Ruisrock Festival 2008 mit HIM, Hanoi Rocks, Ministry, The 69 Eyes, Nightwish uvm.
Der Festivalsommer war den Festivalfans in diesem Jahr friedlich gesinnt. Nach einem milden Rock am Ring, durften sich auch mehrere tausend Besucher des diesjährigen Ruisrock Festival auf Ruissalo in Turku über strahlenden Sonnenschein freuen.
Zum Startschuss am Freitag eröffnete die finnische Band I Walk The Line das Festival in Nähe des Strandabschnittes. Somit stieg der Spaßfaktor, denn die Bademöglichkeit neben der Rantalava Bühne konnte genutzt werden. Und auch wenn das Wasser und der Wind noch ein wenig frisch waren, ließen sich diese Gelegenheit ein paar Wagemutige nicht entgehen. Wem es zu heiß wurde, der konnte sich zur Bühne im Zelt (Teltta) zurück ziehen und Stam1na ansehen. Die finnische Metalband, deren aktuelles Album „Raja“ sofort auf Platz 1 der finnischen Albumcharts landete, ließ das Zelt beben. Ein guter Auftakt für Anti-Flag. Die Punkrocker aus den Staaten zogen ihr Set energiegeladen und professionell durch. Angst vor Körperkontakt schien den Bandmitgliedern auch ein Fremdwort. Bassist Chris begab sich auf Handschlag mit der Front. Den Running Circle hatte das Publikum zu dem Zeitpunkt noch nicht so ganz intus, doch es wurde zur Genüge nach dem alten Stil gepogt und gesprungen. Zu Raised Fist funktioniert der Running Circle dann immerhin ansatzweise. Die Hardcore-Fraktion der alten Schule zog ein gemischtes Publikum. Erstaunlich viele junge Gesichter waren zu erblicken. Frontmann Alexander Rajkovic sprintete über die Bühne und schrie ins Mikro, dass es niemanden mehr an seinem Platz hielt. Das Publikum ließ sich von den vom Kampfsport durchtrainierten Frontmann anstecken. Als Rajkovic den Finnen seinen Respekt zollte und eine kleine Rede über das falsche ignorante Verhalten der Schweden gegenüber der Finnen hielt, war der Jubel natürlich enorm. Als ihm kurz darauf das Mikrofon aus der Hand flutschte begab er sich sofort in Liegestützposition und sang ohne mit der Wimper zu zucken per Liegestütz-Workout weiter.
Konnten sich also die Frauen an dem beeindruckenden Körperbau Rajkovics erfreuen, gab es für die männlichen Besucher mit The Sounds ein wirklich großartiges Augenschmankerl. Frontfrau Maja Ivarsson in superknappen Hotpants und High Heels – selbst ich (als Frau) kann mich nicht mehr an die ersten Songs erinnern, so gebannt war ich durch die Schönheit und Ausstrahlung dieser Powerfrau. Der Elektro-Pop der Schweden animierte dann mehr zum Tanz. Eine gelungene Abwechslung nach soviel aggressiver Musik vorab.
Zwei Highlights des ersten Festivaltages stellten dann als letzte Bands im Programm Nightwish und Ministry dar. Die Finnen von Nightwish performten auf der Niitylava Bühne und die realtiv neue Frontfrau Anette Olzon wurde von dem finnischen Publikum herzlich aufgenommen. An Effekten und Live-Qualitäten fehlte es der Band – wie gehabt – in keinster Wiese. Professionell und sympathisch spielten sie ihr Set.
Doch ebenso wenige ließen sich Ministry entgehen, immerhin befanden sich diese auf ihrer letzten Tour vor ihrer Auflösung. Eine Band, der ich an dieser Stelle meinen Respekt zollen möchte, so wie Raised Fist es gegenüber dem finnischen Publikum taten. Kaum eine andere Band hatte einen solchen Einfluss auf die Industrial-Szene. Ihre Musik, sowie ihre ständig politisch-kritischen Texte stellen einen Meilenstein in der Musikgeschichte dar und auch wenn schweren Herzens, so muss man Ministry alsbald in den wohlverdienten Ruhestand gehen lassen. Passenderweise erklang vor dem erscheinen der Band der Song „I’m not gay“ von den Revolting Cocks, ein Nebenprojekt von Al Jourgensen und Mitgliedern von Front 242. Doch on Stage konnte man Al Jourgensen die Müdigkeit ansehen. Zwar erklangen seine Vocals einwandfrei, doch träge schienen seine Bewegungen. Ob er altersbedingt oder die Auftritte einfach müde war, konnte man jedoch nicht erkennen. Nichts desto Trotz waren Ministry ein großartiges Erlebnis. Lange erklangen alte Songs neben neueren aus den Lautsprechern der Paviljonkilava Bühne und begleiteten die Besucher in ihrem Gedächtnis auf dem langen Rückweg ins Zentrum Turkus.
Wer die erste Nacht nicht noch im menschengefüllten Herzen Turkus durchgefeiert hatte, konnte sich um 12 Uhr morgens von den Qulitäten Lapkos überzeugen. Und an Überzeugungskraft mangelte es den Jungs von Lapko nicht im Geringsten! Das Teltta war schon zu solch früher Stunde überraschend gut gefüllt und immer Menschen strömten hinzu. Die Band torkelte nicht im Alkohol- sondern im Musikrausch über die Bühne und mehr als einmal waren die Befürchtungen, Sänger Malja würde aufgrund seiner Bühnenaktivitäten seinen Einsatz verpassen, überflüssig. Immer wieder schaffte er es, seinen Spurt über die Bühne zur letzten Sekunde vor seinem Einsatz zum Mikrofon zu lenken und dann auch noch ohne Qualitätsverluste zu singen. Man konnte den Bandmitgliedern ansehen, dass sie ihre Musik lebten und liebten. Das zog und steckte an. Von aggressiven Songs wie „Dead Disco“, dem sanfteren „Killer Whales“ oder ihrem Hit „All The Best Girls“ bezauberten die Jungs aus Finnland und ließen in unserem Interview später auch verlauten, dass sie gerne erneut in Deutschland auf Tour kommen würden.
Der Samstag war geprägt von finnischen Heroen. Nach Poets Of The Fall zur Abwechslung mal weg vom Metal hin zu Hardcore / Punkrock von Disco Ensemble. Die Jungs, die sich auch in Deutschland einen immer größeren Namen erkämpfen schrien und sprangen unermüdlich auf der Bühne. Eine Show, von der man nie genug bekam. Und ebenso wie ihre Kumpels von Lapko erkannte man die Freude am Musik machen.
Eine Wendung der etwas düsteren Art kam dann mit The 69 Eyes zwei Stunden später. Und die Älteren hingen den Jüngeren in keinster Weise hinterher. Die Goth n Roller zogen eine große Masse an und rockten durch ihre Setlist von „The Chair“ bis „Lost Boys“. Manche mögen vielleicht sagen, die Eyes würden sich nie ändern, doch genau diese Beständigkeit macht die Band aus. Es ist schön, dass es etwas gibt auf das man sich verlassen kann – und die Live-Qualität ist nach wie vor unbestreitbar. Selbst das The Doors Cover von „L.A. Woman“ erklang einwandfrei im 69 Eyes Stil und das obwohl man von den Songs von The Doors normalerweise die Finger lassen sollte. Die 69 Eyes haben sich daran selbige jedenfalls nicht verbrannt.
Wer dann genug von der dunklen Zeit hatte, konnte sich eine optische und klangliche Erfrischung bei The Ark abholen. Ganz in neckischem Gold gekleidet erschien ein kaum wiederzuerkennender Ola Salo auf der Bühne. Der Bart, den er sich für seine Musicalrolle in „Jesus Christ Superstar“ hatte wachsen lassen ließ ihn wahrhaftig wie ein Jesus aussehenÂ… und passte so überhaupt nicht zu dem goldenen Spandexanzug und den tuntigen Bewegungen. Doch ob Bart oder nicht, es blieb immer noch Ola Salo und dieser zog einmal mehr eine erheiternde Show ab. Durch die Musicalerfahrung hatte seine Stimme eindeutig an Volumen gewonnen und die Experimentierfreudigkeit hatte zugenommen. An manchen Stellen klang der Einsatz jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Doch irgendetwas wollte an dem Bühnenbild nicht stimmen. Bassist Leari hatte den Weg nach Finnland nicht angetreten, da Nachwuchs vor der Tür stand. Dafür borgten sich die Schweden kurzfristig Niklas Stenemo von ihren Kollegen der Band. Melody ClubÂ… auch dieser machte sich gut im güldenen Jäckchen.
Natürlich durften bei Ruisrock auch die beiden größten Vorreiter der finnischen Musik nicht fehlen. Hanoi Rocks rockten den Strandabschnitt und HIM schlossen den Samstag auf der Niittylava Bühne ab. Glamrock und extrovertierte Bühnenshow bei Hanoi Rocks und ruhige, melancholische Atmosphäre bei HIM. Hier war für jeden etwas dabei. Ein flippiger Andy Mc Coy, der mit stierem Blick, bunter Jacke und Federboa über die Bühne stolziert und ein andächtiger, schwarz gekleideter Ville Valo der seine Songs ins Mikro haucht. Ein Glück spielten die Bands zu unterschiedlichen Uhrzeiten, denn beide zogen wahrscheinlich einen Großteil der Menschen an und kaum einer hätte sich entscheiden wollen zwischen den beiden. Ein cleaner Ville (abgesehen von einer ständig glühenden Zigarette), dessen Bühnenqualitäten sich während der letzten Konzerte ein Glück einigermaßen eingependelt haben. Eine gut gelaunte Band und erwartungsvolle Zuschauer. Besser konnte der Samstag kaum enden.
Der letzte Tag des Festival startete für Frühaufsteher mit einem elektonisch angehauchten Leckerbissen. Die Wahl-Berliner und Ursprungs-Dänen von Dúné erfreuten sich über enormen Andrang bei ihrem Auftritt. Und das hatten sie auch verdient. Die Jungs und das eine Mädel, die in Deutschland bereits viel mehr als nur ein Geheimtipp sind, haben sich offensichtlich auch in Finnland durchgekämpft. Erfreut über diese Tatsache gaben sie gut gelaunt ihr Bestes und das warÂ… einwandfrei. Getanzt wurde zu „80 Years“, „Bloodlines“, sowie einem brandneuen Lied, das zuvor erst zweimal live gespielt wurde! Diese Band sollte man sich merken, ein Konzertbesuch lohnt sich.
Gegen 14 Uhr füllte sich das Festivalgelände mehr und mehr. Die diesjährigen Eurovision Teilnehmer Finnlands Teräsbetoni hatten die Ehre auf der Niittylava Bühne aufzutreten. Das Publikum, das sich davor versammelte war zwar nicht so groß wie erwartet, doch jubelte es dafür umso mehr.
Von der einen Metalpeitsche ging es dann über zu Bullet for my Valentine auf der Rantalava. Die Waliser zogen kreischende Mädchen an, die sich lautstark über die Fotografen im Graben beschwerten. Auch die ein oder andere Plastikflasche kam geflogen – sehr verwunderlich, verhielt sich das finnische Publikum sonst doch immer sehr ruhig und friedlich. Doch wenn die Hormone einmal durchdrehenÂ…! Bullet bretterten einen Hit nach dem anderen runter. Auf die „soften“ Songs – sofern man bei Bullet überhaupt von Balladen sprechen kann – ließen sie unter den Tisch fallen, wohl wissend dass Finnland für seine Metalvorliebe bekannt ist. Somit beschränkte sich die Setlist auf Songs mit einem Härtegrad zwischen „Scream, Aim, Fire“ und „Waking The Demon“. Also hart, härter und noch eins drauf.
Beruhigen konnte man das hochgekochte Blut dann zu Kent. Hier wurde eifrig mitgesungen und friedlich geschunkelt. Ein guter Einstieg zu Interpol die einige Stunden später ihren Auftritt hatten. Hier wurde es dann etwas schneller und die Festivalbesucher sammelten ihre letzten Kräfte, um mit zu tanzen. Nicht vielen gelang das, immerhin war es ein langes Wochenende, doch immerhin ein paar stolperten umher.
Guten Gewissens konnte man das Festivalgelände dann verlassen. Das Wetter hatte mitgespielt, die Atmosphäre war einwandfrei. Ein wunderschönes Ruisrock und wir warten schon mit gespannter Vorfreude auf das nächste Jahr und vor allem auf das 40-jährige Jubiläum in 2 Jahren.