Ringo Starr & His All Starr Band 2011
Ringo Starr hat sich im hohen Alter vorgenommen, jedes Jahr an seinem Geburtstag die große Fanschar mit einem speziellen Happening zu beglücken und seine Friedensbotschaft in die Welt zu schicken. In diesem Jahr war Hamburg der glückliche Ort dieses Ereignis und – unglaublich aber wahr – Ringo feierte bereits den 71. Geburtstag an den Landungsbrücken, bevor er sich zu einer kleinen aber feinen Deutschland-Tour aufmachte. Ich durfte ihn in der Frankfurter Jahrhunderthalle erleben und über einen sehr rüstigen Ex-Beatle im Rentenalter staunen.
Eine große Schar Fans aller Generationen hatte sich bereits früh um die Jahrhunderthalle versammelt, um das Ereignis zu zelebrieren. Viele ältere Semester, zum Teil mit Kindern und Enkelkindern, Menschen in Beatles-T-Shirts oder mit farbenfrohen Friedensbotschaften auf der Kleidung. Während des Konzerts sollte sich die gute Stimmung durch die Reihen fortpflanzen und man sah immer wieder Menschen, die Schallplatten schwenkten oder sich blitzschnell an den Ordnern vorbei in den Mittelgang mogelten, um ein Foto von sich mit Ringos Bühne im Hintergrund machen zu lassen.
Es war ein Sitzplatz-Konzert und die Halle war bis in den letzten Winkel gefüllt. Für den im solistischen Bereich kommerziell erfolglosesten Beatle, der 1962 Pete Best ersetzte, ist es sicher eine späte Genugtuung, so gefeiert zu werden. Er spielte auch gekonnt mit dieser Situation, wenn er zum Beispiel das Stück eines Soloalbums ankündigte, den dezenten Jubel abwartete und dann einzelne Rufer fragte, ob sie zu den fünf Leuten gehören, die das Album gekauft haben.
Die Show begann ohne Support pünktlich um 20 Uhr. Die Bühne war sehr bunt gestaltet, im Mittelpunkt der typische Stern in Übergröße, vor dem Ringo sein Schlagzeug platziert hatte. Die All Starr Band besteht neben Ringo aus sechs gestandenen Herrn, von denen zumindest fünf in irgendeiner Form Musikgeschichte geschrieben haben. Mit seinen 71 Jahren wirkte Ringo dabei (mal abgesehen von Richard Page) am frischesten. Schon erstaunlich, wie er die Bühne im Griff hat, charismatisch in Erscheinung tritt und zwischen Mikro und Schlagzeug hin und her wirbelt. Im Gespann mit den anderen Herren bekommt der Begriff Oldie-Band da doch eine ganz neue Bedeutung. Und zwar durchaus im positiven Sinne!
Was gab’s zu hören? Zunächst mal "It Don’t Come Easy" und "Honey Don‘t" interpretiert von Ringo. Dann legten die Bandmitglieder los und durften sich adäquat präsentieren. Ich muss gestehen, dass mir Gesichter und Namen meist unbekannt waren. Doch wenn die ersten Töne der Songs ertönten, kam das Aha-Erlebnis. Rick Derringer sang seinen größten Hit mit den McCoys: "Hang On Sloopy", Wally Palmer präsentierte die Stücke der Romantics wie "Talking In Your Sleep" und "What I Like About You", Gary Wright (ehemals Spooky Tooth) glänzte mit seinem Solohit "Dream Weaver" und vor allem Edgar Winter konnte als Multitalent an verschiedenen Instrumenten überzeugen und steuerte beispielsweise "Free Ride" und das geniale Instrumentalstück "Frankenstein" bei. Mein Favorit war aber Richard Page von Mr. Mister, der mit "Kyrie" und "Broken Wings" gleich zwei All-time-favourites zu Gehör brachte und einige in Erstaunen versetzte, da er die hohen Töne der Songs ganz unproblematisch über die Lippen brachte. Jeder bekam seine speziellen Momente, nur der zweite Schlagzeuger Gregg Bissonette blieb konstant im Hintergrund.
Das Programm war bunt zusammen gewürfelt – die beteiligten Musiker stammen ja auch aus sehr unterschiedlichen Bands. Ringo war stets präsent, musste aber nicht immer im Mittelpunkt stehen. Nach einem Ausflug zum aktuellsten Album "Y Not" und dem nachdenklichen Titel "The Other Side Of Liverpool" folgte der erste Höhepunkt mit "Yellow Submarine" bereits in der ersten Konzerthälfte. Sein ureigener Song vom "Revolver"-Album wurde in der gesamten Halle vom ersten bis zum letzten Ton mitgesungen und die Stimmung war auf dem Siedepunkt. Ein wundervoller Moment.
Später gab es noch "Peace Dream", "Back Off Boogaloo" und "Boys", außerdem "Photograph" als frühe Solo-Single aus dem Jahr 1973 sowie "Act Naturally", das Ringo ursprünglich mit Buck Owens im Jahr 1989 eingespielt hatte. Der zweite große Moment folgte aber ganz zum Schluss mit Ringos zweitem ureigenen Song "With A Little Help From My Friend" vom "Sgt. Pepper‘s"-Album, das übergangslos in John Lennons "Give Peace A Chance" mündete. Nach fast auf die Sekunde genau zwei Stunden endete das Konzerte ohne Zugabe. Runter von der Bühne, Licht an, fertig. Andere wären vielleicht ausgebuht worden, doch Ringo verzeiht man dieses Verhalten, das man ihm nicht mal als Allüren auslegen will. Es war alles gesagt, die Hits waren gebracht – man konnte getrost nach Hause gehen und sich freuen, diese rüstige Legende noch einmal gesehen und gehört zu haben.