Prog-Rock-Festival No. 1 - mit Riverside, Pure Reason Revolution und Jolly
Ginge es nach mir, würde dieser Konzertbericht nur aus aaahs, ooohs und Seufzern bestehen, aber damit ist ja niemandem geholfen. Also versuche ich, einen einigermaßen objektiven Bericht über diesen Abend mit Riverside und Gästen in der Oberhausener Turbinenhalle zu schreiben – die leider nur halb voll ist. Das mag damit zusammenhängen, dass Riverside erst Ende letzten Jahres durch Deutschland getourt sind und dass schon am nächsten Tag ein Konzert in Aschaffenburg stattfindet. Aber was soll's, die Tatsache, dass die Halle nicht brechend voll ist, macht dieses Konzerterlebnis umso entspannter.
Den Anfang machen an diesem Abend die amerikanischen Musiker von Jolly. Die Band ist in hiesigen Gefilden noch relativ unbekannt, hätte es aber meiner Meinung verdient, hierzulande Gehör zu finden. Ob man bei ihrer Musik von Prog (wie auf ihrer Myspace-Seite ausgewiesen) sprechen kann, sei dahingestellt. Im Großen und Ganzen liefern Jolly recht düstere, atmosphärische Rockmusik mit cleanem Gesang und eingängig-melancholischen Melodien, die hier und da in kontrollierte Aggression ausbrechen. Eher sporadisch kommen progressive Elemente zum Vorschein: hier ein kleiner Taktwechsel, da mal ein Ausflug ins Bluesige. Songs wie "Still A Dream", "Escape From DS-3" und "Downstream" gehen auf jeden Fall sofort ins Ohr. Und auch das Auge hat was zum Gucken: der schnuckelige Sänger Anadale würde vom Aussehen gut in eine Gothic-Band passen und kann sich vor weiblichen Fans wahrscheinlich nicht retten. Keyboarder Joe mit seiner gelb getönten Brille und der Wollmütze sieht allerdings wie ein Kreuzberger Fuzzi aus. Die Band macht auf jeden Fall sowohl optisch als auch musikalisch was her, und erntet durchaus viel Beifall beim Publikum.
Als Nächstes sind Pure Reason Revolution aus Großbritannien an der Reihe. Die Jungs und das Mädel machen schon seit 2003 gemeinsam Musik, aber erst in den letzten zwei drei Jahren wird ihnen die Beachtung geschenkt, die sie verdient haben. Die Band musikalisch einordnen zu wollen, ist schwer, auch wenn PRR gerne zu den progressiven Bands gezählt werden. Dafür ist die Musik der Band dann doch zu vielseitig, spätestens seit dem extrem elektronisch ausgerichteten Album "Amor Vincit Omnia" ist es noch schwieriger geworden. Charakteristisch für PRR sind die Chorgesänge und treibenden Beats, wie zum Beispiel bei "Deus Ex Machina", mit dem sie ihre Show eröffnen. Der Rhythmus geht sofort in Nacken und Beine, dann setzt die leicht verzerrte und sehr charakteristische Stimme von Jon Courtney ein, und spätestens wenn sich beim Refrain Bassistin Chloe Alper und Gitarrist Jamie Willcox einklinken, wird es einfach nur bombastisch schön.
Der Sound ist um Einiges fetter als auf den doch sehr sauber produzierten Alben, und das macht einen großen Unterschied. Die sehr gelungene Lichtshow setzt noch eins oben drauf. Der totale Eyecatcher bei Pure Reason Revolution ist Chloe Alper, die eine super energiegeladene Show hinlegt – ob sie nun in die Saiten greift, die Synths bedient oder einfach nur singt, sie sieht einfach nur hinreißend aus. Die musikalischen Highlights der Show sind "Victorious Cupid", "Amor Vincit Omnia" und "Les Malheurs". Die letzten beiden Songs hatten mich auf dem Album nicht wirklich überzeugt, aber live sind sie richtig klasse. Wirklich beeindruckend, wie viel Bombast vier Leute auf der Bühne rüberbringen können. Alle, die PRR bisher noch nichts abgewinnen konnten, sollten sie also auf jeden Fall live checken. Der Unterschied ist enorm. Und das sieht anscheinend auch das Publikum so: Es ruft lautstark nach einer Zugabe, die ihm leider nicht gewährt wird.
Und dann ist es soweit!!!! Es ist Zeit für Riverside (und ich reime schon, wenn ich nur daran denke...). Die Band um Sänger, Texter und Bassist Mariusz Duda gibt es schon seit 2002. Seither haben die Polen vier Studioalben und mehrere EPs auf den Markt gebracht, die vor allem beim am Prog interessierten Publikum gute bis hervorragende Kritiken bekamen. Mit den ersten drei Alben "Out Of Myself", "Second Life Syndrome" und "Rapid Eye Movement" brachten Riverside drei inhaltlich zusammen gehörende Konzeptalben heraus, die sich musikalisch und textlich hauptsächlich mit den Zwischenräumen zwischen Realität und Traum beschäftigten. 2009 wurde "Anno Domini High Definition" veröffentlicht, ein Album, das in vielerlei Hinsicht eine musikalische Neuorientierung mit sich brachte: Die fünf Songs des Albums beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Leben in der modernen Zeit, mit der Rastlosigkeit und dem immer zunehmenden Konkurrenzdruck in der Gesellschaft. Auch musikalisch experimentiert die Band diesmal mehr in verschiedene Richtungen, es werden noch mehr Keyboards, Blasinstrumente und härtere Gitarrenriffs eingesetzt. Die Songs sind in sich abwechslungsreicher und extravagant, längst nicht mehr so verträumt und entrückt wie die früheren Werke.
Die Show an diesem Abend wird mit den beiden neuen Songs "Hyperactive" und "Driven To Destruction" begonnen. Mariusz, Keyboarder Michaeł und die beiden Piotrs (Gitarre und Drums) beglücken uns mit schnellen sägenden Gitarrensounds, überraschenden Breaks, sich abwechselnden aggressiven und ruhigen Parts und quirligen Keyboardstrecken. Die weiche, aber eindringliche Stimme von Mariusz setzt dem ganzen die Krone auf. Ein gelungener Anfang! Und es wird besser: Weiter geht es mit einer guten Mischung aus alten und neuen Songs, zum Beispiel dem grandiosen "Cybernetic Pillow" aus dem "Rapid Eye Movement"-Album, das vor allem durch Piotr Grudziński traumwandlerisches Gitarrensolo und die beinahe funkigen Bässen brilliert. Es folgen "Egoist Hedonist" und - ein Höhepunkt des Abends - das herzzerreißend schöne "Conceiving You", bei dem Mariusz das Publikum den Refrain mitsingen lässt. Anscheinend singt das Publikum nicht gut genug, denn bei "Left Out" kann er sich ein "Hope you will sing better than the last time" nicht verkneifen. Kein Problem, das "oooooohohoho – ooooooohohohoho" kriegt das Publikum gut hin, die Band belohnt es mit einer tadellosen Performance.
Die Laune der Band wird im Laufe des Konzerts immer besser (also noch besser als am Anfang), Mariusz begrüßt die Leute an der Bar, fragt, wie denn die Band so sei und erntet Begeisterung und Applaus. Zum weiteren Set gehören noch das ekstatische "Parasomnia", das Instrumentalstück "Lucid Dream IV", "Rainbow Box" (das einzige Lied, mit dem ich noch nie was anfangen konnte) und das fiebrig-hektische "Hybrid Times". Die Spielfreude ist nicht zu toppen: Der gedankenverloren dreinblickende Grudziński haut seine hinreißenden Soli raus, dass einem die Tränen kommen, der hyperaktive Mariusz schwingt die Matte und Michaeł Łapaj bearbeitet die Tasten wie ein Berserker. Besonders bei den Nummern mit dem Theremin, das er mir beeindruckender Gestik fernbedient, sieht er aus wie ein verrückter Magier. Der rothaarige hässliche Plastikvogel, der bei jedem Auftritt dabei ist, sitzt dabei gemütlich auf seinem Keyboard und schaut doof in die Gegend (ich habe übrigens versucht, herauszufinden, wie der Vogel heißt, damit ich ihn dissen kann, aber er hat wohl keinen Namen...).
Leider ist dieser Abend mit Riverside viel zu schnell vorbei. Für die stürmisch geforderte Zugabe ist aber noch Zeit, auch wenn die zuerst gefährdet zu sein scheint: Mariusz stellt fest, dass es leider ein Problem mit den Keyboards gibt (ich verdächtige ja den Vogel...) und dass nur noch die Hammond Orgel geht, weswegen sie nur eine "strange version" des nächsten Songs spielen können. Aber dann scheint doch alles wieder zu funktionieren und es gibt "Panic Room" in der ganz "normalen" Version. Hypnotisch-bedrohliche Bässe, hämmernde Drums, dazu eine epische, ins Herz gehende Gitarrenmelodie. Gänsehaut pur!!! Übrigens ist "Panic Room" der einzige Song, zu dem es ein offizielles – und absolut sehenswertes – Video gibt.
Alles in allem ein mehr als perfekter Abend mit einer gelungenen Bandzusammenstellung. Wer Riverside noch nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen und sich durch alle vier Alben durchhören. Bei einigen Stücken braucht man ein wenig Zeit, um sich in den Sound einzufinden, aber wer sich die Mühe macht, wird am Ende ein glücklicherer Mensch sein!! Und ganz wichtig: Wenn Riverside wieder live unterwegs sind, unbedingt hingehen!!! Denn live kickt die Band noch um einiges mehr. Wer es nicht glaubt, möge sich die Live-DVD "Reality Dream" holen und sich davon überzeugen. Jawohl!