Time Machine Tour 2011
Sonntagnachmittags auf dem Sofa. Telefon klingelt. Der Herr Chefredakteur: ob ich für einen Kollegen einspringen und heute abend zu Rush gehen könnte. Aber holla, klar mach’ ich das. Zum dritten Mal in meinem Leben – nach 1988 und 2004 – werde ich mir also den kanadischen Superlativ-Dreier antun, zum dritten Mal in der Frankfurter Festhalle. Doch richtig darauf einstellen kann ich mich nicht: es ist nach vier, und der Einlass ist schon um 17:30 (!). Tja, 42 Jahre Bandgeschichte sollen noch vor 22:00 Uhr aufgearbeitet werden – da hat man an die Fans gedacht, die am Montagmorgen wieder zur Arbeit gehen müssen.
Rush haben kein neues Album im Gepäck, sie zelebrieren auf der Time Machine Tour hauptsächlich ihr bisheriges Schaffen. Die Anlehnung an H.G. Wells ist dafür ein nicht allzu origineller, aber passabler Aufhänger. Die Bühne ist gestaltet wie die Zeitmaschine aus dem gleichnamigen Filmklassiker, dahinter ein Vorhang bzw. eine Leinwand. Eine klassische Backline ist nicht zu sehen. Ziemlich genau um halb sieben wird das Konzertgeschehen mit einem kleinen witzigen Filmchen eröffnet, das die Musiker in Verkleidung zeigt und auf das Thema Zeitmaschine und den Opener hinarbeitet: "The Spirit Of Radio". Es folgt dem Motto entsprechend "Time Stand Still" – ein frommer Wunsch war das damals 1987, auch an Rush ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Alex Lifeson offenbart auf dem Hinterkopf "Platte", etwas fülliger war er ja schon länger, und das ist Neil Peart jetzt auch. Lediglich Geddy Lee wirkt noch wie früher. Dafür spielt seine Stimme nicht mehr überall mit, was vereinzelt eine Änderung der gewohnten Melodielinien bedingt. Das alles fällt nicht ins Gewicht, denn vom ersten Ton an legen die Herren gediegenste Spielfreude aufs Parkett.
Die musikalische Zeitreise geht kreuz und quer, mal zurück ("Presto", "Freewill") und dann wieder vor. Das großartige "Counterparts"-Album kommt dann gleich doppelt zu Ehren, und vor allem das Instrumental "Leave That Thing Alone" kommt heute Abend so umwerfend, dass Lee hinterher fast entschuldigend anmerkt, es ginge halt manchmal noch immer mit ihnen durch. Zwei Songs von "Snakes & Arrows" sowie ein ganz neuer ("I Was Brought Up To Believe", das Album soll im Herbst folgen) belegen, dass Rush sich in der Neuzeit treu geblieben sind. Alex Lifeson gibt seinem Techie ordentlich Arbeit für sein Geld, nach fast jedem Song wird die Gitarre gewechselt, eine schöner als die nächste. Am Ende von "Marathon" gerät er kurzzeitig in Akkordfindungsschwierigkeiten, aber das stört keinen großen Geist. Zu meiner großen Freude beendet mein Lieblings-Rush-Song Set 1: "Subdivisions", abgefeuert als konzertantes Brillantfeuerwerk.
Pause! Rush-Konzerte sind anstrengend, das waren sie schon immer. Sie sind a) immer schweinelaut, b) immer brechend voll, die Musik ist c) zum großen Teil sehr komplex und wird d) zu allem Überfluss auch noch von Videos untermalt, die die Aufmerksamkeit nicht wenig fordern. Ich muss an die Worte aus dem Opener denken: "All this machinery making modern music can still be open-hearted. Not so coldly charted, it's really just a question of your honesty". Rush sind eines mit Sicherheit nicht: Rock’n’Roll! Sie sind das Paradigma des großen Theaters im besten Sinne. Eine geschmiert laufende Maschine, aber immer integer – musikalisch wie menschlich. Vergleiche mit anderen Bands, die mit ein oder zwei verbliebenen Gründungsmitgliedern Geschichte verwalten, verbieten sich von selbst.
Am Ende der Pause erscheint ein Zeitmaschinenzählwerk auf der Leinwand und zählt auf bis 1980. Dann wieder ein witziges Filmchen, und es ertönt "Tom Sawyer" – von der Pausentemperatur geht es übergangslos in den Siedepunkt, die Festhalle wird zum Schnellkochtopf. Der Mischermeister hat die Lautstärke offenkundig noch etwas nach oben reguliert, und beim anschließenden "Red Barchetta" soliert Geddy Lee mit einem solchen Punch, dass Ohren und Magen gleichzeitig erschüttert werden. Es folgt "Yyz", und erst da macht mich die Reihenfolge stutzig: sie werden doch nicht ... Doch! Rush spielen das komplette "Moving Pictures"-Album in einem Rutsch durch. Wie sich später herausstellt, war das so angekündigt, und so gut wie jeder außer mir wusste es auch vorher. Tja, wenn man sich nicht vorher schlau macht! Genau wie ich mir die Mühe hätte sparen können, Song für Song mitzunotieren – die Setlist der Time Machine Tour lässt sich mittlerweile schon bei Wikipedia nachlesen! "All this machineryÂ…" (s.o.). Nach der Komplett-Rezitation des Klassikers von 1981 gibt es noch das brandneue "Caravan", und dann...
Man hätte vermuten können, dass bei 42 Jahren Material kein Platz mehr dafür wäre, aber ein Rush-Konzert ohne Drumsolo würde womöglich die Gesetze der Metaphysik in Frage stellen oder den Lauf der Sterne verändern. Wobei "Drumsolo" bei dieser Tour eine Verniedlichung ist. Was Neil Peart hier abzieht, ist ein kleines musikalisches Meisterwerk in sich, mit angetriggerten Samples und mystisch-melodischen Anteilen, das übergeht in ein Swing-Finale mit gesampeltem Orchester, eine High-Tech-Verneigung vor Buddy Rich.
Alex Lifeson betritt mit 12saitiger Akustikgitarre die Bühne, fiedelt ein kleines Intro ab, und damit beginnt das finale furioso: "Closer To The Heart", die Ouvertüre und "The Temples Of Syrinx" aus "2112" – nichts scheint Rush-Fans glücklicher zu machen als diese ollen Kamellen! "Far Cry" ist der letzte Song, bevor Rush unter dem frenetischen Jubel vieler tausend Besucher die Bühne verlassen. Ich würde mir für die Zugaben noch "Red Sector A", "Hold Your Fire" oder ein paar andere weniger komplexe Stücke zum Runterkommen wünschen. Aber die Herren haben da andere Vorstellungen. Sie kommen noch einmal raus und performen die ellenlangen Komplexitäts- und Stressmonster "La Villa Strangiato" und "Working Man", auf dass auch der Letzte, der noch steht, seinen Knockout erhält und alle wie geprügelte Hunde die Halle verlassen mögen. Doch der gemeine Rush-Fan will genau das. Ihr habt’s uns mal wieder ordentlich besorgt, Jungs – vielen Dank dafür!