Wonderlustre-Tour 2011 - Support: The Virginmarys
In den Neunzigern waren Skunk Anansie bereits eine ganz grosse Nummer. Ihr Alternative Rock und die politisch motivierten Texte brachten der Band über vier Millionen verkaufte Tonträger ein, bevor man sich 2001 trennte. Im vergangenen September schließlich veröffentlichten Skunk Anansie mit "Wonderlustre" ihr erstes Studioalbum seit elf Jahren. Und nach der Reunion ging das Quartett zur Freude der Fans auch wieder auf grosse Welttournee, die den Vierer heute abend in die Live Music Hall führt. Die Freude in Köln ist offensichtlich ganz besonders groß, denn das Konzert ist schon seit Wochen restlos ausverkauft. Wobei ich zugeben muss, dass ich die Live Music Hall grausam finde, wenn sie derart voll ist. Nicht nur, dass man dem Nebenmann oder der Nebenfrau unfreiwillig körperlich auf die Pelle rückt, man lernt sich auch verbal näher kennen (und damit ist nicht der Austausch von Höflichkeiten gemeint). Ganz zu schweigen davon, dass man in den hinteren Reihen das Geschehen auf der Bühne bestenfalls erahnen kann. Immerhin wird die Wartezeit mit den Foo Fighters, Green Day oder Soundgarden geschmackvoll verkürzt - wenn auch leider nur vom Band.
Pünktlich um 20 Uhr treten dann drei Herren auf den Plan, die aussehen als hätten sie bis eben in ihren Klamotten geschlafen: The Virginmarys aus Manchester. Mir bis dato völlig unbekannt. Am Ende ihres 45-minütigen Auftritts hat sich das allerdings gründlich geändert. Ich bin begeistert (was bei einem Support-Act selten genug vorkommt). Rauer, energiegeladener und breitbeiniger Testosteron-Rock mit leichtem Punk-Einschlag. Ziemlich retro, aber grossartig! Danny Dolan bearbeitet seine Drums (und einen Gong) wie ein Besessener, Sänger Ally Dickaty entlockt seiner Gitarre wahlweise fette Riffs und himmlische Soli, während Matt Rose am Bass das ganze Gebilde zusammenhält. Ich nehme mir fest vor, von den Jungs bei nächster Gelegenheit ein Album zu schießen und da bin ich mit Sicherheit nicht der einzige.
Nach einer knapp halbstündigen Umbaupause folgt dann der durchgestylte Kontrast zum ungeschliffenen Rock`n`Roll der Virginmarys. Zunächst als langes Intro mit diversen Laserspielereien und Samples, verborgen hinter einem weißen Vorhang, der Skin, Cass, Ace und Mark nur als Silhouetten erscheinen lässt. Bis er endlich fällt und Skunk Anansie mit "Yes It`s Fucking Political" in ihr Set einsteigen. Drummer Mark Richardson thront erhöht auf einem Podest und Skin hat sich als Mischung aus androidem Pfau und Gremlin verkleidet. Bei "Because Of You" legt sie den Federschmuck dann ab. Die 43-jährige hat eine enorme Bühnenpräsenz und ist ständig in Bewegung. Die Fans hat sie dabei vom ersten Song an voll auf ihrer Seite. O-Ton unseres Fotografen Jens, der nach getaner Arbeit im Graben zu mir stößt: "Wenn die dich anguckt, bekommst du Angst". Was mögen erst diejenigen sagen, die die "schwarze, glatzköpfige, bisexuelle Amazone" (so eine frühe Selbstbeschreibung) später während "On My Hotel T.V." auf Händen durch die Halle tragen dürfen? Vermutlich etwas ganz anderes...
Der Sound ist schön druckvoll (zumindest mit Ohrstöpseln) und der Bass von Richard Keith Lewis alias Cass massiert wohlig das Zwerchfell. Köln tobt und singt. Ganz besonders natürlich bei den Klassikern wie "Secretly", "Weak", "Brazen (Weep)" oder der ersten (von drei) Zugaben "Hedonism", aber auch bei den Stücken des aktuellen Albums, von denen es sieben zu hören gibt, darunter die neue Single "You Saved Me". Zwischendurch nehmen Skunk Anansie mit "God Loves Only You" oder "100 Ways To Be A Good Girl" auch immer mal wieder etwas Dampf vom Kessel, bevor die Bierfontänen aufs Neue durch die Live Music Hall spritzen. Martin Ivor Kent (Ace) heizt die Stimmung zusätzlich an, indem er die Riffs von "All In The Name Of Pity" und "Intellectualise My Blackness" anspielt. Skin beweist durchgängig, wie eindrucksvoll gut sie heute bei Stimme (und bei Laune) ist. Sogar ein paar Brocken Deutsch lässt sie sich entlocken: "Dankeschön! Wie geht es dir?". Bei der Bandvorstellung im Zugabenteil darf dann jeder nochmal kurz zeigen, was er an seinem Instrument drauf hat, bevor sich Skin zum Closer "Little Baby Swastikka" ein letztes Mal in die Menge wirft und der Party damit nach fast eindreiviertel Stunden ein Ende setzt.
Wer mitfeiern möchte, hat dazu am 27. Februar in Hamburg die vorerst letzte Gelegenheit auf deutschem Boden. Ich kann euch nur wärmstens dazu raten. Skunk Anansie sind wieder da. Besser und kraftvoller denn je. "It´s good to be back", hat Skin in Köln gesagt. Finden wir auch!