Rock am Ring 2006, Depeche Mode, Guns n Roses, Metallica, Placebo, Tool, Franz Ferdinand uvm.
Das ultimative Gipfeltreffen der Superlative fand an Pfingsten 2006 am Nürburgring statt. Doch nicht Montoya und Schumi standen in den Startboxen. Dave Gahan, Axl Rose und James Hetfield lieferten sich ein Kopf an Kopf Rennen um den Titel der größten Rocklegende der 90er Jahre.
Die MLK Konzertagentur hatte es einmal mehr geschafft das Unmögliche zu ermöglichen und lockte in diesem Jahr rekordverdächtige 85.000 Besucher an den Ring. Was Donnerstag noch bitterkalt auf dem Zeltplatz startete entwickelte sich zu einem - wettertechnisch gesehen - humanen Ereignis. Was das Programm und die Stimmung betraf - diese waren beide gewaltig.
Schon früh erfreute sich am ersten Festivaltag eine bunt (und schwarz) gemischte Zuschauerschar über den Auftritt der Dresden Dolls. Zu zweit allein auf der Bühne wusste das Duo zu überzeugen und auch die folgenden Norweger von Kaizers Orchestra sorgten für Laune. Nicht umsonst gilt die Band mit dem Mann mit der Atemmaske an der Pumporgel als Geheimtipp unter Musikinteressierten als auch anderen Stars. Da wurde ordentlich auf die Tonnen gekloppt und mit dem Publikum geschäkert.
Aufgrund eines verpassten Flugzeugs wurde der Auftritt der Babyshambles in die tiefe Nacht hinein verschoben. Doch die großen Musiklegenden Paul Weller himself und Morrissey sorgten für eine unglaubliche Atmosphäre. Auch ein Großteil der Kaizers Orchestra Band nahmen inmitten des Publikums an Morrisseys phantastischem Auftritt teil.
Doch dies war erst der Warmlauf für einen Act, der dieses Jahr Ring-Geschichte schreiben sollte… über einen Artist wurde im Publikum als auch backstage mit Sicherheit am meisten spekuliert, Wetten abgeschlossen und Gerüchte verbreitet. Tritt er auf? Sagt er noch kurzfristig ab? Ist er noch in Form... lebt er überhaupt noch?
Und um 2.00 Uhr nachts war es dann soweit. Special Guest Axl Rose eroberte mit seiner neuen Guns N´Roses Formation den Nürburing und schrieb damit ein eindrucksvolles Kapitel in der Geschichte von Rock am Ring.
„Do you know where the fuck you are….?!!“ - einleitende Worte die den Zuschauer stark an die in Tokyo mitgeschnittene Live DVD der ehemaligen Guns N´Roses erinnerte. Widersprüchlich waren die Kritiken über vorangegangene aktuelle GNR Auftritte, doch am Nürburgring präsentierte sich Axl in Bestform. Gut gelaunt, immer mit einem Spruch auf den Lippen und stimmlich auf hohem Niveau, freuten sich die zahlreichen Besucher nach Welcome to the Jungle u.a. über Live and let die sowie ein wundervolles November Rain mit Axl am Piano wie in guten alten Zeiten. Auch neue Hits kamen nicht zu kurz auch wenn das Publikum anfangs etwas irritiert reagierte. Zu My Michelle lieferten sich Axl und Ex Skid Row Sänger Sebastian Bach sogar ein Duett – wahrscheinlich um ihre Versöhnung vor tausenden Zeugen zu besiegeln.
Mit Pyroeffekten, Feuerwerkseinsatz und unerwartet viel Publikumsnähe vergingen knapp 2 Stunden wie im Fluge. 3 Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte: 1. Axl Rose tritt auf, 2. Axl Rose tritt wirklich GUT auf, 3. Axl Rose gibt mehr als 3 Songs zum Besten. Alle diese Punkte wurden um Längen übertroffen, so dass man sich fast in die 90er zurück versetzt fühlte. Nein besser, denn in den 90ern lieferte er wirklich schlechte Auftritte ab. Natürlich ließen die Soli ein wenig zu wünschen übrig, immerhin war die Anhängerschaft auch die flinken und unvergleichlichen Finger von Slash gewohnt.
Doch die Gunners rockten ohne Zweifel. Kaum zu glauben, dass Axl Rose laut eigener Aussage bereits über 24 Stunden wach war. Bei Paradise City als Zugabe bebte das Publikum. Axl war ohne Zweifel der König des Abends und wusste sich auch bei dem Publikum zu bedanken.
Doch neben all den Größen sollten diese Tage auch die aufstrebenden Bands nicht außer Acht gelassen werden. Eine glanzvolle Leistung vollbrachte am Samstag als einer der ersten Acts Animal Alpha aus Norwegen. Eine Frontfrau mit einer energiegeladenen Stimme und extravagantem Auftreten. Ihr beeindruckendes Stimmspektrum stand der CD Pressung in keinster Weise nach und glich kombiniert mit dem harten Metalspiel der Band einem nordischen Gewitter.
Für harte Töne sorgten anschließend Trivium, Avenged Sevenfold und Bullet for my Valentine auf der Center Stage. Letztere Band gab im Jahr 2005 als Newcomer ihr Ring-Debüt und zogen nun eine riesige Fangemeinde an. Auf gehirnerschütterungsgefährdende Headbangattacken konnte sich der Zuhörer hier gefasst machen. Bei Hand of blood oder The Poison hielt kein Genick still.
Doch auch Lacuna Coil veranschaulichten schön, was es heißt ordentlich die Mähnen zu schwingen. Standen sie des öfteren in Reih und Glied auf der Bühne um das Publikum in das Headbang ABC einzuweisen.
Disco Ensemble bewiesen, dass die finnische Musikszene weit mehr exportfähiges Material als HIM und Konsorten besitzt und spielten ihre punk- und emoangehauchte Skatemusik als sei es das letzte Konzert, das sie gäben. Frontmann Mikko wirbelte über die Bühne wie ein Derwisch und stachelte das recht zahlreich erschienene Publikum an, das artig mitfeierte.
Die Meister der Bang-Musik wurden jedoch um 22:00 Uhr auf der CenterStage erwartet. Metallica gaben sich zum wiederholten male die Ehre und spielten ein umfangreiches Set am Ring. Scharen von Anhängern strömten zu diesem Ereignis, die Security hatten alle Hände voll zu tun. Die Herren Metallica zeigten erneut, dass sie es immer noch großartig drauf haben, auch wenn der Auftritt fast etwas zu routiniert und glatt wirkte. Aber die Jungs haben auch schließlich verdammt viele Jahre Erfahrung!!
Wer danach noch nicht genug hatte konnte über den Fäkalhumor der Bloodhound Gang amüsieren… oder auch nicht. Also ich für meinen Teil war bis dato der Meinung anpinkeln sei eine sexuelle Vorliebe. Doch ich denke nicht, dass Bassist Jared Sänger Jimmy SO sehr liebt ;) Vielleicht wollte er auch einfach nur sein Revier markieren.
Der wirkliche Wahnsinn brach dann endgültig bei Turbonegro aus. Diese Band ist einfach ein Phänomen. Hat sie es doch innerhalb kürzerster Zeit geschafft ihre Turbojugend immens zu vergrößern und beneidenswerte Massen zu ihren Auftritten zu locken. Simpler Punkrock mit frechen Ansprachen und fragwürdigen Bühnenoutfits. Das ROCKT sag ich nur und das Publikum war offensichtlich meiner Meinung. Bei Nieselregen und Eiseskälte wurde getanzt, gehüpft und mitgesungen. „Everybody sell yourbody to the night…..!“
Dann hieß es leider Endspurt, denn der Sonntag nahte mit gnadenloser Geschwindigkeit. Britpoplastig startete der letzte Festivaltag mit einem sagenhaften Auftritt der Kaiser Chiefs. Kein Bein blieb stehenund tanzend gelangte man über die Sportfreunde Stiller zu Franz Ferdinand. Diese trieben einem erst recht die Schweißperlen auf die Stirn. Die Sonne passte hervorragend zur Stimmung der Menge.
Das Programm der Center Stage war Sonntag einfach ZU überzeugend. Franz Ferdinand drückte Placebo das Mikro in die Hand. Zur langsam untergehenden Sonne verzauberte ein gut gestylter Brian Molko die Hörerschaft. Alte Songs wie Alcoholic oder Special K fanden ebenso wie die Songs des aktuellen Albums Meds ihren Platz auf der Setliste. Zum Glück hatten Placebo fast zwei Stunden Zeit, denn natürlich durfte Every me and every you nicht fehlen.
Und da der Rock am Ring Sonntag ja eigentlich der Tag für den Oberhammer-Act ist, hatte sich MLK dieses Jahr etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Nicht nur, dass die sagenhaften Depeche Mode das diesjährige Festival auf der Center Stage abschlossen. Nein, auch wurde zum ersten Mal in 26 Jahren Depeche Mode Bandgeschichte ein Konzert live übertragen!
Was in den nächsten zwei Stunden geschah ist kaum in Worte zu fassen. Ein unglaublich charmanter und äußerst sexy anmutender Dave Gahan führte durch die Setlist und gab eine feine Auslese sämtlicher Depeche Mode Hits mit seiner unvergleichlichen Stimme zum Besten. Das Publikum tanzte und war von der ersten Sekunde an in seinem Bann gefangen. Die Kälte ward vergessen und wer bis dahin seine Stimme noch hatte, verlor sie sicherlich nun bei den Jubelschreien.
Somit neigte sich das Rock am Ring Wochenende auf ein Neues seinem Ende entgegen. Und wie jedes Jahr denke ich mir „Wie kann man das noch toppen??“. MLK hat es bis jetzt jedes Jahr geschafft, lassen wir uns überraschen und bis dahin das umwerfende Festival 2006 auf uns wirken. Es wird eine ganze Weile dauern, diese Wogen von Eindrücken zu verarbeiten. Danke MLK, danke an das gesamte gut funktionierende Organisationsteam und nicht zuletzt auch meinen ganz speziellen Dank an Petrus!