisch verstärkt rocken sich R.E.M. dann anschließend mit "Bad Day", "Horse To Water", "Orange Crush" und "It`s The End Of The World As We Know It" zum Ende des Mainsets. And I feel fine! Ebenso wie die 7.999 anderen Anwesenden, die sich in kollektiven Begeisterungsstürmen üben.

Als es im Zugabenblock mit "Supernatural Superserious" und dem grossartigen "Imitation Of Life" weitergeht, ist die Halle endgültig in Feierlaune. Dann die nächste Besonderheit in akustischer Form: "Sing For The Submarine" von "Accelerate" feiert heute abend in Oberhausen seine Live-Weltpremiere! Na, wenn das nichts ist! "Losing My Religion" sowie "Man On The Moon" (bei dem Michael Stipe noch einmal in den Graben geht und Hände schüttelt) beenden nach knapp 120 Minuten und 26 Songs den Abend. R.E.M. entlassen uns mit einer soliden Show in die kühle Nacht. Einer Show, die viel Spass gemacht hat, etwas brauchte um in die Gänge zu kommen, sich dann aber mit zunehmender Dauer auf ein hohes Niveau steigerte und am Ende begeistern konnte. Danke R.E.M., ihr dürft immer gerne wiederkommen!  

 

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