Tour 2007 - Support: Fair To Midland
Serj Tankian, musikalisches Genie und Kopf der exzentrischen Band System of a Down, veröffentlichte im Oktober 2007 sein Solo-Album „Elect the Dead“ und sorgte damit für Furore bei den Fans von SOAD. Nicht unbedingt, weil das Solo-Album streckenweise an SOAD Sachen erinnert, sondern weil Tankian es auch hier wieder schafft, anspruchsvolle Musik mit anspruchsvollen, gesellschaftskritischen Texten zu verknüpfen. So war es nicht verwunderlich, dass das Konzert am 27.11. in der Kölner Live Music Hall restlos ausverkauft war. Die Fans waren teilweise 600 km gefahren, um Serj auf seinem einzigen Konzert in Deutschland und dem allerletzten seiner gesamten Tournee zu sehen.
Eröffnet wurde das Konzert von der amerikanischen Band Fair To Midland, die bei Tankians Label Serjical Strike unter Vertrag steht. Die Band bot eine geniale Mischung aus Pop, Prog-Rock und Emo, in etwa so als hätte man 30 Seconds to Mars mit Porcupine Tree gekreuzt. Ansonsten verfügt der Sänger Darroh Sudderth über eine ätherisch schöne und makellose Stimme (kann aber auch ordentlich shouten) und über einen kleinen Schnurrbart, über den sich frau streiten kann. Fest steht: der Mann kann auf der Bühne abgehen, als wäre er von der Tarantel gestochen. So schlug und trat er um sich, wie es nur ging und verpasste dem Publikum auch musikalisch einen ordentlichen Tritt in die werten Hintern. Nebeneffekt: ich kaufte mir das Album nach 10 Minuten Show und erfreue mich momentan Tag und Nacht daran. Anspieltipp: "Dance Of The Manatee".
Nach einer halben Stunde Umbauphase war es dann endlich soweit. Zuerst betraten die Musiker seiner Band, alle mit schwarzen Anzügen und Zylindern gekleidet, die Bühne, wonach Großmeister Tankian sich in weißem Hemd und mit einem schäbigen, weißen Hut auf dem Kopf dem Publikum stellte. Es ging sofort mit „Elect the Dead“ und von der ersten Minute an war das Publikum drauf auf dem Serj-Trip. Besonders viel Show im Sinne von Herumgehüpfe gab es auf der Bühne nicht, aber dafür überzeugten Band und Sänger durch eine perfekte Live-Umsetzung des gesamten „Elect the Dead“-Materials plus „Charades“ und zwei Coversongs. Wilde Gitarrenriffs, orientalische Melodien bzw. Sangeskunst, Piano-Stakkatos, hier ein wenig dreckiger Punk, dort ein wenig Nu Metal, gerade diese chaotische Mischung macht ja die Musik von Tankian unwiderstehlich. Serj selbst gestikulierte während der Show wild mit den Händen, grinste schelmisch über seinem Ziegenbärtchen, übte sich in Eunuchengesang, rollte mit den Augen und schaute teilweise aus wie ein verrückter, predigender Derwisch.
Und Predigten – wenn auch politische - gab es natürlich auch, abgesehen von seiner Vorhersage, dass alle Weltmächte dieser Welt irgendwann schon zerstört wurden, gab es z.B. eine kurze philosophische Abhandlung über Musik, in etwa: „Music comes from the universe, it doesn’t belong to the musicians, it doesn’t belong to the record companies, it doesn’t belong to the copy rights“. Hört hört! Und die Menge johlte. Seiner Anklage gegen die Doppelmoral der amerikanischen Regierung, auf der einen Seite zu predigen und gleichzeitig Kriege anzuzetteln, gab Tankian mit einem kraftvoll herausgerotzten „fuck you to that kind of hypocrisy“ Ausdruck, natürlich gefolgt von „Praise The Lord and Pass the Ammunition“. Herrlich!
Zusätzlich zu den Songs von „Elect the Dead“ und „Charades“ gab es noch zwei Cover: zum einen „Holiday in Cambodia“ von den Dead Kennedys, eine Huldigung an Jello Biafra, dessen Stimme Serj ganz gut nachahmen kann. Zum anderen spielte die Band „Girl“ von den Beatles (nicht so mein Fall). Zum Abschluss der einstündigen Show gab es dann „Elect the Dead“ mit Serj gaaaaanz allein am Piano. Der Abschied war ziemlich unspektakulär, passte aber zum unprätentiösen Auftreten der Band. Hoffentlich gibt es bald ein Wiedersehen, vielleicht mit einem neuen Album und einer längeren Show. Ich sage nur: Serj for president!