Tour 2004
Eins muss man ihm lassen, das Bonner Brückenforum ist wirklich eine sehr gepflegte Location. Eigentlich mehr Saal als Halle, es gibt keinen Graben (in der ersten Reihe steht man förmlich mit auf der Bühne) und aus fast jedem Winkel ist die Sicht uneingeschränkt gut. Alles sehr benutzerfreundlich! Obwohl ich miserabel bin im Schätzen, werden es an diesem Abend doch so um die 1.000 Leute sein, die – ebenso wie ich – gespannt darauf sind, was die alten Helden von Saga live noch so alles draufhaben. Was wiederum die schon bekannte treue deutsche Fangemeinde unterstreicht.
Fünf Minuten früher als angekündigt geht`s mit der Vorgruppe los: Alias Eye, ein Quintett aus Mannheim (aktuelles Album: „Field of Names“). Nett, solide, harmlos und leider auch vollkommen langweilig. Während ihres 35 Minuten-Auftritts versuche ich krampfhaft an etwas anderes als an Marillion zu denken. Ohne Erfolg! Sorry Jungs, aber mehr als freundlichen Applaus kann man dafür nicht geben.
Die Umbaupause nutze ich, um mein persönliches Heldenepos von Saga nochmal auf dem geistigen Plattenteller ablaufen zu lassen: „In Transit“. Mittlerweile auch schon 22 Jährchen her... Wer kennt es nicht, das Intro von damals? „Ladies and Gentlemen, would you welcome... Sagaaaaa” – damit begann eines der genialsten Livealben ever.
Um kurz vor 21 Uhr sind sie dann auch leibhaftig wieder da: Michael Sadler, Jim Gilmour, Christian Simpson (der neue Drummer) und die Gebrüder Crichton. Als Intro laufen diesmal Radioeinblendungen aus dem „Network“, im Hintergrund erhebt sich der berühmte Alienkäfer auf der Leinwand (zeitweise abgelöst von einem überdimensionalen Saga-Schriftzug) und mit „On the Air“ geht gleich die Post ab. Welches Stück wäre besser als Opener geeignet? Der Sound ist absolut perfekt und Michael Sadler stimmlich in Topform (was das ganze Konzert über so bleiben soll). Nur die Lightshow ist für meinen Geschmack etwas zu hell für`s Forum. Aber sei`s drum!
Weiter geht es mit „Keep it reel“, bevor „Careful where you step“ als erster Uralt-Knaller folgt. Die Stimmung steigt entsprechend. Ian Crichton lässt sein ganzes Können aufblitzen. Der Mann ist zwar klein gewachsen, aber an der Gitarre ein Riese.
Mit „Runaway“ reissen Saga endgültig die Türen zur Zeitmaschine auf. „On the loose“, „Wind him up“ und „Amnesa“ bringen das ohnehin schon aufgewühlte Auditorium vollends zum Kochen. Was Crichton da mit seinem Instrument (und später noch an der Akkustikgitarre) veranstaltet ist wirklich meisterlich. Ich spüre, wie mir ein original niederländisches Hühnerfell bis unter die Fußsohlen kriecht...
Nach „Framed“ ist dann erstmals Durchatmen angesagt. Für „Times up“ (Ballade!) übernehmen die Fans komplette Gesangsparts und Sadler dirigiert sie dazu von der Bühne aus. Ruhig bleibt es auch, als Jim Gilmour seine Klarinette auspackt und „No Regrets“ zum Besten gibt. Die erste Reihe hat da schon längst ihre Feuerzeuge abgebrannt.
Anschließend haben alle genug Luft geholt, um mit „No Stranger“ kräftig weiter zu rocken. Da die Kanadier aber nun mal doch nicht mehr die Allerjüngsten sind, kommt die nächste Verschnaufpause schneller als gedacht. Bis auf Gilmour verlassen alle die Bühne und der spielt alleine mit sich und seinem Synthesizer ein wunderschönes „Scratching the Surface“. Danach gesellt sich zumindest Sadler wieder dazu und im Duett gibt es noch „Wish I were you“ obendrauf.
Ebenfalls vom neuen Album „Network“ folgen dann (neben dem Rest der Band) „Believe“ und „Don`t make a sound“, zwei Stücke, die live tausendmal besser rüberkommen als auf der CD. Warum nicht gleich so?
Mit „Not alone“ geht es langsam aber sicher dem Ende des regulären Sets entgegen. Ian Crichton darf sich nochmal so richtig austoben. Once he starts it`s hard to stop… Sadler bittet mitten im Stück die Fans erst um Ruhe (was inzwischen fast unmöglich ist), um sie dann lauthals den Refrain singen zu lassen. End- und mein ganz persönlicher Höhepunkt ist „Don`t be late“. Ich habe einen Hauch von Tränen in den Augen! Echt jetzt!
Unter stürmischen „Zugabe“-Rufen lassen sich Saga nicht lange bitten und kehren mit „Flyer“ nochmal zurück auf die Bühne. Nach gut zwei Stunden und insgesamt 22 Songs ist dann „Humble Stance“ der endgültige und mehr als würdige Abschluss eines großartigen Konzertes!
In dem tröstlichen Bewusstsein, dass Saga offensichtlich noch lange nicht zum alten Eisen gehören, geht man auseinander. Die Fünf haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie es nach wie vor können! Melodic-Rock pur, ehrlich und vor allem eigenhändig! Dagegen können nicht nur die ganzen Eintagsfliegen aus der Retortenschmiede locker einpacken. Aber die besonders! Und zwar zügig bitte!
Zum guten Schluß geht mein ganz spezieller Dank noch an die nette Dame aus Siegen! Sie weiß schon warum...