Spock's Beard

Tour 2007

24.05.2007 Colos-Saal / Aschaffenburg

Von: Andreas Weist

Spock's Beard Aschaffenburg

Konzerte im Aschaffenburger Colos-Saal sind immer etwas besonderes. Coole Location, guter Sound, bei einem locker gefüllten Saal kommt auch die Klimaanlage noch mit – perfekt. Vor allem, wenn mit Spock’s Beard die aktuellen Heroen des Progrock zu Gast sind. Klar, es gab Kritik in letzter Zeit: zuviel Mainstream, Anbiederung ans Rockpublikum usw. Alan Morse sagte dazu im Interview: „Naja, wenn wir beständiger wären, würden die Leute sich beklagen, dass sich alles gleich anhört! Vielleicht können wir uns beim nächsten Mal wieder mehr auf einen Bereich konzentrieren. Wir versuchen nur immer, das beste Album zu machen, das in einer bestimmten Zeit möglich ist.“

Und das haben sie meiner Meinung nach auch getan. Das neunte, selbstbetitelte Werk war der längst fällige Befreiungsschlag, drei Alben nach dem Ausscheiden von Neal Morse. Und mit dem Opener besagten Albums „On A Perfect Day“ startet auch die aktuelle Setlist. Von Beginn an herrscht Spielfreude pur. Die Bühne kennt vor allem drei Protagonisten: Nick D’Virgilio, Alan Morse und Ryo Okumoto. Bassist Dave Meros und der Tourschlagzeuger, dessen Name mir auch schon wieder entfallen ist, halten sich eher dezent im Hintergrund und stören das Zusammenspiel der Frontkämpfer nur minimal.

Es folgt „Mouth of Madness“ vom „Kindness Of Strangers“-Album. Spielfreude pur. Alan ist kaum zu halten Irgendwie sieht er schon etwas abgedreht aus: neonfarben grell schillerndes New Wave-Shirt, verspiegelte Sonnenbrille und dabei schaut er, als sei er gerade nicht auf dieser Welt. Dazu ein Gitarrenstil, der ebenfalls nicht von dieser Welt ist.

„Crack The Big Sky“ von „Day For Night“ lässt zunächst Ryo in den Vordergrund treten. Umzingelt von diversen Tasteninstrumenten steht er ständig im Kontakt zum Publikum, macht den Clown, holt auch schon mal einen überraschten Fan auf die Bühne, der bestimmte Tastenfolgen zugewiesen bekommt und somit Ryos dritte und vierte Hand zu ersetzen hat. Sehr erfrischend! Nur bei seinem Solo später im Set überzeugt er mich nicht. Mal ein ruhigeres Stück mit viel Piano auszuwählen ist ja okay, aber man muss das klassische Piano dann auch spielen können. Hat sich zu abgehackt angehört – aber das nur am Rande.

Die Songauswahl, ja. „Slow Crash Landing Man“ vom aktuellen Album. Eines der rockigen Stücke. Man versucht wohl, zu einer gesunden Mischung zwischen früher und heute zu gelangen und am Ende wird bis auf „Snow“ jedes der Neal-Alben mit mindestens einem Song vertreten sein. Genial: bis auf die Zugaben handelt es sich ausschließlich um Songs, die auf der letzten Tour nicht gespielt wurden. Das nenne ich mal fanfreundlich.

„Return To Whatever“ ist Alans Solo-Song von seinem ersten Soloalbum „Four O’Clock & Hysteria“. Das Staunen des Publikums ob dieses starken Instrumentals wird ihm sicherlich noch einige CD-Verkäufe beschert haben.

Doch dann legt Nick wieder los. Meine Highlights des Abends „Surfing Down The Avalanche“ und „Thoughts Pt.2“. Gerade das “Octane”-Album wird meines Erachtens immer noch unterschätzt. Songs wie „Surfing...“ sind wahre Live-Knaller und D’Virgilio holt alles aus sich raus, was er als Frontsau zu bieten hat. Die knallharten Vocals überzeugen vor allem bei diesem Song – ein ungeheures stimmliches Potential. Im Lauf des Abends dann noch Gastspiele an Keyboard, Gitarre und natürlich am Schlagzeug lassen das geniale Multitalent durchblitzen. Das Drumduell mit dem Tourdrummer (ihr wisst schon, wo mir der Name nicht mehr einfällt) wird zum Soundgewitter.

Ach ja, „Thoughts Pt. 2“. Songs vom Album „V“ sind immer eine Bank, und stimmlich müssen hier natürlich alle ran. Die mehrstimmigen Passagen im Satzgesang sind eine Herausforderung, und sogar Ryo kann sie meistern. Erste Sahne.

Weiter geht’s mit dem aktuellen „Skeletons At The Feast“ und „Walking On The Wind“, dem bisher ältesten Stück. Ach ja, Ryo hat Geburtstag. Brav singt ihm das Publikum ein Ständchen, es gibt Kuchen, Kerzen und einen beleuchteten Vibrator von der Crew. Originelles Geschenk. Jetzt ist sowieso nichts mehr, wie es war. Außer Rand und Band steht Ryo auch mal mit den Füßen auf dem rechten Keyboard, während die Hände intensiv das linke bearbeiten, und sorgt mit diesen wackligen Eskapaden für Schweißausbrüche bei der Crew. Die Rache des kleinen Mannes.

„As Far As The Mind Can See“ ist der Longtrack des aktuellen Albums und wird souverän interpretiert. Dann schlägt nochmal Nicks Stunde mit “Rearranged”. Ein Highlight, das balladesk beginnt, sich aber zu einem Rockfeger entwickelt. Wundervoll.

Der Zugabenteil steht ganz im Zeichen des Debütalbums „The Light“. Zur Freude des inzwischen enthusiastischen Publikums werden „The Water“ und „Go The Way You Go“ dargeboten, die den Abend krönend beschließen. Knapp 130 Minuten - für Spock’s Beard recht kurz, aber in dieser Intensität kaum noch zu überbieten. Dann bis zum nächsten Mal.

Vielleicht lassen sich InsideOut ja jetzt mal zu einer Live-DVD in neuer Besetzung bewegen. Wie sagte Alan noch im Interview: „Zur Zeit wird über eine DVD gesprochen, aber ich bin mir nicht sicher, ob es dazu kommt. Die Leute fragen danach. Ich denke, es wäre cool.“ Eben.

Eine Setlist aus der Erinnerung – ohne Gewähr, vor allem bei den Solo-Teilen:

On A Perfect Day
Mouth Of Madness
Crack The Big Sky
Slow Crash Landing Man
Return To Whatever (Alan Morse Solo)
Drum Duell

Surfing Down The Avalanche
Thoughts Part 2
Ryo Okumoto Solo
Happy Birthday für Ryo

Skeletons At The Feast
Walking On The Wind
As Far As The Mind Can See
Rearranged

The Water 
Go The Way You Go

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