The Gaslight Anthem

American Slang Tour 2010 - Support: The Sharks, Chuck Ragan

11.11.2010 Hugenottenhalle / Neu-Isenburg

Von: Pascal Kraus

The Gaslight Anthem Neu-Isenburg

Dieser Tage veröffentlichte der legendäre Sänger und Songwriter Bruce Springsteen mit "The Promise: The Darkness On The Edge Of Town Story" ein Box-Set, das die Entstehungsgeschichte des für viele wichtigsten Albums seiner Karriere dokumentiert: das 1978 erschienene "Darkness On The Edge Of Town". Springsteen selbst beschrieb das Album als sehr reduziert und "ready to rumble", doch mit einer Musik die Substanz hatte. Geprägt waren die Aufnahmen sicherlich erneut durch seine Heimat New Jersey und an diesem Punkt soll es das auch schon gewesen sein damit, diesen Musiker in einem Text mit einem Quartett aus New Brunswick (New Jersey), namens "The Gaslight Anthem" zu nennen. Diese Referenz war allerdings in den letzten Monaten in jedem noch so kurzen Artikel über die Band zu lesen und um deren aktuellen Sound zu skizzieren, ist dieses auch sicherlich angebracht. Hatten The Gaslight Anthem ihre Sozialisation noch im Punk, entwickelten sie zumindest auf ihren beiden jüngsten Alben eine deutliche Hinwendung zum zeitgenössischen Rock´n´Roll, welcher eben die Nähe zu ihrem Idol Springsteen, spätestens auf dem aktuellen dritten Album "American Slang", immer wieder versatzweise anklingen lässt.

Ob die Band live auf der Bühne ihren soulinfizierten Punk-Spirit in eine raue energetische Performance verwandeln kann, wird sich nachher zeigen, wenn die vier Musiker um ihren Sänger / Gitarristen Brian Fallon in der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg ihre Instrumente einstöpseln. Der erste Support, die "Sharks" sind heute leider der ausgiebigen Parkplatzsuche in strömendem Regen durch enge Seitenstraßen zum Opfer gefallen. Es scheint, die halbe Welt pilgert an diesem Abend zu den neuen Gralshütern des Rock`n`Roll. Ich vernehme gerade noch den letzten Akkord der jungen Band aus England, bevor ich die ausverkaufte Hugenottenhalle betrete. Die Halle ist, seit ich mich erinnere, ein regelmäßiger Ort für interessante Konzerte, obgleich das Ambiente dem Saal eines Bürgerhauses ähnelt.

Nach der Umbaupause entpuppt sich der vermeintliche Roadie als niemand geringeres als Chuck Ragan, dem ehemaligen Sänger und Gründungsmitglied der sogenannten Post-Hardcore-Band Hot Water Music, welcher dann in der kommenden Dreiviertelstunde mit einer Bragg-Waits-Attitüde und der akustischen Klampfe in der Hand seine Folk-Protest-Songs in rauer, sonorer und gewaltiger Stimme ins Mikro krächzt. Begleitet wird er bei den meisten seiner grundehrlichen Songs von einem langhaarigen Schlaks an der Violine, dessen Namen ich leider nicht mehr präsent habe. Durch die zur Schau gestellte Working Class-Mentalität wird quasi das Motto des Abends bereits vorgegeben. Auch The Gaslight Anthem versprühen diese Street-Credibility, wie auch der Großteil ihres Publikums teilweise aus einer Art modernen Rockabillies, tätowierten Hutträgern, einige in Pearl Jam-Shirts, und eben Menschen die so aussehen wie die Jungs dort oben auf der Bühne, besteht. Um kurz vor zehn wird unter lautem Jubel die schwarze "Piraten"-Flagge mit dem Totenschädel hinter dem Drumkit gehisst und die Musiker aus New Jersey entern die Bühnenbretter.

Es wird dynamisch mit zwei Songs des aktuellen Albums "American Slang" eröffnet, ehe die Band natürlich nicht ihre Vergangenheit abgeschüttelt hat und vom Debüt "We Came To Dance" zum Besten gibt. Dieser Aufforderung leisten einige bis in die hinteren Reihen Folge und zappeln was das Zeug hält. Die schöne schlängelnde Melodie von "The Diamond Church Street Choir" bringt das erste Mal dann so etwas wie "Hit-Feeling" unters (F)olk.

Brian Fallon sucht den Kontakt zum Publikum und erzählt zwischen den Songs auch mal Geschichten von den allgemeinen körperlichen Verfassungen der Crewmitglieder nach dem Aufstehen und warum dort wo er herkommt das Wochenende bereits am Donnerstag beginnt. Manchmal erzählt er dies auch etwas zu ausführlich, sodaß nach meinem Empfinden ein wenig der Faden reißt. Der Mann ist schon der nette Kumpel von nebenan, mit dem nach Feierabend noch gern ein Bierchen getrunken wird. Seine Kollegen Alex Rosamilia (Gitarre), Alex Levine (Bass) und Benny Horowitz (Drums) sind da schon zurückhaltender.

Die zweite Scheibe der Band "The `59 Sound" wird heute auch alles andere als stiefmütterlich behandelt, denn die Nummern "Old White Lincoln", "Miles Davis & The Cool" und natürlich "Great Expectations" heizen den "Punks" vor der Bühne ordentlich ein. Es ist schon ein wilder Haufen in den ersten Reihen und sie haben Spaß. Die Männer über ihren Köpfen augenscheinlich auch, sie sind geerdet, sie sind echt.

Der infektiöse Soul Shuffle mit dem The Gaslight Anthem zum Anfang des neuen Musikjahrzehnts ihren geschliffenen transformierten Punk versetzten, offenbart sich heute am besten in Nummern wie "The Queen Of Lower Chelsea". Für den Titelsong des Zweitlings "The ´59 Sound" holt Fallon nochmal Chuck Ragan auf die Bühne und gemeinsam werden die Ärmel hochgekrempelt. Bei dem folgenden alten traditionellen Liedgut "Good Night Irene" aus dem Wirtschaftskrisen-Amerika der 30er Jahre bleibt Chuck Ragan noch mit am Mikro, denn dieser Song steht seiner rauen Stimme gut, schließlich hat diesen Klassiker auch bereits der, stimmlich manchmal verwandte Hobo, Tom Waits aufgenommen. Danach ist es endlich soweit: "American Slang", das titelgebende Stück der jüngsten Platte des Vierers aus New Brunswick. Sie verstehen es vortrefflich hymnische Melodien zu zimmern, die dynamisch und tanzbar sind.

Laut Brian Fallon wollen The Gaslight Anthem nicht einfach nur eine Fußnote in der Musikgeschichte sein. Für das ganz große Ding reicht es irgendwie noch nicht ganz, aber vielleicht sollte das auch besser so bleiben. Gut gespielte ehrliche Musik, ein schöner Abend. Punkt!  

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