Tour 2008
Wenn sich metal-orientierte Langhaarträger mit stilsicheren Damen, die sonst eher den Spielplan der Kölner Philharmonie studieren, auf einem Konzert begegnen, dann sind Sigur Rós in der Stadt. Die Isländer bringen auf musikalische Weise Menschen mit unterschiedlichsten Geschmäckern zusammen. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie in keine Genre-Schublade passen. Nun hat das aktuelle Werk „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ eine bisher unbekannte, nämlich heitere und unbeschwertere Seite in ihrem musikalischen Repertoire aufgezeigt und so durfte man gespannt sein, wie die neuen Songs in den Live-Auftritt eingebettet würden.
Gegen 21 Uhr betreten die Mannen um Sänger Jón Birgisson die Bühne des Kölner Palladiums und kreieren mit „Svefn-g-Englar“ eine märchenhaft mystische Atmosphäre. Im Hintergrund hängen riesige Lampenschirme, die in einer zurückhaltenden, aber sehr wirkungsvollen Art und Weise leuchten und wieder verblassen. Schon die ersten (Bass-)Laute zu „Glósóli“ lassen das Publikum in Verzückung geraten. In glasklarem Falsett erfüllt Birgissons Stimme auch den letzten Winkel des Saals. Der Sound ist tadellos und das nicht nur bei den vorrangig hohen Tönen, sondern auch bei Georg Hólms Bass. Fröhliches Instrumente-Wechseln ist beim folgenden „Se Lest“ angesagt. Nun haben auch die vier Streicherinnen ihre Plätze eingenommen und als wäre diese Verstärkung noch nicht genug, ziehen ganz in weiß gekleidete Bläser einmal quer über die Bühne. Für alle hat das Publikum einen Sonderapplaus zur Hand.
Mit „Ný Batterí“ spielen Sigur Rós einen ihrer sphärischsten Songs überhaupt. Die Bläser haben sich hinter Schlagzeuger Orri Dýrason plaziert und hauchen der Mystik Leben ein. Dann ist die Zeit für Werke des aktuellen Albums gekommen. Den Start macht „Við spilum endalaust“. Vor „Hoppípolla“ sucht sich das Streichquartett neue Positionen und schwebt dabei Elfen gleich über die Bühne. Nicht nur die entsprechenden Kostüme verleiten zu solchen Vergleichen. „Festival“ und das wunderbare „Fljótavík“ folgen. Scheinwerfer aus dem Hintergrund der Bühne bahnen sich ihren Weg durch dichter werdenden Nebel und machen „Sæglópur“ zum ganzheitlichen Erlebnis. Bewegung kommt ins Publikum als „Inní mér syngur vitleysingur“ erklingt. Noch bevor die Heiterkeit ihren Höhepunkt erklimmt, bearbeitet Birgisson im Finale von „Hafsól“ seine Gitarre mit dem Cello-Bogen wie ein wild gewordener Derwisch.
Der Höhepunkt der guten Laune bleibt „Gobbledigook“ vorbehalten. Während des gesamten Songs klatscht die gesamte Halle im Takt. Die Bläser tanzen ohne Instrumente vergnügt über die hell erleuchtete Bühne und die Fans sind aus dem Häuschen. So bleibt eine schöne Atmosphäre um für einen Moment die Bühne zur Zugabenpause zu verlassen. Eine fast 15-minütige Version des „Pop-Songs“ folgt und spätestens hier wird deutlich, was Rockliebhaber an dieser Band schätzen. In bester Progressive-Manier zeigen Sigur Rós welche Energie und Wucht in ihrer sonst so zerbrechlich wirkenden Musik stecken kann. Beifallsstürme begleiten die Band wieder von der Bühne und holen sie mehrfach wie nach einem Theaterstück wieder zurück, bis Birgisson zum finalen „All Alright“ in Position geht. Auch live ist es mir nicht möglich ein Wort dieses in Englisch gesungenen Liedes zu verstehen. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Ohne Gitarre und Kostüm steht der Frontmann fast etwas unbeholfen vor seinen begeisterten Zuhörern, die ihm und dem gesamten Ensemble Respekt und Dankbarkeit in Form von andächtiger Stille während des sehr leisen Songs zollen.
Sigur Rós haben wie kaum eine andere Band einen Musikstil neu erschaffen, für den man wohl erst noch eine passende Bezeichnung finden muss. Klar geworden ist zumindest, dass sie ihr mittlerweile facettenreiches Repertoire zu einer stimmigen und stimmungsvollen Liveshow formen können.