The Kills

Blood Pressures Tour 2011

27.11.2011 E-Werk / Köln

Von: Jessica Herz

The Kills Köln

Kann eine Fernbeziehung über den Atlantik hinweg tatsächlich funktionieren und sich zu etwas Großartigem entwickeln? Ja, kann sie! The Kills sind dafür das beste Beispiel. Sängerin Alison "VV" Mosshart, vor gut zehn Jahren noch in Florida zuhause, und der britische Gitarrist Jamie "Hotel" Hince legten trotz großer Entfernung so den Grundstein für ihr gemeinsames Bandprojekt The Kills. Mosshart hörte Hince damals im Nachbarzimmer eines Hotels Gitarre spielen. Anschließend schickten sie sich monatelang Tapes und Ideen per Post hin und her, bevor Mosshart ebenfalls nach London umzog. Vier Alben haben die beiden seitdem veröffentlicht und bezeichnen sich selbst als musikalische Seelenverwandte. Mit dem vierten Album "Blood Pressures" sind sie in diesem Jahr weltweit auf Tour.

The Kills sind keine glattgeschliffene Britpop-Kombo, sondern eine Band mit Ecken und Kanten. Die intensive Dynamik zwischen Mosshart und Hince ist durch alle Songs spürbar, und auch wenn man gar nicht empathisch veranlagt ist, so merkt man dies doch am ständigen Blickkontakt und dem Austausch kleiner Gesten zwischen den beiden. Dabei sind sie keineswegs ein Paar - Jamie Hince ist seit seit wenigen Monaten mit dem pensionierten Model Kate Moss verheiratet. Alison Mosshart, zum Glück kein Model und deshalb auch noch lange nicht im Ruhestand, zuckt über die Bühne wie Grunge-Königin Ally Sheedy im Breakfast Club. Auch hier verdeckt ewig ungekämmtes Haar das Gesicht komplett, und irgendwo dahinter ertönt eine rockige, satte Stimme. Eine Wohlfühlstimme!

Nicht ohne Grund ist sie nebenher noch Teil der Supergroup The Dead Weather - gemeinsam mit Jack White (The White Stripes, The Raconteurs), Dean Fertita (Queens Of The Stone Age) und Jack Lawrence (The Raconteurs, The Greenhornes). Sie dürfte außerdem eine der letzten Frauen sein, der  man das Ur-Grungepathos noch gerade so abnimmt. Hince trägt Guyliner, legt zwischendurch ein paar kurze Roboter-Moves ein und die Scheiben des E-Werks klirren bis zur Keupstraße. Im Namen der Dramatik haben die beiden vier synchrone Trommler mitgebracht, die sogar eine kleine Choreographie einstudiert haben. Doch auch die stören nicht die minimalistische Aura der eingeschworenen Zweierkombi. Stattdessen trommeln sie erstklassig zum Takt von "Future Starts Slow", einem abwechselnd neckenden und dann wieder verdammt coolen Song mit süchtig machendem Gitarrenriff. Gleich hinterher der nächste Ohrenschmaus: Das fesselnde "Heart Is A Beating Drum" wechselt überraschend geschmeidig von anfänglichen nintendo-artigen Poptönen zu blues-rockigem Geschrammel.

Genüsslich-pulsierende, düstere, punkrockige und mit elektronischen Beats verschlungene Klänge, krachende Beats und feinste Gitarrenkunst – das neue Album "Blood Pressures" zeigt unverkennbar immer noch die Kills, wie man sie kennt. Zurück zu den Wurzeln, so scheint es, aber schön auf die dunkle Seite: Wieder weg vom freundlicheren, pop-lastigeren Grundrauschen des dritten Albums "Midnight Boom" (2008), hin zur Launenhaftigkeit von "Keep On Your Mean Side" (2003), wenn auch nicht mit der Aggressivität von "Now Wow" (2005). "We will not be moved by it", heißt es immer wieder beschwörend im Chorus von "DNA". In "Satellite" trifft das bedrohlich-psychotische Gitarrenspiel von Jamie Hince auf das zwanghafte Gefühl, sofort losmarschieren zu wollen. Insgesamt zeigt sich Hince auf dem gesamten Album wieder extrem vielseitig und setzt in jedem einzelnen Song genau die passenden Akzente. Für jede Stimmung hat er außerdem nette Effekte parat.

Unbedingt erwähnt werden muss auch "Baby Says", ein melancholisches Duett mit einer äußerst verführerischen Bridge, die sicher noch wochenlang meine untherapierbare Ohrwurmschwäche triggern wird. Es erinnert ein wenig an Joy Division und erzählt die Geschichte einer traurigen Transsexuellen (was ich aber ehrlich gesagt auch erst weiß, seitdem ich das Video gesehen habe). Ein perfektes Gute-Nacht-Lied für Erwachsene ist "The Last Goodbye". Goodbye, The Kills – aber das letzte Mal soll es nicht gewesen sein.

Setlist:

No Wow
Future Starts Slow
Heart Is A Beating Drum
Kissy Kissy
U.R.A. Fever
DNA
Satellite
Last Day Of Magic
Baby Says
Nail In My Coffin
Black Balloon
Pots And Pans
Cheap And Cheerful
Tape Song
----------------
The Last Goodbye
Fried My Little Brains
Fuck The People
Monkey 23

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