Sonisphere Festival

Sonisphere-Festival 2009 - feat. Metallica, Die Toten Hosen, The Prodigy, In Extremo, Down, Mastodon, Lamb Of God, Anthrax, Five And The Red One

04.07.2009 Hockenheimring / Hockenheim

Von: Benjamin Blum

Sonisphere Festival Hockenheim

Es war die Gelegenheit, die alten Helden noch einmal zu sehen: Nachdem die Deutschland-Konzerte von Metallica schnell ausverkauft waren, sollte die Band ein letztes Mal in diesem Jahr in unserem Land spielen – und zwar als Headliner beim Sonisphere-Festival am Hockenheimring. Als wenn das nicht Anreiz genug gewesen wäre, gab es im Line-Up mit Down, Anthrax, Mastodon und weiteren Bands genug Hochkaräter für einen spannenden Festival-Tag. Unsere beiden Redakteure Benjamin Blum und Michael Haß berichten euch, was es am Hockenheimring zu sehen und hören gab.

11:23 - Wir stehen in einer riesigen Schlange vor den Toren des Rings. In der Ferne stehen die leeren Tribünen der Rennstrecke, unter uns der Asphalt, auf dem früher Michael Schumacher um WM-Punkte fuhr. Hinter Drahtzäunen und Sonisphere-Bannern ist schon die Bühne zu sehen und Five And The Red One zu hören, doch verschwitzte Fleischbrocken, luftig bekleidete Damen und angeschickerte Kuttenträger versperren uns den Weg. "Nur noch 'ne Viertelstunde bis Anthrax", treibt ein Kerl hinter uns die Kartenabreißer an. Als wir endlich an der Reihe sind und vor der Schleuse stehen, geht alles ganz schnell: keine Sicherheitskontrolle trotz Rucksack, nur ein paar Schritte auf das eigentliche Festivalgelände. Zu beiden Seiten stehen Fressbuden, Bierstände und ein Provinzjahrmarkt. Wer nicht für einen Plastikbecher Beck`s ansteht (0,4 Liter zu 4 Euro) liegt auf dem Asphalt und genießt die Sonne oder ein Stück Pizza.

11:55 - Mit John Bush hat Anthrax 2005 einen der besten Sänger des Heavy Metal verloren – umso gespannter sind wir darauf, wie sich der neue Frontmann Dan Nelson präsentieren würde. Doch schon nach dem Auftakt "Caught In A Mosh" sind wir beruhigt, denn er macht seine Sache prima: Nelson klingt seinem Vorgänger tatsächlich ähnlich, bringt aber dennoch genug Eigenes mit ein, um keine bloße Kopie zu sein. Mit bekannten Songs wie "Antisocial" und "Only" heizt Anthrax den Zuschauern ein, die kräftig mitfeiern. Auch einen Song vom neuen Album, das im November erscheinen wird, gibt es zu hören – und der macht Lust auf mehr. Nach der fünfjährigen LP-Pause darf man gespannt sein, nicht zuletzt wegen des überzeugenden Dan Nelson.

13:16 - Unsere erste dringend benötigte Pause vom schweißtreibenden Trubel. Wir stehen auf einer Treppe vor dem "VIP-Zelt" (eine klimatisierte Halle mit Bierstand und Teppichboden) und schauen rüber, was Lamb Of God auf der Bühne treiben. Die Fast-Grammy-Preisträger hauen uns allerdings nicht wirklich um. Zum Kotzen, wie die braune Pfütze zu unseren Füßen vermuten lässt, ist die Band aber keineswegs: Wer die Mischung aus Metalcore, Thrash- und Death Metal von Lamb Of God mag, kommt auf seine Kosten. Und das scheinen viele der Zuschauer zu sein, denn der Auftritt der Jungs aus Richmond heizt die Stimmung im Publikum an. Wir sparen unsere Kräfte dagegen lieber für die nächsten Acts.

14:00 - Der definitiv anspruchsvollste Gig des Tages: Mastodon, die Metal-Band, die so viele Stilrichtungen und Einflüsse vereint. Leider erweisen sich die Songs wie "Oblivion" vom hochgelobten letzten Album "Crack The Skye" als kaum festivaltauglich: Die wenigen Mastodon-Fans freuen sich, die übrigen Zuschauer sehen unbeteiligt bis fragend zur Bühne. Lediglich beim Klassiker "Blood And Thunder" kommt ein wenig Stimmung auf. Zu viel Konzentration erfordert die komplexe und progressive Metal/Hardcore/Rock-Mischung, zu wenig wollen sich die meisten Zuschauer darauf einlassen. "Langweilig", grölt ein Mann hinter uns in Homer-Simpson-Tradition, liegt damit aber falsch: "Unpassend" wäre besser gewesen, denn Mastodon gehört in eine kleine, verrauchte Konzerthalle, die mit interessierten statt feierwütigen Zuschauern gefüllt ist. Unpassend ist allerdings auch die Reaktion von Gitarrist Brent Hinds, der jede freie Sekunde nutzt, um dem Publikum den Mittelfinger zu zeigen – und das mit einem Gesichtsausdruck, der eine Mischung aus Verachtung und Gleichgültigkeit ausdrückt. So weckt man garantiert kein Interesse bei seinen Zuschauern und -hörern. Professioneller sind da die übrigen Musiker von Mastodon, die sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Dabei sticht Drummer Brann Dailor hervor, der mit seinen schnellen wie präzisen Händen und Füßen die unangefochten beste Schlagzeug-Leistung des gesamten Festivals abliefert.

15:05 - Die "Jungs" (Durchschnittsalter 43) von Down machen ihre Sache besser als Mastodon – zumindest in der Theorie: Die Band um Ex-Pantera-Sänger Phil Anselmo spielt gezielt Songs mit schweren, krachenden Riffs (zum Beispiel "Lysergik Funeral Procession"), um die Setlist auf Festival einzupegeln. Ihr breites Stoner-Repertoire deuten sie nur vorsichtig an und lassen die minutenlangen Drogenrausch-Instrumental-Einlagen ganz außen vor, die wir vor zwei Jahren in der Kölner Live Music Hall gehört hatten. Ähnlich wie bei Lamb Of God gehen unsere Meinung und die des Publikums auch an dieser Stelle auseinander, nur diesmal in die andere Richtung: Während wir begeistert sind, wie Down mit den passenden Songs die Bühne rockt, können sich nur wenige Zuschauer für ihren Auftritt erwärmen. Und da Phil Anselmo zwar unheimlich böse gucken kann, aber hinter seiner grimmigen Fassade ein bockiges Kind zu stecken scheint, ist er ob des mäßigen Zuspruchs der Zuschauer beleidigt und erklärt das Sonisphere prompt zum "leisesten Festival des Jahres". Auch die charmante Geste, dass am Ende des letzten Songs "Bury Me In Smoke" die Gitarristen von Anthrax und der Drummer von Mastodon die Instrumente übernehmen und spontan der Name "Anthraxodown" entsteht, macht Anselmo gleich wieder zunichte. Als er zum Schluss alleine auf der Bühne steht, sagt er: "Tut mir einen Gefallen, singt mit mir", und jault "Stairway To Heaven". Dann lässt er demonstrativ das Mikro fallen. Schade um den faden Beigeschmack seines Auftritts, der so gar nicht zur tollen musikalischen Performance der Band passt.

16:06 - Grusel am hellichten Tag: Als die ersten mittelalterlichen Instrumente von In Extremo erklingen, werden wir wie von Geisterhand ins "VIP-Zelt" gezerrt. Eine unsichtbare Macht drückt uns auf die Holzbänke ("VIP" eben) und schnürt Hand- und Fußgelenke ab. Flehend schauen wir die umherstehenden Security-Brocken an, doch sie grinsen nur, statt uns zu helfen. Als In Extremo von der Bühne verschwunden sind, lösen sich auch endlich die magischen Fesseln. Wir haben es versucht, aber die mystischen Kräfte waren einfach stärker. Ehrlich!

17:30 - Die positive Überraschung des Tages: The Prodigy zeigen, dass sie keine Fehlbuchung, sondern eine prächtige Ergänzung zum Metal- und Rocklastigen Line-Up des Sonisphere sind. Die drei Engländer verbinden elektronische Klänge gekonnt mit dem rockigen Sound ihrer Band. Dabei heraus kommt ein brachialer Elektro-Rock-Sound, der sogar tanzbar ist – und genau das tun erstaunlich viele Festivalbesucher: Zu unserer Rechten klatscht und wippt ein AC/DC-Kopftuch-Träger im schnellen Takt, links schüttelt ein grauhaariger Metallica-Fan seinen ganzen Körper. Die jüngeren Zuschauer sind sowieso begeistert und machen das Festivalgelände bei Songs wie "Firestarter", "Breathe" oder "Smack My Bitch Up" zur überdimensionalen Rock-Disco. Dazu trägt auch die Energie bei, mit der Keith Flint und Keith Palmer, besser bekannt als "Maxim Reality", über die Bühne rennen und springen. Besonders sympathisch kommt Palmer rüber, wenn er mehrfach "all my Warriors" vor der Bühne mit Erfolg zum kontrollierten Ausrasten animiert. Nach einer knappen Stunde ist das Spektakel vorbei, und wir finden's tatsächlich ein wenig schade.

18:57 - Die Toten Hosen sindÂ… nun ja, eben die Toten Hosen. Die Düsseldorfer um ihren Sänger Campino halten bei ihren Live-Auftritten stets ein hohes Niveau, setzen unserer Meinung nach aber selten Highlights – so auch beim Sonisphere-Festival. Die Hosen spielen über rund 80 Minuten eine engagierte Show mit einer ausgewogenen Mischung ihrer Songs (von der "Opel-Gang" über "Alex" bis "Strom"). Der Auftritt der Alt-Punker lebt natürlich von Rampensau Campino. Der Blondschopf sucht den Kontakt zum Publikum und sorgt mit einem Wasserspender für Kühlung in den ersten Reihen. Bei "Ich will nicht ins Paradies" greift er dann einen Zuschauer heraus (Marco aus Niederhausen), den er vor großem Publikum die zweite Strophe singen lässt. Abgesehen von solchen Auflockerungen fällt während des Gigs der Hosen auf, wie unterschiedlich ihre Stücke ausfallen: Tollen Songs wie "Pushed Again" stehen Liederchen wie "Zehn kleine Jägermeister" gegenüber, die für angeheiterte Festivalbesucher schön zum Mitgrölen sind, den interessierten Zuhörer dagegen nerven. Vielleicht hätten wir mehr als ein Bier trinken sollen, um an den Sing-along-Songs der Hosen mehr Spaß zu haben. Doch wir bleiben nicht nur für die Rückfahrt nach Köln, sondern auch für den letzten Act des Abends nüchternÂ…

21:10 - Endlich Metallica! Hetfield und seine drei Mitstreiter eröffnen mit "Fight Fire With Fire" und endlich zeigt sich, warum die Zuschauer an den Hockenheimring gekommen sind: Alle Arme werden in die Höhe gestreckt, niemand liegt mehr auf dem Boden, Bierbecher fliegen. Über der Bühne ziehen sich dunkle Wolken zusammen, den angesagten Regen oder gar ein Gewitter gibt es aber nicht. Auf Blitze müssen wir dennoch nicht verzichten: Metallica macht mit "Ride The Lightning" weiter, und spätestens jetzt sind wir überrascht, wie gut Hetfield die alten Songs singt. Natürlich klingt er nicht mehr wie anno 1984, bringt den energiegeladenen Thrash aber viel besser rüber als die letzten Male. Eine Enttäuschung ist dagegen einmal mehr Lars Ulrich: Schon beim zweiten Lied verspielt sich der Schlagzeuger hörbar. Später kneift er dann auch noch bei schnellen Parts wie vor der ultimativen Headbang-Stelle in "One" den Schwanz ein und lässt nur die Bass-Drum wummern. Da sich all das auch in den nächsten zehn Jahren bei Metallica jedoch nie ändern wird, lassen wir es einfach bleiben, uns weiter zu beschweren. Nur gut, dass die Band mit Kirk Hammett den Gegenpol zu Ulrich an der Gitarre stehen hat: Der "Ripper" zockt virtuos wie eh und jeh seine Soli.

Die Setlist von Metallica an diesem Abend überzeugt: Zu Beginn wechseln sich schnelle Nummern vom "Ride The Lightning"-Album mit rockigeren Songs wie "Sad But True" oder "Enter Sandman" ab. Der Schwerpunkt im Mittelteil liegt, wie zu erwarten war, auf dem neuen Album "Death Magnetic", von dem "Broken, Beat & Scarred", "Cyanide", "All Nightmare Long", "The Day That Never Comes" und "My Apocalypse" gespielt werden. Das Sahnehäubchen setzt die Band mit den Metal-Sternstunden "Master Of Puppets" und "One" oben drauf. Die Schnulze "Nothing Else Matters" hätten sie allerdings ruhig weglassen könnenÂ… Genau wie der Song ist auch Hetfield etwas zu kuschelig eingestellt, der leicht verquastetes Zeug von der Band und den Fans als große "Metallica Family" erzählt. Klingt ein wenig nach Therapie-Sitzung im Film "Some Kind Of Monster".

22:50 - Die Band veschwindet unter tosendem Applaus, lässt sich jedoch nicht lange bitten, eine Zugabe zu spielen: Als das Quartett wieder auf der Bühne steht, spielt Hammett zu Ehren des verstorbenen Michael Jackson das Gitarrenriff aus "Beat It". Den ganzen Song verkneift sich die Band jedoch, stattdessen nutzt Hetfield ihn als Überleitung zu einem anderen großen Sänger, der viel zu früh starb: Freddie Mercury. Klar, dass die Band dann auch ihre Cover-Version von Queens "Stone Cold Crazy" über das immer noch prallvolle Festivalgelände ballert. Zum Abschluss gibt es mit "Seek & Destroy" einen letzten Klassiker, zum letzten Mal steigen Flammen und Feuerwerkskörper zum Himmel. Als sich Metallica endültig verabschiedet haben, bleiben wir mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits ein sehr guter Auftritt, andererseits hat uns das Ganze nicht so berührt, wie wir es uns erhofft hatten. Wären wir nur wegen der Band zum Hockenheimring gefahren, wären wir vielleicht enttäuscht gewesen – so aber war es ein gelungener Abschluss eines über weite Strecken großartigen Festivals.

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