30 Jahre Slime - Die Jubiläums-Tour 2010 - Support: Kapelle Vorwärts
Wenn man hört, dass eine Punkband der allerersten Stunde heute noch ein Konzert gibt, wundert man sich ja generell dass die Mitglieder körperlich noch so fit sind. Vom jahrelangen Drogenkonsum und Raufereien mit der exekutiven Staatsmacht gezeichnet, so stellt man sich die fünf Hamburger von Slime mittlerweile vor, verfolgt man denn ihre musikalische Karriere seit ’neunundsiebzig. Soviel sei jedoch bereits an dieser Stelle verraten: Die lange Pause hat ihnen gut getan, was auch vielen Fans vermutlich in diesem Festivalsommer oder auf diversen Clubkonzerten aufgefallen sein mag. Und heute verschlägt es Slime nach Hannover, genauer gesagt ins Café Glocksee. Wer schon einmal in der Glocke war, wird sich vermutlich wundern, wie eine Band dieses Kalibers auf der kleinen, eher gemütlich anmutenden Bühne auftreten will, und, was eigentlich genauso unmöglich erscheint, das Publikum mitsamt Lederjacke und Nietengürtel hier überhaupt reinpassen soll, zumindest wenn jemand die Absicht hat sich zur Musik zu bewegen. Das haben die Veranstalter wohl ähnlich gesehen, nicht zuletzt da das Konzert bereits im Vorfeld ausverkauft war. Und so wurde das ganze Spektakel in die Faust verlegt, ebenfalls in Hannovers ehemaligem Arbeiterviertel Linden, ebenfalls direkt an der Ihme. Nur eben größer, sodass auch ein wenig Platz zum Tanzen und Pogen bleibt. Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen wird.
Den Anfang machen Kapelle Vorwärts aus Bielefeld, die sich musikalisch und textlich sehr gut in den Abend eingliedern. Viel bekanntes spielen sie, vor allem auch Cover-Songs alter Arbeiterlieder oder ähnliches, aber auch aktuelle politische und sozialkritische Themen werden besungen und laden mit dem entsprechend dazu passenden Mix aus Ska und Punk zum Pogotanzen ein. Nicht wenige Fans kommen dieser Einladung nach und so entsteht schon während der ersten Songs ein buntes Potpourri an herumwirbelnden Menschen und bunten Haaren. Je voller die Faust wird, desto mehr fallen die Vielfalt an Substilen und überhaupt die unterschiedlichsten Menschen ins Auge. Um mal die Klischees zu bestätigen, es handelt sich natürlich überwiegend um Punks und Oi-Skins der alten Schule, manchen sieht man aber mittlerweile nur noch an der Textsicherheit der Parolen ihre wilde Jugendzeit an. Fest steht allerdings, dass es Kapelle Vorwärts sehr gut schaffen der Meute einzuheizen.
Nach eigenen Angaben betreten nun Slime die Bühne zum ersten Mal nach 15 Jahren hier in Hannover. Dass sich das lohnt bestätigt bereits der Jubel beim Auftauchen der Hamburger Musiker(-innen – um mal politisch korrekt zu bleiben). Mittlerweile lässt es sich kaum jemand mehr nehmen, nicht direkt einen Platz im Pogopit zu besetzen, und es geht direkt los mit dem Song "ACAB". Schon bei den ersten gesungenen Zeilen bestätigt sich der Verdacht, der sich bezüglich der Fans bereits bei der Vorband anbahnte. Mitsingen/-gröhlen/-schreien kann fast jeder hier im Raum, obwohl der ein oder andere Konzertbesucher den Eindruck hinterlässt, als ob er beim letzen Slime Auftritt in Hannover noch nicht einmal auf dieser von politischen Missständen durchzogenen Welt lebte. Solche Fans sind jedoch eher die Ausnahme, der Großteil scheint zusammen mit der Band aufgewachsen zu sein, zumindest was das Alter angeht. Was aber nicht bedeutet, dass das Konzert dadurch weniger impulsiv daherkommt, im Gegenteil.
Wer 15 Jahre oder länger auf den Auftritt seiner Lieblingsband wartet, der will erst recht die sprichwörtliche Sau rauslassen! Zwischen den Songs lässt Sänger Dirk**** es sich natürlich nicht nehmen, den ein oder anderen Spruch zur politischen Lage loszulassen oder jemanden, der direkt vor die Bühne pinkelt rauszuwerfen / rauswerfen zu lassen, natürlich unter dem Gelächter der übrigen Fans. Naja, wir sind hier ja auch nicht bei Pur oder Xavier Naidoo, da wäre so etwas vermutlich nicht passiert. Die hätten vermutlich auch Titel wie "Polizei, SA, SS" nicht gespielt, und wenn, dann hätte niemand mitgesungen, vermutlich. Da würden auch nicht Textzeilen fallen wie "Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz" (im Original übrigens von Berthold Brecht) oder ähnliches, dann hier und da ein paar Kommentare zur exekutiven Staatsgewalt, alles natürlich ganz im Sinne der Fans.
Als Zugabe gibt es dann nach eineinhalb Stunden Deutschpunk noch "Deutschland muss Sterben (Damit wir leben können)", bevor das ganze Spektakel aus ist und die Meute in den Hannoveraner Nachthimmel entlassen wird. Viele lassen es sich jedoch nicht nehmen, sich noch ein wenig in der Faust umzusehen und sich bei ein oder zwei Gilde Bier einen Platz auf einem der vielzähligen gemütlichen Sofas zu sichern. Manche sogar bis zum endgültigen Rausschmiss und so ergibt sich zu guter letzt noch ein relativ erheiterndes Bild, wie manch einer verrauscht, nur mit einem T-Shirt bekleidet versucht, sein Auto wiederzufinden oder den Weg zur Bahn.