Tammerfest 2007 mit Deep Insight, Negative, Poets Of The Fall, Apulanta, Sara, PMMP, Bloodpit, The 69 Eyes, Jann Wilde & Rose Avenue
Tammerfest ist ein Musikfestival, welches jährlich im Juli in Tampere im Südwesten Finnlands stattfindet. Für 4 Tage und Nächte erscheint die City of Rock noch geschäftiger, als sie es sonst schon ist. Das kulturelle Angebot ist groß, und alles findet im Herzen der City statt; man kann also gut und gerne zu Fuß zwischen den einzelnen Veranstaltungen hin-und herhüpfen.
140 meist finnische Künstler spielten in diesem Jahr in 26 verschiedenen Veranstaltungsorten. Insgesamt 80.000 Leute erfreuten sich beim Tammerfest 2007 sowohl am Festival als auch an der schönen Stadt Tampere.
Mittwoch
Wir begannen den Tag im Klubi mit einem altbekannten finnischen Sänger namens KARI PEITSAMO. Ohne Zweifel: der Mann ist toll! Mit Bandana auf dem Kopf und Akustikgitarre in der Hand brachte er die nicht gerade zahlreichen Besucher mit kurzen, witzigen Songs und Sprecheinlagen in finnisch und englisch im Handumdrehen zum lachen. Unterhaltung pur!
Weiter ging es nach einem kleinen Stadtrundgang zum Vuolteentori, einer Art Park gleich hinter dem Ilves Hotel. Dieser hat durchaus etwas für sich, denn die Grasflächen haben Absätze, so dass sich das Ganze treppenähnlich präsentiert. Das heißt, man kann dort wirklich von überall aus gut etwas sehen. DEEP INSIGHT waren als erstes dran, und deren energetischer Emo-Style Rock konnte bei Nieselregen sogar die Negative Fans begeistern, die wie immer stundenlang, manche sogar tagelang, auf den Einlass gewartet hatten und nun dementsprechend auch müde waren.
Bis die nächste Band dran war, gab es ein riesiges Loch im Programm, wobei keiner eigentlich so genau verstand, warum. Der Umbau dauerte nur einen Bruchteil dieser Zeit und reguläre Besucher mit Tagesticket konnten das Gelände in dem Zeitraum auch nicht verlassen, und steckten somit bei Regen und überteuerten Barpreisen regelrecht fest.
Jede Menge Gerüchte gingen im Vorfeld herum, dass NEGATIVE den Gig aus gesundheitlichen Gründen absagen müssten. Im Endeffekt war es wohl aber nur eine, wenn auch eher seltsame, Pressestrategie. Geholfen hat es jedenfalls nicht, mehr Besucher anzulocken, denn gerade für ihre Heimatstadt war die Publikumsanzahl an dem Abend dann doch ziemlich dürftig für Negative. Man kann daher wohl froh sein, dass Ryanair billige Flüge aus Deutschland anbietet, denn die Hälfte des Publikums dort waren wahrscheinlich noch nicht mal Finnen.
Pink und Streifen wohin das Auge auch blickte, nicht nur im Publikum, sondern auch auf der Bühne. Das Set war eine gute Mischung des Negative-Repertoires, jedoch konnten sie mich auch hier nicht vom Hocker reissen. Irgendwie fehlte da der sonst eher typische Schwung. Die Menge allerdings schien doch anderer Meinung, denn es wurde intensiv mitgerockt und da die Band mit den Rosen diesmal äußerst großzügig war und das Publikum mit schon fast ganzen Blumensträußen bombardierte, sollte nun wohl mittlerweile jeder in unmittelbarer Bühnennähe eine Negative-Rose abbekommen haben.
Irgenwann wurde es auch uns zu langweilig bei der eher durchschnittlichen Show, und wir verkrümelten uns deshalb auf ein oder zwei Drinks in unsere Stammbar Amadeus, die auf Grund des noch andauernden Konzertes zum ersten mal in dieser Woche frei von Negative- oder Uniklubi-stalkenden Fans war. Danke! Zum weiteren gab es dort auch noch Livemusik von SHAKEDOWN, die einfachen und soliden Rock spielten, und somit uns sowie den Locals, die endlich mal wieder in ihrer Stammbar Platz fanden, ein Lächeln aufs Gesicht zauberten. Dies ist eins der guten Dinge am Tammerfest: nahezu jede kleine Bar ist irgendwie in das Festival involviert und bietet örtliche Bands zum Nulltarif an.
Mit gutem Timing, also gerade noch bevor Negative-Fans en masse wieder zurück zum Amadeus pilgerten, machten wir uns auf den Weg zum Keskustori, wo POETS OF THE FALL an der Reihe waren. Lange hielten wir es allerdings im riesigen, stickigen Partyzelt nicht aus, und während ein bunt gemischtes Publikum die Poeten feierte, traten wir den Rückzug zum Pakkahuone an, um APULANTA zu sehen, die für die meisten Finnen wohl das Festival Highlight darstellen. So voll habe ich das Pakkahuone allerdings noch nie erlebt, es war wohl wirklich bis aufs letzte Ticket ausverkauft, und so kam es, dass ich anstatt mir das Konzert anzusehen, es mir dann doch lieber von Rauchervorgarten aus anhörte. Frischluft gepaart mit gutem Finnrock so kurz vorm Schlafen gehen ist doch immer wieder was Tolles.
Donnerstag
Wo anders würden wir den Tag anfangen, als im Klubi mit Kari, der jeden Nachmittag im Klubi seine Darbietungen zum Besten gab. Mittlerweile hatten doppelt so viele Leute wie am Vortag den Weg dorthin gefunden, und enttäuscht wurden sie nicht.
Allerdings mussten wir auf halbem Wege schon wieder verschwinden, denn auf der anderen Straßenseite unmittelbar vorm Ruma gaben sich so einige örtliche Bands die Klinke in die Hand. Zur Veturipuisto-Bühne kann man allerdings nicht so viel Gutes sagen. Eine ziemlich doofe Stelle für eine Bühne. Absolut im Miniformat, auf einem Hang gleich neben dem Bürgersteig, und das Ganze irgendwie Pie-Mal-Daumen mit einem Gitter umrandet. Sound und Lights – so gut wie nicht vorhanden. Nun gut, nicht die tollste Bühne, die je erbaut wurde, allerdings bekamen so eine ganze Menge guter Tampere-Bands so die Möglichkeit, beim Tammerfest überhaupt aufzutreten. Vielleicht hat man ja nächstes Jahr ein paar Ideen, die Bühne etwas ansprechender zu gestalten.
Als erstes nahmen BULLET RIDE besagte Bühne ein, die trotz eher spärlichen Publikums eine gute Show ablieferten. Sehr talentierte Jungs, die da ihr Können zum Besten gaben, gefolgt von DAY ELEVEN und MANZANA.
Nach einer Dinnerpause fanden wir uns im Inferno ein, wo an diesem Abend NITROKISS den Anfang machten. Während sich auf der Minibühne regelrecht auf die Füße getreten wurde, hatten die wenigen Leute im Publikum jede Menge Platz. Für Nitrokiss machte das allerdings keinen großen Unterschied, denn sie lieferten eine äußerst sehens- und hörenswerte Show ab, die mit Sin City ein doch etwas frühes Ende fand. Manch 'größere' Band dürfte sich von dieser Performance jedenfalls gerne mal eine Scheibe abschneiden.
Irgendwie freute es mich, dass es nicht ganz so voll war, denn dann sollte man sich bei SARA, die als nächstes an der Reihe waren, wenigstens auch noch frei bewegen können. Dachte ich zumindest. Nachdem ich in der Umbaupause mit einigen Freunden im Untergeschoss meinen Lonkero schlürfte, traf mich fast der Schlag als ich zum Beginn des Konzerts wieder nach oben ging. Wo die Leute auf einmal alle herkamen, bleibt wohl ein Rätsel, jedenfalls war das Inferno nicht nur voll, es war tatsächlich das reinste Inferno im wahrsten Sinne des Wortes. Bewegen konnte man sich nicht mehr, aber stehen oder etwas sehen leider auch nicht. Nun gut, das wurde für mich dann also ein reines Sara Hörkonzert, denn irgendwie schaffte ich es, wenn dann leider nur sekundenlang, mal über einige vor mir stehenden Köpfe hinweg zu linsen. Qualitativ allerdings ein ausgezeichneter Gig, was sowohl der Band als auch dem Publikum anzusehen und zu -hören war. Auch wenn mir das Gedrängel die Show leider teilweise etwas vermieste.
Nun muss ich leider gestehen, dass ich nach der Erfahrung bei Simerock absolut keinen Bedarf an weiterem PMMP-Gekreische hatte, und deshalb beschloss ich, im Gegensatz zu wohl halb Tampere, dem Pakkahuone an diesem Abend fern zu bleiben, und mich stattdessen nach einem langem Tag erschöpft in mein Finnbettchen zu kuscheln.
Freitag
Den Tammerfest-Freitag verpasste ich leider, denn hier bekam ich das Dilemma mit den finnischen Sommerfestivals zu spüren: es gibt so viele davon und es passiert daher oft, dass sich etwas überschneidet, und man sich entscheiden muss. Aufgrund des fantastischen Rockperry-Lineups mit Hardcore Superstar, gewann Vaasa meine Unterstützung für diesen Tag, während man beim Tammerfest unter anderem Künstler wie STURM UND DRANG, RENOISE, WHITE FLAME, IRINIA, INDICA, MAJ KARMA und THE HELLACOPTERS bestaunen konnte.
Samstag
Ratet mal, mit wem wir den Tag zum wiederholten Male anfingen? Jawohl, mit Kari! Nur dass sich der 'Geheimtipp' mittlerweile herumgesprochen hatte, und es so voll war, dass man an diesem Tag fast nicht mal durch die Tür kam. Highlight der Darbietung: 'Say No to Porn'.
Danach machten wir uns auf den Weg zum Vuolteentori, welcher an diesem sonnigen Spätnachmittag wieder einmal von einer Großzahl deutschen Besucher eingenommen war. BLOODPIT eröffneten mit Born A Whore, einem der Songs des neuen Albums und legten eine Rock-Performance vom Feinsten hin. Ein Auftritt von bester Qualität in einer schönen Umgebung, mit fantastischer Atmosphäre und Hits wie Out To Find You, Platitude, Bad-Ass Blues und Wise Men Don't Cry – was wollte man mehr. Am Ende des gut 80-minütigen Sets schmiss sich Bassist Aleksi dezent in Alariks Drumset und zerlegte es in Stücke. Zu dem Zeitpunkt konnte ja noch niemand ahnen, dass dies vielleicht das letzte Konzert der Band gewesen sein könnte. Falls es denn so sein sollte (was wir ja nicht hoffen), dann war dies auf jeden Fall ein erinnerungswürdiges letztes Konzert.
Eine weitere lange Pause folgte, bis es Zeit für THE 69 EYES war. Die Glücklichen, die einen Pass hatten, konnten die Zeit überbrücken, in dem sie sich geschwind über der Straße was zu futtern holten, und sich dann an einem Picknick im Grünen erfreuten, denn wenigstens das Wetter spielte an dem Tag endlich einmal mit. Zum Lost Boys Soundtrack und einer überdimensionalen Menge Nebel nahmen die fünf Helsinki Vampires ihre Plätze ein und begannen mit Framed In Blood gefolgt von der letzten Single Never Say Die und nahmen das Publikum damit im Sturm ein. Allerdings beschlossen wir, nach reichlicher Überlegung, dem Rest des Konzertes nicht beizuwohnen, sondern uns im Eiltempo zum Ruma zu begeben.
Dort wartete nämlich das für uns letzte Konzert des Tammerfests in Form von JANN WILDE & ROSE AVENUE. Und auch hier konnte keiner ahnen, dass es die Band drei Wochen später schon nicht mehr geben sollten. Optisch gesehen wurden wir schon einmal nicht enttäuscht, denn Jann mit Shirley Bassey-Frisur und lila Glitzer-Catsuit erschien als die Augenweide des Glam, ebenso ein sehr pinker Arde. Auch das Publikum war gemischt: Leute, die JWRA noch nie live gesehen zu haben schienen, runzelten die Stirn und fragten sich, ob sie lachen oder weinen sollen. Das andere Extrem waren schon fast hysterische Fans, die nicht weniger glitzerten als Jann selbst und regelrecht an dem Gitter vor der Bühne hingen. Vielleicht hätte jemand denen mal sagen sollen, dass man ein paar Schritte weiter hinten die Band durchaus auch in ganz bewundern konnteÂ… Und mit Lover, Lover, Lover fand eine wieder unterhaltsame Show, natürlich nicht ohne die obligatorischen Pantomime-Einlagen, ihr Ende.
Die nächste und letzte Band, die auf unserer To-Do-Liste stand, waren TURMION KÄTILÖT im Inferno, aber daraus wurde leider nichts, da die Band den Auftritt absagen musste. Müde und erschöpft nach vier langen aber tollen Festivaltagen krochen wir an diesem Abend daher zeitig in die Federn und freuten uns schon auf unsere eiskalten White Russians in unserer, dann wieder normal-vollen, Stammbar am nächsten Tag.
Wir bedanken uns bei Tammerfest für die gute Organisation und den reibungslosen Ablauf, und freuen uns schon auf nächstes Jahr. Schreibt es euch doch schon mal auf: Tammerfest 2008 vom 9.-12.07.2008!