Von Ewigkeit zu Ewigkeit-Tour 2010
Im vergangenen Jahr schafften Selig mit "Und endlich unendlich" ein furioses Comeback. Eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands nahm nach zehnjähriger Abstinenz wieder ihren Thron ein. Mit dem Anfang Oktober veröffentlichten Nachfolger "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" konnten die in den Neunzigern als "deutsche Antwort auf den Grunge" gefeierten Hamburger ihre alten Fans dann endgültig zurückgewinnen. Und massenhaft neue dazu. Köln ist nach Österreich und der Schweiz heute die erste Deutschland-Station der aktuellen Tour, die noch bis kurz vor Weihnachten andauern und in ihrer Heimatstadt ausklingen wird.
Das Konzert im E-Werk ist nicht ganz ausverkauft, es gibt noch Restkarten an der Abendkasse. Der denkmalgeschützte Laden an der Schanzenstrasse in Köln-Mülheim fasst etwa 2.000 Leute und als um 20.15 Uhr der Startschuss fällt, sind es wohl auch nicht viel weniger, die sich hier heute abend eingefunden haben. Sie werden ihr Kommen nicht bereuen.
Zum Opener "5.000 Meilen" ist die Bühne in ein lilafarbenes Licht getaucht, sphärische Klänge wabern durch künstlichen Nebel, Gitarrist Christian Neander steht im Dunkel und bearbeitet sein Instrument, bevor der Rest der Band und schließlich Frontmann Jan Plewka auftauchen. Ein stimmungsvoller Auftakt. Im Hintergrund hängen fünf drehbare Stoffbahnen, auf denen es allerlei Projektionen zu bewundern gibt. Beim Titelsong des neuen Albums fliegen wir durchs All, während "Hey Ho" regnet es Sterne. Überhaupt sind die Lightshow und die visuellen Einspielungen geschmackvoll gewählt. Höhepunkt dabei ist der Effekt, als das Quintett vor "Du siehst gut aus" hinter einer Wand aus transparentem Wellplastik zu stehen scheint.
Aber wir sind ja nicht (nur) zum Sehen hier, sondern (auch) zum Hören. Und da gilt es kritisch anzumerken, dass der Sound zu Beginn noch recht scheppernd rüberkommt, mit der Zeit aber dann doch merklich besser wird. "Ein Wunder ist passiert. Der Papst hat Kondome erlaubt", ruft Jan Plewka, der zunächst der einzige ist, der auf der Bühne für Bewegung sorgt. Er hüpft und springt, animiert die Fans immer wieder zum Mitsingen und -klatschen oder sucht bei "Ich dachte schon" den hautnahen Kontakt zur ersten Reihe. Obwohl die Band mit "Freier Fall", "Schau Schau" oder "Lass mich rein", das heute seine Tourpremiere feiert, ordentlich aufs Gaspedal drückt, bleibt die Stimmung im E-Werk seltsam zurückhaltend. Eine erste Atempause gibt es dann mit dem wunderschönen "Sie zieht aus", später im Set folgt noch das ebenso wunderbare "Wirklich gute Zeit", wobei Selig insgesamt mehr aktuelles Material und nur wenige ihrer Klassiker im Repertoire haben.
"Dramaqueen" wird dann zu so etwas wie dem Wendepunkt des Abends. Die Fans nehmen Jan Plewkas Aufforderung "Ich will tanzen" endlich wörtlich. Keyboarder Malte Neumann unterstützt ihn am Mikro und schwingt dazu das Tambourin. Während "Tausend Türen" legen auch die übrigen Bandmitglieder endgültig jegliche Zurückhaltung ab und hüpfen kollektiv im Takt (bis auf Schlagzeuger Stephan "Stoppel" Eggert natürlich). Die fetten Gitarren von "High" fräsen sich durchs E-Werk und zum Schluss des Mainsets feiern dann alle zu "Hey Ho". Es wird langsam heiß in der Hütte. Als Selig zur ersten Zugabe mit "Sie hat geschrien" gleich volle Lotte weiterrocken, erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt. Malte Neumann lässt sich davon offensichtlich anstecken und flippt an seinem Tambourin förmlich aus. Auch die Fans lassen jetzt nicht mehr locker und brüllen die Band ein zweites Mal zurück auf die Bühne. Es wird nochmal gnadenlos abgerockt ("Wenn ich wollte"), bevor "Ohne dich", welches komplett vom Publikum mitgesungen wird, das Ende einer intensiven und etwas mehr als zwei Stunden langen Performance einläutet.
Für meinen Geschmack wirken Jan Plewkas Ansagen in Richtung Fans zwar manchmal etwas anbiedernd (wie etwa die mehrfache Frage "Seid ihr noch da?") und seine Mitklatschanimationen und Kusshändchen eine Spur zu dick aufgetragen, aber trotzdem haben Selig in Köln erneut bewiesen, dass sie den Titel der "deutschen Hippie-Metal-Heroen" zu Recht tragen. "Diese Band besteht aus Liebe, Romantik und Enthusiasmus", erklärt Jan Plewka das Phänomen Selig. Zumindest letzteres war im E-Werk eindrucksvoll zu bestaunen.
Setlist:
5.000 Meilen
Freier Fall
Lass Sie reden
Glaub mir
Schau Schau
Alte Zeit
Lass mich rein
Sie zieht aus
Ich dachte schon
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Die Besten
Doppelgänger
High
Wirklich gute Zeit
Dramaqueen
Tausend Türen
Du fährst zu schnell
Du siehst gut aus
Hey Ho
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Sie hat geschrien
Wir werden uns wiedersehen
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Wenn ich wollte
Ohne Dich