Tour 2008 - Support: Dear Euphoria
Gießen, 20:40 Uhr. Vor dem Musik- und Kunstverein wartet eine größtenteils studentische Schar fröstelnd auf den Einlass. Dass jemand wie Rocky Votolato im verschlafenen Mittelhessen eine solche Anziehungskraft besitzt, dass sein Konzert von der kleinen ’1022’ Kneipe des MuKs sogar kurzfristig in den größeren ’Blauen Saal’ verlegt werden muss, überrascht mich ehrlich gesagt dann doch. Endlich im Warmen angekommen füllt sich der erste Stock des ehemaligen Wehrmacht Bunkers stetig und im Lauf des Abends zu ca. zweidrittel. Der hintere Teil in dem eigentlich immer eine Theke ist, wird zwar zum Backstagebereich umfunktioniert, trotzdem war es eine gute Entscheidung die Veranstaltung zu verlegen. Einige der zahlreich Erschienenen hätten sonst wohl leider draußen bleiben müssen.
Als Vorband für Rocky Votolato fungiert an diesem Abend das schwedische Trio Dear Euphoria. Um viertel nach Neun beginnt die Band um Sängerin Elina Johansson (der Name Dear Euphoria ist eigentlich ihr Alter Ego) ihr Set und spielt elf melancholisch-depressive Songs. Schwere Kost und absolut nichts für mich. Handwerklich (soundprägend sind Piano und Geige) sicher einwandfrei, bedrückt die ganze Geschichte einen eher, als das sie mitreißt und interessiert. Man merkt, dass ich mit dieser Meinung über die dargebotene Klagemusik im MuK nicht alleine bin.
Aber genug von der uneuphorischen Vorband und hin zu Rocky Votolato. Der ehemalige Waxwing-Frontmann aus Seattle startet gegen viertel nach Zehn – ausgerüstet mit Dylan-Rig und Akustikgitarre – in sein Set. Er eröffnet den Abend mit „Alabaster“ von seinem dritten Studioalbum „Suicide Medicine“ und hat das Publikum sofort auf seiner Seite. Votolato’s prägende Stimme und die spartanische Art und Weise seine Songs nur mit Hilfe der Akustikklampfe (und dem erwähnten und von Zeit zu Zeit auftauchenden Dylan-Rig) vorzutragen, funktioniert perfekt. Ob „The Night’s Disguise“, „Portland Is Leaving“ oder der Protestsong „Automatic Rifle“, Rocky Votolato ist ein äußerst vielversprechender junger Songwriter, der es versteht sich standesgemäß zu präsentieren und etwas auszudrücken was viele bewegt.
Am Anfang des einzigen wirklichen Covers des Abends („Sink, Florida, Sink“ von Against Me!) verspielt sich Votolato zur eigenen und zur Publikumsbelustigung – nur um wenige Sekunden und ein paar Lacher später genau an der Verspielstelle wieder einzusetzen und den Song großartig zu beenden. „Ich war noch nie hier, aber trotzdem sind so viele Leute da. Vielen Dank!“, sagt Votolato etwas später zwischen zwei Songs. Ob während „Tinfoil Hats“, „Postcards From Kentucky“(dem einzigen Stück der aktuellen LP „The Brag And Cuss“), „I’ll Catch You“ oder „Every Red Cent“, man merkt dem Amerikaner an, wie sehr er sich über den Zuspruch des begeisterten Publikums freut. Sogar Stücke seiner alten Band Waxwing habe er dieses Jahr zur Abwechslung mal im Set, verkündet der Sänger und steigt zur Freude der Fans in „Where Did The Time Go“ vom zweiten Album („One For The Ride“) der Band ein. Die zurückgenommene Spontaneität des abgespeckten Arrangements tut dem Song dabei besonders gut.
Nach gut einer Stunde verlässt Votolato nach „Makers“ und „Suicide Medicine“ die Bühne – den Zugabewünschen der Zuschauer kann und will er sich allerdings gar nicht lange verwehren. Drei Songs (u.a. ein brandneues Stück) gibt’s zum Abschluss. Speziell „The Night And The Sound“ und die Waxwing-Nummer „One For The Ride“ sind perfekte Rausschmeißer und Schlusspunkte unter einen gelungenen und überraschend gut besuchten – aber mit knapp 70 Minuten dann doch leider etwas zu kurzen – Abstecher ins verschlafene Mittelhessen. Man darf hoffen, dass Rocky den Weg hierher in Zukunft noch das ein oder andere Mal finden wird.
Nachtrag: „One For The Ride“ stellte nicht das Ende des Konzerts dar. Fälschlicherweise verließ ich mich auf das angehende Licht und die einsetzende Tonbandmusik und verpasste so (wie viele andere die sich auf den Heimweg machten) „Mixtapes/Cellmates“ und „Montana“. Schade!