Tour 2005
Draußen fallen die ersten Schneeflocken des Jahres – drinnen in der Live Music Hall hingegen ist es knackig warm. Kein Wunder! Ausverkauftes Haus! Die Nachfrage nach Karten für Silbermond ist so groß, dass die Band am 13. und 14.02. noch zwei Zusatzkonzerte an gleicher Stätte gibt.
Es soll Leute geben, die die „neue deutsche Welle“ (gemeint sind Mia, Juli, 2Raumwohnung und Konsorten) eher peinlich finden. Ich persönlich finde zumindest gut, dass es sowas wie eine breite musikalische Basis in Deutschland wieder zu geben scheint (wobei ich den ganzen Castingschrott davon ausdrücklich ausnehme). Als ich Silbermond im September des vergangenen Jahres in Bonn (im Vorprogramm von Udo Lindenberg) das erste Mal gesehen habe, konnten sie durchaus überzeugen. Mal gucken, wie es heute wird...
Erstmal sind jedoch P:lot (gesprochen: Pilot) am Zug (aktuelles Album „Debut“). Die Band kommt aus Köln, hat also ein Heimspiel, kann die Fans aber trotzdem nicht so recht in Wallung bringen. Ihre Musik (natürlich Deutschrock) hat was von Echt und am Sound kann es auch nicht liegen. Der ist glasklar (schließlich fressen sich die deutschen Bands ja nicht gegenseitig). Nach einer halben Stunde werden sie immerhin freundlich verabschiedet. Nicht originell, aber auch nix falsch gemacht, würde ich sagen.
Silbermond beginnen ihr Set unkonventionell. Als das Licht ausgeht und alle nach vorne starren, schleicht sich Sängerin Stefanie Kloß von hinten zum Mischpult. Auf einem Podest stehend beginnt sie a capella „Letzte Bahn“. Oben auf der Bühne setzt nach und nach die Band ein, ehe sich auch Kloß (die Fans bilden brav eine Gasse für sie) dazugesellt. Nicht schlecht!
Weiter geht`s mit „Du und Ich“ und Kloß heizt die Menge ordentlich an. Energiebündel nennt man sowas wohl. Ich frage mich, ob sie dieses Tempo bis zum Ende durchhalten wird. Ihre Fans danken es ihr jedenfalls mit entsprechend euphorischer Stimmung. Beim darauffolgenden „Stückl heile Welt“ dürfen alle Jungs in der Halle die Zeile „Es lebe billig“ im Chor „brüllen“ (sorry, aber „singen“ kann man das nicht nennen), während sich Kloß zu „Machs dir selbst“ ein Mädel zum Duett aus dem Publikum holt.
Bis hierhin sieht das alles sehr gut aus. Stefanie Kloß ist ein fleischgewordener Ping-Pong-Ball, der von einem Ende der Bühne zum anderen titscht und die Band spielt dazu sauber und druckvoll. Da braucht es keine Samples oder Playbacks, keine Pyroeffekte und Choreografien, das kommt ehrlich und symphatisch rüber. Hat sogar fast noch den Charme einer Schulband. Aber vielleicht ist ja genau das wiederum Absicht... Wer weiß?
Ist eigentlich auch gerade nicht wichtig! Nächster Akt ist der „Wunschsong“, den die Fans bestimmen dürfen. Sie entscheiden sich für „Denkmal“ von Wir Sind Helden. Die Halle kocht jetzt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wasser tropft von der Decke! Kein Witz! Danach „Verschwende deine Zeit“ (als Reggae!), „Das Beste“ (ein wirklich schöner, brandneuer Song) und „1000 Fragen“. Im hinteren Teil der Halle werden inzwischen die ohnmächtig gewordenen Mädels gleich reihenweise rausgetragen. Vor der Halle warten die Eltern in der Kälte. Es folgen „Passend gemacht“ und mit „Zeit für Optimisten“ das nächste neue Stück, ehe selbst Stefanie Kloß mal eine Auszeit braucht.
Die wird fast schon rührend von Schlagzeuger Andreas Nowak überbrückt, der in der „kulturellen Ecke des Abends“ von seinem heutigen Spaziergang durch Köln erzählt. Dabei hat er festgestellt, dass Kölner die Düsseldorfer mögen (laute Buh-Rufe), super Karneval feiern können (Applaus) und der FC 5:3 in Cottbus gewonnen hat (Jubel).
Anschließend ist noch mal Gasgeben angesagt. „Immer am Limit“ (bei dem Kloß auf den Händen der Menge bis zum Mischpult und wieder zurück „surft“) und „Durch die Nacht“ beenden das Set, aber natürlich kommen Silbermond nicht ohne Zugabe davon. „Nach „Wissen was wird“ und „So wie jetzt wird`s nie wieder“ (dem dritten neuen Song) ist nach gut anderthalb Stunden die Party dann aber wirklich endgültig zu Ende.
Fazit: Ihre Art Musik ist zwar nicht unbedingt mein Ding und ich werde wohl auch nicht mehr zum Silbermond-Fan mutieren, aber Spass hat es trotzdem gemacht. Bei all den durchgestylten Konzerten, die man im Verlaufe eines Kritikerlebens so sieht (oder sehen muss), wirkt die vermeintliche Unbekümmertheit der vier Silbermonde schon irgendwie wohltuend gut. Die Frage ist nur, ob das auf die Dauer reicht. Nach dem heutigen Abend fände ich es allerdings fast schon wieder schade, wenn nicht.