Steve Earle

Tour 2008 - Support: Allison Moorer

10.02.2008 Centralstation / Darmstadt

Von: Sascha Knapek

Steve Earle Darmstadt

Es ist Sonntag der 10. Februar 2008. Heute werden die Grammys verliehen und Steve Earle spielt samt „Special Guest“ Allison Moorer in der Darmstädter Centralstation. Was beides miteinander zu tun hat soll später am Abend noch klarer werden. Auf den Tickets prangt bereits der Hinweis auf Earle’s bisherigen Erfolg bei besagter Preisverleihung.

Den musikalischen Anfang macht an diesem Sonntagabend Earle’s Frau Allison Moorer. Die hübsche Mittdreißigerin präsentiert den Anwesenden acht spartanische Songs, die hauptsächlich von Moorer’s Stimme getragen werden. Ohne große Ansagen fegt die rotblonde Sängerin durch ihr kurzes Set und weist nur einmal kurz auf ihre neue, aus Coverversionen bestehende, CD „Mockingbird“ hin. Von dieser kommenden Platte stammt auch die stärkste Nummer des Sets, das Patti Smith-Cover „Dancing Barefoot“. Insgesamt ist das was Allison Moorer uns zeigt nette Musik – für meinen Geschmack allerdings doch etwas zu ruhig und gefällig; ein, zwei schnellere Stücke mehr hätten dem Auftakt nicht schlecht zu Gesicht gestanden.

Die Pause nach dem pünktlichen Beginn von Allison Moorer vergeht wie im Flug. Nachdem man noch mal schnell die Hallenauslastung – geteilt in eine bestuhlte und eine nicht bestuhlte Hälfte, ist die Centralstation schätzungsweise zu zweidrittel gefüllt – begutachten kann, betritt um kurz vor zehn Steve Earle die Bühne. In Holzfällerhemd und Jeans gekleidet, greift er zu Akustikklampfe und Dylan-Rig und startet demonstrativ lässig in sein Set. Er beginnt mit älteren Songs wie „The Devil’s Right Hand“, „Someday“ und „Now She’s Gone“ – alle brauchen zur richtigen Wirkung nicht viel mehr als die markant nuschelige Stimme und die gezupfte Gitarre. Als Earle nach dem siebten Song („Tom Ames Prayer“) seine Dobro-Gitarre rausholt und den „South Nashville Blues“ anstimmt, frage ich mich schon, ob und wann wir Songs vom aktuellen Album „Washington Square Serenade“ zu hören bekommen – bis jetzt war noch keiner dabei. Allzu lange dauert dies aber nicht mehr. „Billy Austin“ – ein Song der ähnlich wie „Ellis Unit One“ vom „Dead Man Walking“-Soundtrack die Todesstrafe thematisiert und eins der vielen Glanzlichter des Songschreibers Steve Earle markiert – ist vorerst die letzte ältere Nummer, ab jetzt geht es hauptsächlich um das aktuelle Material.

Wie Earle dieses präsentieren würde war im Vorfeld eine Frage, die ich mir auf der Fahrt nach Darmstadt ein paar Mal stellte. Dass der Songwriter seine neuen Songs mit einem DJ im Rücken spielen würde, hatte ich zwar schon aufgeschnappt, eine genaue Vorstellung wie so etwas aussehen könnte, war jedoch noch nicht gereift. Funktioniert diese Art von erdigem Country-Folk überhaupt mit der scheinbaren musikalischen Antithese eines DJ’s? Ich war gespannt es herauszufinden. Vom Publikum aus gesehen positioniert sich der Mann an den Reglern rechts hinter Steve Earle und gemeinsam steigt man in den „Tennessee Blues“ vom aktuellen Album ein. Wie stimmig die Angelegenheit werden wird, ist spätestens beim zweiten gemeinsamen Song, dem großartigen „Jericho Road“ glasklar. Egal ob Banjo-Nummer („Oxycontin Blues“) oder Songs die nicht vom aktuellen Album stammen („Continental Trailway Blues“), die Symbiose aus politischem Country-Folk und elektronischem Unterbau funktioniert perfekt! Drumloops hier, subtiles scratchen und kleine Stimmeffekte da, ich bin positiv überrascht wie gut das alles miteinander harmoniert.

Steve Earle weist am Abend zwar ein paar Mal auf seine eingefangene Erkältung hin, eine Behinderung scheint sie allerdings nicht wirklich darzustellen. Nach dem zuckersüßen „Sparkle And Shine“ betritt Allison Moorer die Bühne und teilt ihrem Mann mit, dass Freundin Nora Guthrie gerade einen Grammy bekommen hat (für die Veröffentlichung von „The Live Wire“, ein geschichtsträchtiger Livemitschnitt ihres Vaters Woody). Man freut sich und singt das wunderschöne Duett „Day’s Aren’t Long Enough“. Danach gibt es mit der standesgemäßen griechischen Bazouki (eine Art Mandoline) das aufrüttelnde „City Of Immigrants“.

Bevor nun der letzte Teil des Auftritts eingeleitet wird, teilt ein menschgewordener Grammy-Liveticker Steve mit, dass dieser gerade den Preis für das beste „Contemporary Folk/Americana Album“ gewonnen hat. Erneut ist der Applaus groß und wie schön wäre es gewesen wenn bei der Preisverleihung nicht Drogennudel Amy Winehouse aus London, sondern Steve Earle aus Darmstadt zugeschaltet worden wäre. Aber lassen wir das. „The Galway Girl“, „Steve’s Hammer“ (samt verunglückter Mitsingaktion) und das Tom Waits-Cover „Way Down In The Hole“ beschließen das Main-Set. Den einzigen Zugabenblock prägen ältere, melancholische Stücke. Das Townes Van Zandt-Cover „Rex’s Blues“ wird mit einer faszinierenden Spoken-Word-Hommage eingeleitet und der folgende „Fort Worth Blues“ steht ebenfalls im Gedenken an die texanische Songwriterikone. Der Titeltrack vom 1988er Album „Copperhead Road“ ist der angemessen großartige Rausschmeißer – man sieht es in vielen der 25- bis 65-jährigen Gesichter, wie sehr die Zuschauer sich gerade über diesen Song freuen.

Nach über zwei Stunden und sage und schreibe 28 Songs endet Steve Earles Set fast genau um Punkt zwölf. Ab jetzt hat der Songwriter gut zwei Tage Zeit um sich auf der Fahrt nach Spanien von seiner Erkältung zu verabschieden. Wie lange die Besucher der Centralstation Zeit haben bis Steve Earle das nächste Mal vorbeikommt steht in den Sternen – nach diesem erstklassigen Auftritt würden wir aber sicherlich wieder fast alle den Weg in die umfunktionierte Maschinenhalle in der Darmstädter Innenstadt finden, um einem der größten zeitgenössischen Songwriter lauschen zu dürfen. 

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