Tour 2008 – plus Deadlock und One Way Mirror
Die drei bärtigen Kuttenträger am Eingang sind ratlos: „Zimmers Hole spielt nicht? Wir sind doch nur deshalb hier...“. Wegen eines Trauerfalls in der Familie von Drummer Gene Hoglan hatte die Band aus Kanada ihren Auftritt als Vorgruppe von Soilwork im Kölner Underground abgesagt. Mit ihrer humoristischen Hommage an den Thrash-/True-Metal hätten sie zwar nicht so recht ins Melodic-Death-Programm gepasst, einige ältere Metal-Semester sind dennoch sichtlich enttäuscht, dass sie das Energiebündel Hoglan oder den Fear Factory-Basser Byron Stoud heute Abend nicht in Aktion sehen.
Als Ersatz kommen um kurz nach halb Acht Deadlock auf die kleine Bühne im Underground. Der Auftritt der Ostbayern lässt nicht unbedingt erahnen, dass die Gruppe bereits seit 1997 existiert. Deadlock wirkt ein wenig wie eine Schülerband, die heilfroh ist, mal mit „echten“ Musikern spielen zu dürfen: Zu selten springt der Funke während der fünf Songs auf den bereits gut gefüllten Saal über, zu häufig werden die beiden noch kommenden Bands angepriesen. Dabei ist die musikalische Performance von Deadlock passabel: Die bekannten Songs wie „Agony Applause“ oder „Code of Honor“ werden souverän gespielt und Sabine Wenigers „cleaner“ Gesang klingt live deutlich erwachsener als auf den Alben der Band – dort hört sie sich nämlich so an, als habe sie sich vom „Popstars“-Casting zu einer Metalband verirrt. Im Endeffekt ist Deadlock genau der richtige Einstieg: Nett anzuhören, aber nicht zu anspruchsvoll.
Um 20:30 Uhr zieht das musikalische Niveau mit One Way Mirror deutlich an. Obwohl die Band eines der unzähligen Nebenprojekte von etablierten Musikern der Metalszene ist und erst 2006 gegründet wurde, wirkt alles wie aus einem Guss: Songs wie „Sockracer“ oder „Danger Calling“ bringen das Publikum vor der Bühne zum ersten Mal am heutigen Abend richtig in Bewegung, und auch in den hinteren Reihen wird gespannt zugehört – denn die Band um den gut aufgelegten Sänger Guillaume Bideau, der eigentlich bei Mnemic am Mikro steht, hat ein erstaunlich breites Repertoire, das irgendwo zwischen Melodic-Death- und Nu-Metal pendelt. Noch breiter wird das Spektrum, als Bideau eine Cover-Version ankündigt und „It's Not Unusual“ von Tom Jones trällert – es zur allgemeinen Erleichterung aber kurz darauf abbricht. Stattdessen verrockt die Band den Franky Goes to Hollywood-Klassiker „Relax“, und das gar nicht mal schlecht. Als mit „21st Century“ das siebte und letzte Lied ausklingt, wird One Way Mirror mit viel Applaus verabschiedet.
Gegen halb Zehn hat das Warten ein Ende: Eine dunkle Stimme vom Band kündigt „Swedens Vikings of Mass Destruction“ an und Soilwork entern die Bühne. Sie eröffnen mit „Sworn To A Great Divide“ und man spürt endgültig, auf wen das Publikum im Underground gewartet hat: Vor der Bühne tobt ein gewaltiger Moshpit, zum ersten Mal werden verschwitze Fans auf Händen durch den Saal getragen. Schon beim ersten Song zeigt sich, dass die Musik von Soilwork live funktioniert: Bei den Strophen, in denen Sänger Björn Strid zu stakkato-artigen Riffs und hämmerndem Schlagzeug ins Mikro schreit, toben sich die Fans vor der Bühne aus, während die eingängigen und melodiösen Refrains zum Mitsingen animieren. Ein großer Unterschied zu den Auftritten von Deadlock und One Way Mirror zeigt sich bei der Bühnenpräsenz: Soilwork wischt mit den Vorbands regelrecht den klebrigen Boden im Underground auf. Sänger Strid sieht mit seiner Glatze und dem breiten Oberkörper nicht nur gewaltig aus, sondern heizt die Stimmung auch mächtig mit seiner Mimik und auffordernden Handbewegungen an. Die übrigen Jungs aus seiner Band sind ebenfalls engagiert bei der Sache und lassen die langen Mähnen kreisen, besonders Bassist Ola Flink macht seinem Nachnamen alle Ehre und posiert ohne Unterlass. Einzig Peter Wichers steht mit seiner Gitarre etwas lethargisch am Bühnenrand.
Die Setlist von Soilwork im Underground ist mittelprächtig: Mit „Stabbing The Drama“, „Follow The Hollow“ und „One With The Flies“ sind einerseits echte Kracher unter den insgesamt 15 Songs, andererseits spielt die Band auch einige weniger mitreißende Lieder wie „The Bringer“ oder „20 More Miles“. Auffällig bei der Setlist ist auch, dass sich Soilwork mit „The Chainheart Machine“ nur ein einziges Mal an eines der ersten beiden Alben herantrauen, die bekanntlich deutlich härter und schneller sind als die übrigen fünf LPs der Band. Sänger Strid, der damals noch nicht an Bord war, macht bei dem Lied eine gute Figur, indem er einerseits das schnelle Tempo hält, andererseits den Song auf seine Art interpretiert und nicht durchgängig ins Mikro schreit, sondern zwischenzeitlich „normal“ singt. Ansonsten ist die Performance des Frontmanns ein zweischneidiges Schwert: Er schreit und singt die Lieder zwar mit viel Inbrunst, in die höheren Lagen traut er sich jedoch nicht so recht vor, was die Refrains der jüngeren Songs etwas entwertet. Böse Zungen behaupten, dass er auch deshalb bei „Stabbing The Drama“ so oft das Mikro ins laut mitsingende Punlikum hält, statt selber die Stimme zu heben.
Die Instrumenten-Fraktion von Soilwork macht einen guten Job. Vor allem Peter Wichers und Sylvain Coudret überzeugen mit ihren technisch sauberen Soli. Leider geht die filigrane Gitarrenarbeit im dezent matschigen Sound etwas unter, ähnlich wie der Gesang von Sänger Strid. Nach 70 Minuten verlässt die Band die Bühne, um nach lauten „Soilwork“-Sprechchören zwei Zugaben zu spielen. An dieser Stelle wird der Auftritt allerdings etwas langatmig: Zwischen „Follow The Hollow“ und „Nerve“ feiert Strid jeden Musiker und Helfer auf und neben der Bühne ab, sogar Roadie Jimi wird bejubelt. Kann man gerne machen, nur sollte man das ein bisschen mehr über den Abend verteilen. Als das Licht angeht und die Fans aus dem Underground strömen, ist die Atmosphäre positiv, aber nicht euphorisch. Noch in der U-Bahn sprechen viele Fans darüber, dass es ihnen zwar gut gefallen hat, sie aber bekannte Lieder wie „Weapons Of Vanity“ vermisst haben. Besonders negativ ist fast allen der undefinierte Sound aufgefallen. Wir schließen uns an: Soilwork hat im Underground dank seiner enormen Bühnenpräsenz und gut aufgelegter Instrumentalisten eine gute Show geliefert, in Sachen Setlist und Sound blieben dagegen ein paar Wünsche offen.