The Felice Brothers

Tour 2009 - Support: AA Bondy

27.10.2009 Batschkapp / Frankfurt/Main

Von: Sascha Knapek

The Felice Brothers  Frankfurt/Main

Der Winter zieht auf, die Nächte werden kalt, Autoscheiben bedeckt schnell eine dünne Schicht Frost und das Laub ist demnächst auch bis auf die letzten Blätter von den Bäumen gefallen. Da freut es einen, wenn die Tür pünktlich aufgeht und man nicht unnötig in der Kälte stehen und auf ein Konzert warten muss, nach dem es viele der Gekommenen schon seit zwei oder drei Jahren dürstet. Mit ihrem dritten regulären Studioalbum (“Yonder Is The Clock“) haben es die Felice Brothers endlich zu einer längeren Tour über den großen Teich geschafft. Gedankt wird es ihnen mit vielen ausverkauften Konzerten. Frankfurt ist der Tourabschluss, und wie man es von der Mainmetropole kennt, ist die Hütte hier nicht bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Batschkapp ist zwar sehr gut besucht, aber so viel wie in München oder Hamburg ist hier nicht los.

Mit dabei haben die Felice Brothers an diesem Dienstagabend ihr ehemaliges Quasi-Familienmitglied AA Bondy. Der Mann mit dem markanten Mississippi-Akzent eröffnet pünktlich um Neun und begeistert mit seiner knarzigen E-Gitarre, standesgemäßem Dylan-Rig und verträumt-bissigen Songperlen. Hier steht jemand, der den Americana-Gedanken weiterentwickelt, nicht nur Althergebrachtes wiederkäut und speziell die Stücke vom aktuellen Album “When The Devil’s Loose“ sind verdammte Götter unter dem handgemachten, amerikanischen Musikhimmel.

Begleitet wird Bondy von Macey Taylor am Bass und den Keyboards und Ben Lester am Schlagzeug bzw. der Slide-Gitarre. Lester war schon als Techniker und Stage Manager für Bon Iver tätig und gibt uns an den Drums stellenweise das regelrechte Tier. Als dann bei “Killed Myself When I Was Young“ auch noch diverse Felice Brothers auf die Bühne kommen, das Schlagzeug zu zweit bearbeitet wird, und das angemessene Chaos einzieht, hat die Party ihren ersten Ausreißer nach weit oben. Die Anzahl der Musiker verdoppelt sich und der konzentrierte Druck, den AA Bondy und seine Kollegen entfachen, überschlägt sich bei der vorletzten Nummer fast. Der Titelsong von Bondys aktueller Platte ist dann gleichzeitig Schluss- und Höhepunkt des Sets. Elektrischer Folk, der alles richtig macht.

Nach einer kurzen Umbauphase folgen die Felice Brothers. “Marlboro Man“, vom leider am Merch-Stand nicht mehr erhältlichen “Mix Tape“, eröffnet den Abend und geht nahtlos in “Greatest Show On Earth“ über. Einer der besten Tracks, des selbstbetitelten Albums der Familiensippe, ist fast nur durch den Text erkennbar. Live scheinen die Felice Brothers nämlich nicht mehr auf die Americana-Ästhetik ihrer Studioalben zu setzen, vielmehr grenzt das, was man auf der Bühne sieht, an wilden Outlaw-Party-Rock. Vor allem Waschbrett- und Fidel-Spieler Greg Farley tritt dabei ins eher peinlich besetzte Rampenlicht. Mit seinen ausladenden Poser-Gesten wirkt der Kerl im Kapuzenpulli eher wie ein Maskottchen, das die letzte Rap-Crew auf der Bühne der Batschkapp vergessen hat. Vom Habitus erinnert Farley eher an Nu-Metal-Prolls und Handtuchschwingende Hip-Hopper, so etwas bei einem Auftritt der Felice Brothers zu erleben, hätten viele Anwesende nicht vermutet.

Allgemein muss im Soundverständnis der Felice Brothers in den letzten Monaten ein Sinneswandel stattgefunden haben. Jeder Song stellt handelsübliche Rock-Elemente in den Vordergrund, sogar Nummern wie “Love Me Tenderly“ oder “Roll On Arte“, die eigentlich gerade durch ihre Subtilität bestechen. Als Dylan damals in Newport die Elektrische auspackte, stieß das nicht überall auf freudige Gesichter. Dieses Felice Brothers Konzert in Frankfurt hat ähnliche Konsequenzen. Nicht wenige verlassen die Batschkapp frühzeitig – mitunter kopfschüttelnd –, ein derartig kompromisslos auf Party getrimmtes Stimmungsbild hätte man nicht vermutet. Nur die ruhigen Songs wie “Cooperstown“, “Boy From Lawrence County“ und “St. Stephen’s End“ schaffen es ansatzweise an die übergroß anmutenden Studioalben der Familienbande anzuknüpfen. Krawallbesessenes Chaos gab es bei den Brüdern zwar schon immer, aber ihre Songs haben sie selten aus den Augen verloren. Am heutigen Abend wird das laute Gebären aber zum roten Faden und es wirkt so, als würde sich da jemand selbst covern. Erst als AA Bondy und seine beiden Kollegen mit auf die Bühne kommen, macht die Kakofonie wieder Sinn. Die Sau allerdings auch mal nicht rauszulassen ist die große Kunst, und das verschlafen die Felice Brothers heute. Ein Abend auf 180, der für viele leider so gar nicht ins – wohl viel zu große – Erwartungsbild passt.

Was ihre Liveauftritte anbetrifft, entzaubern sich die Felice Brothers seit dem endgültigen Ausstieg von Simone nun also langsam aber sicher selbst. Hintersinnigen, feingliedrigen Americana-Sound sucht man am heutigen Abend leider vergeblich. Die Familienbande konzentriert sich vollends aufs zügellose Feiern und untermalt das am liebsten mit wabernden, elektrischen Saiten (Gitarre und Bass) und Drums, denen die verspielte Leichtigkeitsvariante komplett abgeht. Während des gesamten Auftritts der Felice Brothers sieht man keine einzige Akustikgitarre auf der Bühne, nicht bei “Roll On Arte“, nicht bei den ruhigen Nummern, nicht einmal unberührt im Hintergrund. Deutlicher kann der Paradigmenwechsel fast nicht dargestellt und ein ehemals tragender Bestandteil von der Bühne verbannt werden.

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