Rock am Ring 2009 mit Slipknot, Limp Bizkit, The Prodigy, Billy Talent, Guano Apes, Placebo, Machine Head, uvm.
Schafskälte – von was sprechen diese Wettermenschen in Radio, Fernsehen und Onlinewetterberichten da eigentlich immer?! Abertausende Menschen erfuhren die genaue Definition dieses Wortes bei Rock am Ring 2009 ausführlichst am eigenen Leibe. Für die Erstangereisten am Mittwoch vor Festivalbeginn hieß es campen bei wenigen Graden über Null. Und es sollte kaum besser werden – auch der Donnerstag ließ alle schlottern. Doch der Laune tat dies keinen Abbruch. Munter füllten sich die Zeltplätze während der ersten beiden Tage und das Treiben auf den Campingplätzen war wie gewohnt bunt, ausgelassen und feuchtfröhlich. Die Vorfreude war spürbar und der Ausnahmezustand Rock am Ring hatte begonnen – aus etlichen Lautsprechern tönten die heiß ersehnten Idole, die in wenigen Stunden auf der Bühne stehen würden. Aber auch Vorbilder wie Helge Schneider oder die Rock am Ring Hymne 2009 „Bernd am Grill“ schallten Tag und Nacht über das Gelände während Gepäck geschleppt, Zelte aufgebaut oder bereits gegrillt wurde. So ließ es sich einigermaßen im Freien aushalten und die letzte Nacht vor dem großen Event ging zu Ende.
Freitags öffneten sich dann die Tore zu Rock am Ring 2009. Nachdem die noch nicht so bekannten „Expatriate“ die Ehre hatten die Hauptbühne zu eröffnen waren „Exposed To Noise“ auf der Alternastage bereits durch mit ihrem Set. Es ist nicht immer leicht die erste Band eines Festivaltages zu sein, doch die Bands konnten sich über einige Zuschauer freuen. Bei dem ersten Highlight auf der Centerstage handelte es sich um ein bekanntes Gesicht mit neuem Gefolge. Juliette Lewis betrat zum wiederholten Male die Bühnen des Nürburgrings. Hatte sie zuvor „The Licks“ dabei standen nun „The New Romantiques“ neben ihr. Wie immer im extravaganten Bühnenoutfit mit Glamrock-Glitzerhose und skelettartigem Zebraprint-Top begeisterte eine atemberaubende Juliette das Publikum. Passend zu ihrem Outfit gab sie sich gewohnt durchgeknallt, rollte sich über die Bühne und unglaublich sympathisch, indem sie stets die Nähe zu ihren Fans suchte. Mehr als nur ein gutes Warm Up – Juliette war einfach umwerfend. Selig waren dann die Fans der guten alten deutschen Musik. Es war ein Jahr der Wiederkehr und die deutsche Rockband Selig feierte ihr Comeback vor einem riesigen Publikum. Eine Mischung aus altbekannten Hits und neuen Songs bewiesen, dass die Herren aus Hamburg noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Auch das später folgende überraschende Zeltplatzkonzert (wie es auch einst die Toten Hosen hielten) verdeutlichte: die Musik schlägt nach wie vor in den Herzen von Selig als auch in denen ihrer Fans.
Zu einem riesigen Rave luden am frühen Abend „Enter Shikari“ – obwohl die neuen Songs gut ankamen und richtig einheizten, war die Atmosphäre des Coca Cola Zeltes bei dem Enter Shikari Auftritt vor zwei Jahren besser geschaffen für diese Art von Musik. Es fehlten die Laserlichter im Halbdunkel ebenso wie die späte Nacht- oder frühe Morgenstunde, die den After Show Charakter brachten. Trotzdem eine tolle Show und eine gute Gelegenheit das neue, wirklich gelungene Happy-Hardcore-Album „Common Dreads“ zu präsentieren. Die Centerstage bot entgegen der hyperaktiven Enter Shikari Jungs ein gemütlicheres Programm mit „Razorlight“. Spielten diese noch vor zwei Jahren auf der Alternastage, hatten sie sich im Laufe der Zeit ihren Platz als einer der Headliner redlich verdient – das bestätigte auch die Traube an Fans. Und noch ein paar alte Bekannte betraten später die Alternastage: Papa Roach waren zurück! Die Menschenmenge vor der Bühne war gewaltig, nur leider hatten sich PR keine allzu gewaltigen Songs für die Setlist ausgesucht. Viele rockige Songs fehlten und zuviele fast schon balladesk anmutende Stücke brachten nicht gerade zum Ausrasten. Doch natürlich durfte „Last Resort“ nicht fehlen, zu dem dann doch noch der allerletzte Zuhörer mit in die Luft sprang.
Wer noch nicht genug körperliche Aktivität hatte, konnte zu der elektronisch beeinflussten Musik von „Hockey“ im Coca Cola Soundwave Tent tanzen. Währenddessen gaben Placebo einiges von ihrem neuen Album „Battle For The Sun“ zum Besten. Diese kamen gut an, zumal das Album an genau diesem Tag veröffentlicht wurde. Eine Premiere vor tausenden Menschen, besser könnte es kaum sein. Ein stimmungsvoller und energiegeladener Auftritt, der die Zuschauer trotz ein paar fehlender Hits im Set mitrissÂ… was man von dem später auf der Alterna folgenden „Marilyn Manson“ nicht unbedingt behaupten konnte. Da schien irgendwie die Luft raus zu sein. Lustlos leierte er seine Show runter – es schien wohl nicht sein Tag zu sein, oder das Klima am Nürburgring machte ihm zu schaffen?! „The Killers“ schienen damit überhaupt keine Probleme zu haben und hatten sich zur Aufmunterung ihr eigenes Urlaubsfeeling in Form von Palmen mit auf die Bühne gebracht. Eine astreine Show bot der Vierer aus Las Vegas und brachte mit seiner Lichtshow auch etwas von der Heimat mit an den Ring. Die Zuschauer waren begeistert und tanzten und sangen zu Hits wie „Mr. Brightside“, „Somebody Told Me“ und den neuen Stücken wie „Human“ mit. Frontmann Brandon Flowers, der mit seinem Kurzhaarschnitt von weitem an Falco erinnerte, war bestens gelaunt und The Killers hatten offensichtlich großen Spaß an ihrem Auftritt. Ein gelungener Abschluss für die Centerstage des ersten Abends.
Zu Ende war der Festivaltag jedoch noch nicht. Wer noch nicht komplett eingefroren war, der begab sich zur überaus gefüllten Alternastage. Nach einiger Wartezeit fiel dort der Vorhang für die mittlerweile als Stammgäste zu bezeichnenden „KoRn“. Und hier wurde nochmal richtig abgerockt! KoRn festigten nach wie vor ihren unbestrittenen Status in der Rockgeschichte und ließen sich gebührlich feiern. Kälte hin oder her, nach den ersten Tönen stiegen die Temperaturen vor der Bühne und niemand sollte mehr frieren. Erst nachdem KoRn sich verabschiedeten, konnte ein Großteil der Festivalbesucher zu Bett gehen (oder, wie gewöhnlich, in eines der Discozelte).
Am nächsten Tag begann vor allem für die erste Band im Coca Cola Tent das große Zittern. Der von Coca Cola organisierte Bandcontest ging in eine weitere Runde. Von den 12 übrig gebliebenen Bands der Vorentscheidung sollten nach dem zwischen 13 und 18 Uhr stattfindenden Battle noch sechs glückliche Gewinner übrig bleiben. Doch vorerst hatte jede der 12 Bands die Möglichkeit über je 15 Minuten Spielzeit ihr Können zu beweisen. Und jede einzelne legte sich ins Zeug und bewies eine erstaunliche Professionalität und Qualität. So manch ein Profi hätte sich da eine Scheibe abschneiden können. Das Coca Cola Tent rockte von den frühen Morgenstunden bis zum frühen Abend. Eine Jury wählte geschwind die Weitergekommenen, während Samavayo - die Gewinner des Vorjahres - rockten und Moderatorin Anastasia verkündete nahtlos und ohne Umschweife die Glücklichen. Luftsprünge konnten Andioliphilipp, Videoclub, Phases Of Life, The Rising Rocket, TOS und Whitenights vollführen. Hierbei mal kurz Glückwünsche und viel Erfolg für die Zukunft eingeworfen!! Ebenso gebührt ein großer Dank der Coca Cola Organisation, die alles einwandfrei im Griff hatte – in der Hoffnung, dass noch viele Soundwave Contest folgen mögen, die eine einmalige und großartige Chance für Newcomerbands darstellt!
Derweil hatten die Dänen von Volbeat die Centerstage am Nachmittag unter Kontrolle. Eine riesige Menschenmasse hatte sich eingefunden, um dem grandiosen Auftritt beizuwohnen. Frontmann Michael sah mit seiner Rockabilly Haartolle und weißem Hemd-und-Weste-Stil mehr als schick aus und bei bester Laune von Seiten der Band als auch aus Publikumssicht präsentierten die Copenhagener neue und alte Hits. Dieser Auftritt überzeugte das Musikerherz spätestens bei dem countrylastigen „Sad Mans Song“ und zum letzten Stück, der Coverversion des Oldies „I Only Wanna Be With You“ konnten (fast) alle mitsingen. Guter Laune ging das standfeste Publikum dann über in das Set von „Machine Head“. Diese bewegten sich in härteren Metalgefilden und die Headbanger kamen zum Einsatz. Wem das zuviel des Guten war, der konnte sich bei der Alternastage eine Prise „Madness“ abholen. Ja genauÂ… DIE Madness mit „Our House“ – die kennt nun wirklich jeder! Alte Hüte?? Von wegen – die Herren rockten ordentlich und dass die meisten Bands bei Rock am Ring wie Rotwein sind (je älter je besser), bewiesen auch „The Prodigy“, die auch dieses Jahr wieder mit an Bord waren. Diesmal jedoch auf der CenterstageÂ… und auch hier muss man – genau wie bei Enter Shikari – einwerfen: zu frühe Uhrzeit, zu große Bühne. The Prodigy machen viel mehr Spaß Â„im kleineren Kreis“, nach Anbruch der Dunkelheit und dann am besten bis hinein in die frühen Morgenstunden. Aber man nimmt was man kriegt – eat or die – und somit wurde abends mit Keith Flint und Co. zu Hits wie „Firestarter“ oder der neuen Single „Warrior’s Dance“ getanzt.
Und wer sich dann schön warmgetanzt hatte, der konnte bei „Bloc Party“ auf der Alternastage fortfahrenÂ… vielleicht gehören die Jungs auch bald zur guten Rotweingeneration, die Voraussetzungen hierfür hätten sie zumindest. Und noch ein edles Tröpfchen gab es im Coca Cola Tent. „Duff McKagan’s Loaded“ betrat die Bühne im Zelt. Der Ex-Bassist von Guns N Roses (aus den 90ern wohlgemerkt!) hielt hier die Menge in Schach und das ordentlich! Top durchtrainiert (da freut sich die Damenwelt) und mit Hammersongs überwältigte er die Anwesenden. Und er schien genau zu wissen, was die Zuschauer wollten. Somit sang er neben seinen Loaded Songs auch die Coverversion von „Attitude“, die er bereits zu GNR Zeiten live präsentierte. Über Iggy Pop’s „I Wanna Be Your Dog“ ging es zu AC/DC’s „TNT“ bei dem sich Gitarrist Mike Squires ans Mikro begab. Weiter ging das gecovere Livematerial mit “Wild Horses“ und zu guter Letzt scheute sich Duff auch Gott sei Dank nicht, „It’s So Easy“ von GNR zu spielen. Welch eine tolle Rockshow und das ohne offensichtliche Allüren wie andere Ex-Oder-Noch-GNR-Mitglieder sie an den Tag legen! Äußerst sympathisch und überzeugend, da flogen die halbvollen Bierbecher durch die Luft und auf die Bühne während Duff mit schiefem Rocker-Grinsen unberührt mit seiner Show fortfuhr.
Das Programm auf der Centerstage kam an diesem Tag mit dem letzten Act „Slipknot“ zu seinem Höhepunkt. Diese ließen es wie erwartet richtig krachen. Das neue Album an sich ist ja schon ein Kracher und live überrollte der Sound der Maskierten den Ring wie ein Tornado. Freunde der weniger harten, aber doch rockigen Musik begaben sich ins Coca Cola Zelt, wo „Biffy Clyro“ das Publikum mit den Worten „Wie geht es Sie?“ begrüßten. Ulkiges Deutsch und ernsthafte Musik. Die Herrschaften aus Glasgow ließen das Zelt erbeben und hatten trotz der großen Konkurrenz auf der Centerstage einen immensen Auflauf vor der Bühne verursacht. Während vor der Centerstage langsam geräumt wurde konnte an der Alternastage mit Mando Diao weiter den musikalischen Vorlieben gefrönt werden. Die Schweden, deren jüngere Verwandschaft mit „Sugarplum Fairy“ bereits am Nachmittag gespielt hatte, spielten ein kleines Best Of aus Altem und Neuem. Die Kälte war dank der Schweden vergessen, doch die Nacht nahm erst ein gebührliches Ende, nachdem man sich im Coca Cola Tent die stimmungsvollen „Dredg“ zum Abschluss angesehen hatte. Einen besseren Ausklang konnte man sich kaum wünschen. Verträumte, aus dem Herzen kommende Songs bei denen man nicht anders konnte als sich im Takt mitzuwiegen und fast schon mit Tränen in den Augen zu schwelgen – und diesmal kam die Gänsehaut nicht von der Kälte! Dredg öffneten die Herzen und noch lange hallte „Bugs Eyes“ in Gedanken nach, während man zum Zeltplatz lief und im Zelt die Augen schloss.
Und auch wenn einem stimmungstechnisch Dredg wie die letzte Band am Sonntag vorkam, so stand der 3. Festivaltag erst noch bevor. Und dieser Tag begann sehr ungemütlich mit starken Regenschauern weshalb die meisten wahrscheinlich erstmal am Zeltplatz abwarteten. Doch zu den Glamrockern „Steadlür“ aus Atlanta hatten sich dann doch einige im Coca Cola Tent eingefunden. Die Müdigkeit, Kälte und Nässe wich nur langsam aus den Knochen der Zuschauer. Zu „My Mom Hates Me“ kam ein wenig Bewegung in die Menge und gegen Ende der Show konnte sich eigentlich niemand über die „frühmorgendliche“ Stimmung am letzten Festivaltag beschweren. Richtig was los machten dann die Düsterrocker von „Pain“. Das Zelt füllte sich mehr und mehr während Pain die Bühne rockten. Da flogen die Langhaarmähnen auf als auch vor der Bühne.
Das erste Highlight des Sonntags war das Comeback der „Guano Apes“. Nach Jahren der Abstinenz durften diese nun vor einem riesigen Publikum ihre Reunion feiern. Leider schien es technische Probleme zu geben, denn gesanglich gab es bei Frontfrau Sandra Nasic des öfteren Aussetzer. Das hemmte die Stimmung stark, vor allem als bei dem Durchbruchshit „Open Your Eyes“ kaum ein Refrain gesungen wurde, sondern stets das Publikum dazu aufgefordert wurde. Verwirrung. Doch Startproblemchen hin oder her: wir freuen uns die Guano Apes zurück auf den Bühnen begrüßen zu dürfen. Eine Bereicherung für jedes Festival und wir hoffen, uns auf weitere Tourdaten freuen zu dürfen.
Während „Chris Cornell“ auf der Alternastage sein musikalisches Können zur Schau stellte und auch alte Soundgarden-Songs nicht in der Setlist fehlten, präsentierten „Billy Talent“ einen Rundumschlag aus ihrer Discografie. Der Battle zwischen den guten Bands war um diese Stunde besonders hart und letztendlich landeten wir bei den Jüngsten in der Runde: „Bring Me The Horizon“ im Coca Cola Tent. Das knüppelte gewaltig! Da donnerte die Double Bass, es dröhnte der Bass und es kreischten die Gitarren. Und natürlich fehlte nicht der hin und herstromernde Frontmann Oli (äh Frontjunge), der ordentlich ins Mikro grunzte. Nur leider gingen die Vocals oft zwischen der Instrumentalgewalt etwas unter. Auch die Räumlichkeit war – noch – etwas zu groß für die Show, doch es genügte um zu überzeugen und mitzureißen. Die Hardcore-Nachwüchslinge werden künftig sicher noch mehr Schlagzeilen machen als sowieso schon. Und auch bei den übernächst folgenden „The Gallows“ ließ sich Oli auf der Bühne blicken, um einen Song mit The Gallows Sänger Frank zu performen. Wenn auch Franks Ansagen Geschmackssache waren, so bot sein Körpereinsatz genug zu gucken. Ob auf einem Pfeiler des Zeltes, auf der Bühne oder in Publikumsnähe gab es einfach nur ein Wort für The Gallows: wild.
Der letzte Topact auf der Centerstage nahte mit großen Schritten. Noch eine Reunion durfte am Nürburgring bejubelt werden. Und egal ob das Comeback aus finanziellen Gründen heraus geboren wurde: Limp Bizkit spielten, als hätten sie nie eine jahrelange Pause gehabt. Diese Jungs verdienen es, wieder Geld von den Fans zu erhalten. Es reihte sich Hit an Hit und der Beat und die Dynamik von LB zogen die Masse mit sich. Welcome back! Das war wirklich ein würdevoller Wiedereinstieg! Somit beendete ein Hammeract das Rock am Ring Jahr 2009 auf der Centerstage.
Doch für die Unersättlichen ging es auf der Alternastage weiter mit „Peter Fox“ oder „Black Stone Cherry“ im Coca Cola Tent. Dazwischen lagen Welten – ein ausgewogenes Programm für die späte Stunde! Hut ab! Und wem dann noch nicht die Augen zufielen, wem noch nicht die Beine lahmten und wer sich noch nicht auf der Rückfahrt befand, der konnte sich noch zu den verrückten Typen von „Dir En Grey“ austobenÂ… (das sind doch alles Männer, oderÂ…?!).
Mit einem lachenden (wegen der Aussicht auf das eigene WARME Bett) und einem weinenden Auge (weil RaR schon wieder rum war) befanden wir uns das erste Mal in unserer Rock am Ring Geschichte bereits am Sonntag auf der Heimfahrt. Noch einmal umgedreht und gewunken und das Versprechen auf den Lippen und in Gedanken „Bis zum 25jährigen Jubiläum in 2010 – wir könnens kaum erwarten!!“.