Tour 2009 - Support: Poison The Well & Thursday
Mathematik und ein Konzertbericht passen eigentlich nicht zusammen. In diesem Fall will ich jedoch eine kleine Ausnahme machen und hole den Rechenschieber raus: Rise Against haben bis zum heutigen Tage fünf Alben veröffentlicht. Auf ihrem Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle spielt die Band 20 Songs. Würden die Jungs aus Chicago einen ausgewogenen Querschnitt durch ihr Gesamtwerk geben wollen, teilten sie ihre Alben durch die Anzahl der Konzertsongs: Macht vier Lieder von jeder Platte. Dass dieses Rechenbeispiel ein wenig realitätsfremd ist, liegt auf der Hand. Zumindest ein wenig hätten sich Rise Against daran aber orientieren können – denn ihre Setlist in der Philipshalle ist eher einseitig: Sieben Songs stammten von "Appeal to Reason", jeweils sechs von "Siren Song Of the Counter Culture" und "The Sufferer And The Witness" sowie ein einziges von "Revolutions Per Minute" (die komplette Setlist findet ihr unten). Das Frühwerk "The Unraveling" wird gar komplett ausgeklammert. Letzteres ist zu verschmerzen – zumal die Songs des ersten Albums nicht gut beim Publikum ankommen, was beim Auftritt von Rise Against im Februar im Kölner Palladium deutlich zu merken war. Auf "Revolutions Per Minute" dagegen schlummern viele melodische wie treibende Paradestücke für Konzerte, die sicher alle Zuschauer ansprechen würden – aber diese Chance lassen sich Tim McIlwrath und seine Kollegen leider fast vollständig entgehen.
Trotz dieses Mankos spielen Rise Against in der Düsseldorfer Philipshalle eine ordentliche Show: Die Band gibt ihren Songs das nötige Tempo und profitiert von einem guten Sound. Lediglich zu Beginn übertönt das Schlagzeug die eigentlich charakteristischen Gitarren der Band. Ein wenig schade finde ich, dass McIlwrath kaum mit dem Publikum spricht. Nach einer halben Stunde ist er jedoch dazu gezwungen: "You have broken the barricade", ist der Spaßkiller des Abends. Tatsächlich sind die Absperrungen vor der Bühne zu Bruch gegangen, sodass eine unfreiwillige Pause von 30 Minuten eingelegt werden muss.
Als es weitergeht, geben die Jungs aus Chicago sofort Gas, doch der Motor will nicht mehr so recht heißlaufen. Das liegt auch daran, dass Rise Against im zentralen Teil der Show, also bei Song 16 und 17 gehörig auf die Bremse treten: McIlwrath kommt mit der Akustik-Gitarre auf die Bühne und singt "Swing Life Away" und "Hero Of War". Hier offenbart sich der größte Schwachpunkt, den Rise Against als Liveband haben: Bei jedem Konzert ist irgendetwas mit seiner Stimme los. An diesem Abend in Düsseldorf kann er bei den harten Passagen der Songs zwar kräftig ins Mikro schreien, behutsamer Gesang ist ihm aber nicht möglich – und so blökt er bei den Akustik-Nummern regelrecht ins Mikro. Gut gelungen ist dagegen, dass die Band am Ende von "Hero Of War", im Gegensatz zur CD-Version, verstärkt in den Song einsteigt und dann zu "Dancing For Rain" überleitet. Solche Spielereien, die den für ein Konzert typischen Mehrwert liefern, bieten Rise Against an diesem Abend leider viel zu selten. Mit dem Klassiker "Give It All" setzt die Band kurz vor Ende des Konzerts dann doch noch ein echtes Highlight. Der Song ist nicht nur einer der bekanntesten der Band, sondern hat auch mit das größte Live-Potential – wo wir wieder bei verpassten Chancen wie "Like The Angel" oder "Broken English" vom Album "Revolutions Per Minute" wären, die es an diesem Abend leider nicht zu hören gibt.
Nach anderthalb Stunden reiner Spielzeit (es gibt keine Zugabe) verlasse ich die Philipshalle mit der Gewissheit, in Zukunft keine Konzerte von Rise Against mehr besuchen zu müssen: Die Band schafft es live nicht, die Messlatte zu überspringen, die sie mit ihren fantastischen Alben so hoch angelegt hat. Wer sich dagegen vor der Bühne ins Getümmel stürzt, kommt bei Rise Against auf seine Kosten: Obwohl die Musik meiner Ansicht nach bei weitem nicht hart genug ist, um die Sau rauszulassen, rotiert bei einigen Songs ein gewaltiger "Circle Pit" durch die Halle – und die Absperrung vor der Bühne ist sicher auch nicht von alleine eingekracht. Um sich, wie ich, gemütlich auf eine der Tribünen zu setzen und in Ruhe dem Konzert zu lauschen, dafür bietet die Performance von Rise Against zu wenig Substanz. Das beste Beispiel ist die junge Dame die neben mir sitzt: Sie verschläft einen nicht unerheblichen Teil des Konzerts an der Schulter ihres Freundes.
Erhellend war dagegen der Auftritt einer anderen Band, um noch ein paar Worte über die Vorbands zu sagen: Während Poison The Well mit ihrer, meiner Ansicht nach, ein wenig belanglosen Musik am Publikum vorbeirauscht, bietet Thursday einen bemerkenswerten Mix aus (Post-)Hardcore und Progressive Rock. In Bands ausgedrückt: Ein bisschen Rise Against, ein bisschen Dream Theater, dazu ein Gesang, der mich am ehesten an Europe erinnert hat – eher experimentell, aber sicher den Versuch wert, mal in ein Album der Band reinzuhören.
Setlist:
Collapse
State Of The Union
Re-Education Through Labor
Paper Wings
Long Forgotten Sons
The Good Left Undone
Chamber The Cartridge
Drones
The Dirt Wispered
Audience Of One
Blood To Bleed
Savior
Survive
Blood Red, White, And Blue
Prayer Of The Refugee
Swing Life Away
Hero Of War
Dancing For Rain
Give It All
Ready To Fall