Tour 2010 - Support: Pollyanna
Was bewegt jemanden dazu, an einem kalten verschneiten Sonntagabend das traute Heim zu verlassen und sich dem hamburgischen Schietwetter auszusetzen, bei dem der Wind immer gleich von drei Seiten gleichzeitig kommt? Ein leerer Kühlschrank wird mit einem Anruf beim Pizzaservice gelöst, Glühwein muss Sonntags nicht sein, Freunde besuchen kann man auch Montag wieder. Das einzige, was mich heute überzeugen kann, ist das Konzert von Tellavision. Also den dicksten Wollpullover angezogen, Schal vor das Gesicht und raus in die Kälte.
Das Ziel ist die Astra Stube, ein sehr kleiner urbaner Laden unter den Bahngleisen der hamburgischen S-Bahn. Außerdem Titelcover der aktuellen Platte von Jan Delay. Als ich um 21:30 Uhr den Laden betrete, befinden sich gerade 20 Leute dort, somit ist die Astra Stube bereits einigermaßen gefüllt. Ich stelle mich nach der Getränkebestellung erstmal möglichst nah an die - scheinbar einzige - Heizung im Raum, die ihr Bestes gibt. Fee alias Tellavision, eine zierliche junge Frau, befindet sich ebenfalls im Publikum, unterhält sich mit Freunden und läuft etwas planlos durch die Leute. Sie gesteht, vor jedem Auftritt unglaublich aufgeregt zu sein. Sie bekommt dieses Lampenfieber einfach nicht weg. Schon mit elf Jahren stand die Musikerin auf der Bühne, allerdings in Zirkuszelten, doch auch diese frühe Bühnenerfahrung ist ihrer Meinung nach keine Hilfe gegen die Nervosität. Heute wird sie als zweite spielen, vor ihr wird Isabelle Casier alias Pollyanna die Bühne betreten: "Wir machen das im Doppelpack heute".
Mit der Anzahl der Gäste sinkt der Sauerstoffgehalt im Raum. Die Luft steht, man kann den Rauch der Zigaretten in den Scheinwerfern sehen, wie er sich wie ein Schleier über die Leute legt. Fahles Licht unterstützt die trübe Atmosphäre, dazu kommt dann diese seltsame Musik, die im Hintergrund läuft, es ist Barock, nicht wirklich die Musik, die man sich vor einem Konzert anhören möchte.
Um 22:15 Uhr betritt Pollyanna dann die Bühne. Die französische Songwriterin war bereits im Juni in Hamburg um ihr Albumrelease in Deutschland zu feiern. Ihre Songs, vorgetragen auf einer Akustikgitarre, werden durchzogen von einer tieftraurigen Stimmung, tollen Harmonien und mit einer sehr straighten sauberen Stimme abgerundet. Schon mit dem ersten Song "Hit The Road" hat sie mich gepackt. Das scheint allen anderen - mittlerweile bestimmt 40 Leuten - genauso zu gehen, denn kein Ton dringt während ihrer Songs aus dem Publikum. Eigentlich spielt sie mit Band, so auch auf ihrem Album, auf dem ihr Sound noch mehr an Bright Eyes erinnert als live. Mit kurzen Monologen füllt sie die Pausen zwischen den Song und trägt sogar einen Song auf dem Banjo vor, bei dem das Publikum noch ruhiger sein muss, da sie diesen Song ohne Verstärkung durch Mikros vorträgt.
Nach einigen Songs frage ich mich jedoch langsam, warum sie bei ihren Liedern nichts wagt. Immer ist die Tonlage ihrer Stimme gleich tief. Wer solch eine gute Stimme hat, der sollte das nutzen, nicht durch ständiges Herumgejaule, wie es gerne in der Popszene exzessiv betrieben wird, sondern einfach mal ein kleiner emotionaler Ausbruch. Leider bleibt dieser aus und wird auch bei dem letzten Song vermisst. Für diesen bittet sie Tellavision auf die Bühne, die mit ihrem Synthesizer den Song begleitet. Nach einer Zugabe, "Landscape", die sich der Barkeeper gewünscht hat, ist das Konzert zu Ende und diese schreckliche Barockmusik schraubt sich wieder in die Gehörgänge. Zum Glück braucht Tellavision nicht lange und der Aufbau ihres Synthesizers ist schnell erledigt.
Unter ihrem Tisch befinden sich Loopstations, "Effektgeräte", die genutzt werden, um live Spuren einzuspielen, die dann in Kombination mit weiteren Spuren ein- und ausgestellt werden können. Während des ersten Songs scheint es auf der Bühne etwas wirr zu sein, woraufhin Fee erklärt, dies sei nur der Soundcheck - mag ja sein, klingt dennoch echt interessant und bietet schon einmal einen Ausblick auf die kommenden 40 Minuten. Erstaunt schauen alle zu, wie die kleine Frau auf der Bühne wild Schalter drückt, Knöpfe dreht, dann wieder Schalter drückt und das die ganze Zeit. Dazu kommt ihr "Fee-nhafter" Gesang. Nachdem der Song abrupt endet meint sie nur leicht irritiert: "Wir müssen nochmal Soundcheck machen". Als dieser beendet scheint, beginnt der nächste Song, indem sie mit Schlagzeugsticks auf zwei kleine Kartons schlägt, die geloopt werden und einen straighten Beat darstellen. Etwas irritierend es schon, dass sie fortwährend wild hin und her drückt und dreht, aber das gehört zum Programm, wen es stört, der soll wegschauen, die Augen schließen und in die Klänge und damit eine eigene Welt abdriften. Eine typische Songstruktur ist nicht vorhanden und ebenso wenig erwünscht, sie haben ihr Eigenleben, verlaufen nach Gefühl. Auch nach diesem Song kommt der Satz: "Jetzt müssen wir nochmal Soundcheck machen". Die leicht überfordert wirkende Fee nimmt Anregungen des Publikums bezüglich der Lautstärke der einzelnen Instrumente an, dann geht es weiter.
Wie sie es bereits ankündigte nimmt ihre Aufregung nicht ab, obwohl sie wirklich deutlich - in Form von Applaus - vom Publikum erfährt, dass ihre Vorstellung wirklich gut ist. Besonders ihre Stimme, ähnlich der französischen Feist, überzeugt. Neben dem Synthesizer bedient sie sich an Instrumenten wie ihrer E-Gitarre, einer Mundharmonika, einem Schellenkranz, den genannten Kartons und ihrer Stimme. Vor dem letzten Song "Dandy" gesteht sie nochmal öffentlich, dass sie sehr aufgeregt sei. Mit angemessen wildem Applaus wird sie aufgefordert, nicht aufzuhören und mit zwei weiteren Songs endet das Konzert schließlich. Sehr beeindruckt und verzaubert mache ich mich auf den Weg zur Bahn.
Setlist POLLYANNA (Isabelle Casier):
Hit The Road
Like Birds
Departures
Chocolate Jesus
Twister
Tristan
Chasing Mammoths
Friends
Railroad Boy
Bruxelles
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A Landscape
Setlist TELLAVISION (Fee Kürten):
DinA 5
One Another
Million
All Hands
Parallel
Game
Dandy
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Fee Sight Blues
Reserve The Past