The Naked And Famous

Tour 2011

17.09.2011 Live Music Hall / Köln

Von: Jessica Herz

The Naked And Famous Köln

Es ist der letzte Abend in Deutschland für The Naked And Famous, und die Schlange vor der Live Music Hall ist gigantisch. Obwohl das Konzert längst ausverkauft ist, stehen kartenlose Optimisten mit Jutebeutel und Oberkopf-Haarknoten fast bis um die Ecke zum Underground. Sind die Senkrechtstarter aus Neuseeland tatsächlich so fabelhaft? Die Songs auf Youtube sind ganz nett, vom Hocker gerissen haben sie mich aber nicht. Diese Meinung werde ich etwa eine Stunde später komplett revidieren: The Naked And Famous sind unerwartet großartig!

Aus Indie-Elektro-Pop wird Indie-Elektro-Rock mit 80er Jahre Post-Punk-Einflüssen: Die Kiwis gehen richtig ab mit durchdachten und dennoch absolut mitreißenden Kompositionen, da wird live nochmal eine ordentliche Portion Bass, Drums und Special Effects draufgelegt. TNAF starten mit "The Ends". Ganz sanft und zart fängt es an und mündet dann in ein umwerfend rockiges Crescendo, sofort ist klar: Hier geht was! "A Wolf In Geek's Clothing" ist problemlos headbang-tauglich, "Punching In A Dream" wirkt modern, frisch und sexy und hört sich gar nicht alptraumhaft an. Wie fantastisch es doch ist, wenn man nichts Großartiges erwartet und dann wie vom Blitz getroffen merkt: Ich will einfach die ganze Nacht durchtanzen! Ich will ein Live-Album! Ich will mehrmehrmehr!

Es mag sich überzogen anhören, wenn man nur die Studioaufnahmen kennt, aber die elektrisierende Intensität und der dramatische Aufbau erinnern an MGMT und – ich schwöre, ich übertreibe nicht und war auch nicht allzu betrunken! – sogar an Life-Performances von Massive Attack. Die sphärischen Stimmen von Xayalith und Powers, dazu der mächtige Bass, die Synthie-Layer von Aaron Short – der Rythmus scheint irgendwie organischer Natur zu sein und sich unvermeidlich in unsere Blutbahnen zu schleichen. Musikalisch ausgereift und trotzdem edgy, mit Ecken und Kanten.

Ich bin altmodisch und ein in der Jugend durch Grunge nachhaltig verdorbener Freak, aber spätestens jetzt haben Bandmitglieder, die weder singen noch ein Instrument spielen, für mich eine Daseins-Berechtigung. Ohne Aaron Short wären TNAF nur halb so gut! Der Toningenieur und selbsternannte IT-Geek ist das einzige Bandmitglied, das das Studium am Music and Audio Institute in Auckland abgeschlossen hat, wo sich die ursprünglichen drei Bandmitglieder Thom Powers (Vocals/Gitarre), Alisa Xayalith (Vocals) und Short 2008 kennenlernten. Xayalith und Powers jobbten beide in einem Plattenladen, als sie die Idee hatten, gemeinsam Songs zu schreiben. 2009 holten sie noch ihre Schulfreunde David Beadle (Bass) und Jesse Wood (Drums) dazu. Gemeinsam kreierten die fünf Ende 2009 ihren Chartstürmer-Hit "Young Blood", den Powers in einem Interview als die Beine beschreibt, dank dessen das Album auf unzähligen Samplern rund um die Welt wanderte.

Das hypnotische "The Sun" widmen TNAF der Vorgruppe Wolf Gang aus London, die übrigens einer der besten Support Acts der Kölner Konzertsaison gewesen sein dürften. "I don´t remember a thing, I don`t remember a thing", heißt es da – lässt das auf viele durchzechte Nächte mit Wolf Gang und anschließende Blackouts schließen? Geschadet hat es dem Auftritt jedenfalls nicht. Nackt sind bei den Bandproben übrigens höchstens die Füße von Aaron Short, versichert der Mann für die Special Effects. Ihren Namen adaptierte die Band aus dem Tricky-Song "Tricky Kid".

Und hier liegen auch die Wurzeln der Bandmitglieder, die sich während ihres Studiums kennenlernten und schnell gemeinsame musikalische Einflüsse wie Tricky und Massive Attack, Nine Inch Nails, Bon Iver oder M83 fanden. "Wenn mich ältere Menschen fragen, beschreibe ich unseren Stil aber einfach als Pop", sagt Xayalith. "Es ist sonst zu verwirrend mit all den heutigen Genres – früher war das einfacher". Wenn man die Live-Arrangements hört, darf man gespannt sein, wie sich The Naked And Famous noch weiterentwickeln werden. Ich prophezeie hier und heute, dass das nächste Album uns aus den Socken hauen wird!

"Young Blood", jetzt schon die Hymne einer ganzen Generation und weltweit in unzähligen Samplern, Werbespots und Teenie-Vampir-Serien gefeatured, kommt erwartungsgemäß erst als letzte Zugabe, steigert die Stimmung noch einmal ins Unermessliche und entlässt die Konzertbesucher berauscht und glücklich hinaus in die Nacht. Mein Tipp: Sofort einen Konzert-Alert einrichten und den nächsten Auftritt von The Naked And Famous auf keinen Fall verpassen!

Setlist:

The Ends
A Wolf In Geek's Clothing
Punching In A Dream
Spank
The Sun
The Source
Bells
Frayed
All Of This
No Way
Jilted Lovers
Da Da Da
Girls Like You
---------------
Eyes
Young Blood

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