22. Rocknacht - Velvet Revolver, The Hives, Good Charlotte, The Futureheads, Jolly Goods
Die Tradition der Rocknacht geht zurück bis ins Jahr 1986, als in einer denkwürdigen Oktobernacht Bands wie The Mission, Casandra Complex und Rio Reiser in der (inzwischen längst stillgelegten) Bonner Biskuithalle die legendäre Konzertreihe einläuteten. Seitdem hat auf den Rocknächten so ziemlich alles gespielt was Rang und Namen hat. Bei der 22. Auflage heute in Köln darf man wohl getrost von einem der stärksten Line-Ups in der Geschichte des Festivals sprechen.
Ich schaffe es erst gegen 19.30 Uhr ins Palladium. Somit entgehen mir The Futureheads und die Jolly Goods. The Futureheads habe ich allerdings bereits letztes Jahr im Vorprogramm von Pearl Jam gesehen und muss mir die Band nicht ein weiteres Mal antun. Von den Jolly Goods haben wir hier ein CD-Review am Start. Überraschenderweise ist die Halle mit gut 2.000 Leuten nur etwas mehr als zur Hälfte gefüllt. Das überrascht umso mehr, da die Headliner Velvet Revolver heute abend das einzige Deutschland-Konzert ihrer laufenden Europa-Tour absolvieren und Sänger Scott Weiland vor kurzem angekündigt hat, die Band im Anschluss daran verlassen zu wollen. So bleibt diesmal wenigstens die sonst lästige Parkplatzsuche aus. Dass just in dem Moment als ich ankomme "Black" von Pearl Jam läuft, hebt meine Stimmung zusätzlich. Ich mache es mir also mit einem Bier gemütlich und harre der Dinge die da kommen.
Zunächst kommen Good Charlotte. Neben dem aktuellen Album "Good Morning Revival" sorgten die Zwillingsbrüder Joel und Benji Madden zuletzt vor allem durch ihre Beziehungen zu Nicole Richie bzw. Paris Hilton für Schlagzeilen. Joel wurde im Januar Vater einer Tochter, der er mit "Love Song" auch ausdrücklich ein Stück des insgesamt 13 Songs umfassenden Sets widmet. Sphärische Klänge und grüne Laserstrahlen markieren den Startschuss für das Quintett aus Maryland ("The River"). Die Fünf rocken gut ab und die Brüder teilen sich dabei die Führungsrolle auf der Bühne. Leider haben sie durchgängig mit einem ziemlich matschigen Sound zu kämpfen, Joel Madden ist zeitweise kaum zu verstehen. Ihr poppiger Rock, gespickt mit ein paar Punk-Einflüssen und jeder Menge Mitgröhl-Refrains kommt trotzdem gut an. Besonders gefeiert werden die Single-Hits "Girls & Boys" und "Lifestyles Of The Rich & Famous" von ihrem 2002er-Album "The Young And The Hopeless". Zwischendurch streuen sie das immer gern genommene "So Lonely" von The Police ein. Natürlich fehlt auch "I Just Wanna Live" ebensowenig wie die aktuelle Single "Victims Of Love". Live klingt das alles noch um einiges härter als aus der Konserve. Nach rund einer Stunde werden Good Charlotte mit viel Applaus verabschiedet. Das hat Spass gemacht!
Es folgen The Hives, die in ihren witzigen Anzügen im Mod-Style schon rein optisch einen krassen Gegensatz zur rebellischen Rockstar-Attitüde von Good Charlotte darstellen. Und noch dazu mit Howlin` Pelle Almqvist über einen Mann am Mikro verfügen, der es versteht charmant und symphatisch rüberzukommen. Vom Opener "Hey Little World" an herrscht mächtig Betrieb auf der Bühne, Almqvist animiert die Fans fast pausenlos (auch auf Deutsch) und diese folgen ihm bereitwillig. Besonders als er bei "Walk Idiot Walk" auf Tuchfühlung in den Graben geht (was er im Verlaufe des Sets noch einige Male wiederholt). Mit den Songs ihres aktuellen Longplayers "The Black And White Album", aber auch mit älteren Stücken (wie z.B. "Die, All Right" von 2000) brennen die sechs Schweden ein Feuerwerk der guten Laune ab, das jeden in der Halle mitreißt. Längst haben sich alle ihrer Jacken und Krawatten entledigt. "Are you ready for your ass to kick it?" lautet das Motto. Ihr Mix aus Rock und Punk manifestiert sich in Stücken wie "Try It Again", "No Pun Intended", "Diabolic Scheme", "You Got It All... Wrong" oder "Tick Tick Boom". Die ersten Crowdsurfer nehmen ihre Arbeit auf. Obwohl die Klatsch- und Schreianimationen von Almqvist auf Dauer etwas penetrant wirken, dürfen The Hives erst nach zwei Zugaben und 75 Minuten gehen. Sie sind bis hierhin eindeutig die Gewinner des Abends. Rock`n Roll in Vollendung!
Doch der Hauptact kommt ja erst noch: Velvet Revolver, die Supergroup um die Gunners Slash, Duff McKagan (Bass) und Drummer Matt Sorum sowie Stone Temple Pilots-Shouter Scott Weiland. Dazu Dave Kushner an der Gitarre. Im Publikum sieht man denn auch einige Guns N`Roses-Kutten. Während die eine Hälfte der Fans nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf das "neue" Guns N`Roses-Album "Chinese Democracy" wartet (dabei wäre der Titel heutzutage aktueller als jemals zuvor), tröstet sich die andere Hälfte halt mit Velvet Revolver. Apropos Ewigkeit: Laut Ablaufplan sollen Velvet Revolver um 23 Uhr starten. Schon als im Hintergrund der Bühne das Logo des aktuellen Albums "Libertad" hochgezogen wird, brandet Jubel auf. Als die Band dann aber um 23.35 Uhr immer noch nicht da ist, verwandelt sich dieser in Buh-Rufe und einen Hagel (voller und leerer) Bierbecher in Richtung Schlagzeug. Nach weiteren zehn Minuten geht es endlich los. Und Velvet Revolver entschädigen ihre Fans vollends für die lange Wartezeit. Weiland mit Sonnenbrille und zur Abwechslung mal wieder schwarzen Haaren, Slash mit der obligatorischen Zigarettenkippe, die ihm im Mundwinkel festgewachsen zu sein scheint. Und sie sind laut, sehr laut.
Den Anfang machen "Let It Roll" und "She Mine". Der Sound ist ein einziger Brei. Offenbar hat der Soundmann in der Pause ebenfalls ein paar Bier (zuviel) genossen. Velvet Revolver beeindruckt das wenig. Über "Big Machine" und "American Man" rocken sie sich druckvoll und punktgenau zum ersten Höhepunkt, dem Stone Temple Pilots-Cover "Vasoline". Herrlich! Danach gibt es mit "Last Fight" eine erste Verschnaufpause. Weiland ist schon komplett durchgeschwitzt, Slash & Co. versprühen eine Menge Spielfreude und in den ersten Reihen geht gepflegt die Post ab. So soll es sein. Selbst der Kollege am Mischpult scheint zur Besinnung gekommen zu sein, denn der Sound ist jetzt deutlich besser. Das ist auch nötig, folgt mit "Interstate Love Song" ein weiteres (sehr geiles) Coverstück der Stone Temple Pilots. Danach das fast noch genialere "Patience" von Guns N`Roses und "Fall To Pieces" vom ersten Velvet Revolver-Album "Contraband" (2004). Das Palladium feiert! Weiland gibt sich betont cool, spielt mit dem Megaphon herum und ist stimmlich in Topform. Mit "It`s So Easy" wird volle Möhre weitergerockt, bevor Slash zu einem mehrminütigen Solo ansetzt. Yeah, that`s what we call Rock`n Roll! Aus dem Solo entsteht "Set Me Free", das Slash mit der Gitarre hinter dem Kopf spielt.
Zum Zugabenblock, der mit "Mr. Brownstone" beginnt, erscheint Weiland in einem frischen Hemd. Velvet Revolver lassen den dritten Stone Temple Pilots-Kracher vom Stapel, "Sex Type Thing", welcher mit allerlei Improvisationen und Wechselgesang zwischen Weiland und den Fans locker auf die doppelte Länge ausgedehnt wird. Slash bearbeitet sein Instrument jetzt im Sitzen und auf den Knien. "Slither" bildet den fulminanten Schlußpunkt eines abwechslungsreichen Sets. (Zylinder-)Hut ab! Ein anderthalb Stunden langer, absolut überzeugender Auftritt und würdiges Ende für einen insgesamt sehr kurzweiligen Abend im Palladium. Klasse! Ich bin um 2 Uhr im Bett und darf die Uhr dann auch noch um eine (geklaute) Stunde vorstellen. Trotzdem freue ich mich schon jetzt auf die 23. Rocknacht im kommenden Jahr, hoffentlich dann wieder in ähnlicher Qualität wie diesmal!
Übrigens gibt es Anfang Mai noch zwei weitere lange Rocknächte im WDR Fernsehen. Von Donnerstag auf Freitag, 02.05. (0.25 bis 3.25 Uhr) mit den Gigs von Velvet Revolver, Good Charlotte und den Jolly Goods und von Sonntag auf Montag, 05.05. (0.45 bis 2.45 Uhr) mit The Hives und The Futureheads. Da fällt die Entscheidung schwer. Guckt euch einfach alles an. Es lohnt sich!