Invaders Must Die-Tour 2009 - Support: Enter Shikari
Es gibt Künstler und Bands, deren gesamtes Repertoire beim besten Willen nicht für's gemütliche Homelistening taugt und nur "live on stage" seine volle Wirkung entfaltet - genauso verhält es sich mit der britischen Breakbeat-Legende The Prodigy, die zur Zeit wieder einmal Europa bereist.
Nachdem die Jungs im Frühjahr diesen Jahres hierzulande nur in den drei Metropolen Berlin, Köln und München gastierten, findet ihre "Invaders Must Die"-Tour glücklicherweise nun auch Fortsetzung in kleineren Städten wie unter anderem Dresden, Karlsruhe oder eben Düsseldorf. Bereits gegen 18 Uhr hat sich eine stattliche Menschenmenge vor der Philipshalle versammelt. Laut Veranstalter ist das Konzert aber nicht ausverkauft, einige wenige Restkarten hält die Abendkasse noch bereit. Dennoch, dies schon mal vorweg, sind es knapp 8.000 Fans, die den Weg an diesem regnerischen, aber milden Novemberabend in den Stadtteil Oberbilk finden werden.
Hat man im März im Kölner E-Werk mit (DJ)Tanith noch eine meiner Meinung nach unglückliche Wahl für das Vorprogramm getroffen, soll nun die englische Post-Hardcore-Band Enter Shikari die Massen auf Betriebstemperatur bringen. Deren "Trancecore" finde ich allerdings ziemlich überbordend und eher anstrengend, sodass ich mich relativ schnell ins Foyer zurückziehe, die Merchandising-Verkaufsstände inspiziere und die unterschiedlichen Konzertbesucher etwas beobachte. Nach nur 45 Minuten verabschiedet sich das Quartett aus St. Albans und die Bühne wird durch einen großen, schwarzen Sichtschutz verdeckt. Dahinter werkeln Roadies eifrig an der Technik, währenddessen davor Elektro-Beats im Ed-Banger-Style aus der Konserve das wartende Volk beschallen.
Um Viertel nach Neun hat die Umbaupause endlich ein Ende, der Vorhang öffnet sich und Liam Howlett, Keith Flint und Keith Palmer alias Maxim Reality nebst Support-Musikern entern die Stage. Mastermind Howlett verschwindet wie üblich hinter seiner Burg aus Keyboards, Synthies und Laptops, die beiden MC's suchen sogleich den Dialog mit dem Publikum. Es braucht nur 1-2 Takte und die Menge ist sofort elektrisiert. Bereits beim Opener "Worlds On Fire" ist bis in den letzten Winkel der Halle alles am hüpfen, pogen und schreien.
Überhaupt spielen die Jungs sehr viele Songs aus dem aktuellen Album wie z.B. "Take Me To The Hospital", "Warriors Dance" und natürlich "Omen", dazwischen stimmungstechnisch perfekt ins Set eingebettet die obligatorischen All-time-Klassiker "Breathe", "Poison", "Firestarter" oder "Voodoo People", selbst "Smack My Bitch Up", ansonsten stets ein fester Bestandteil der Zugabe, wird zeitlich schon zur Hälfte des Auftritts abgehakt. Einzig und allein vom in der Fangemeinde etwas umstrittenen 2004er-Longplayer "Always Outnumbered, Never Outgunned" findet heute abend - sofern ich mich nicht verhört habe - kein Titel Berücksichtigung in der Playlist, obwohl "Spitfire" oder "Girls" durchaus auch Potenzial besäßen. Mit "Out Of Space", dem Track, der 1992 den Durchbruch brachte, klingt die reguläre Show langsam aus - fast das einzige Prodigy-Stück im unteren bpm-Bereich, das ein entspanntes Mitsingen ermöglicht.
Zwischendurch stellen die beiden Vorturner immer wieder die rhetorische Nachfrage "Düsseldorf - you want more?" oder werfen die Aufforderung "I can't hear you" in den Raum und das Feedback aus tausenden Kehlen kommt prompt. Die fünfzehnminütige Zugabe hält dann mit "Their Law" noch meinen persönlich absoluten Favoriten bereit, da dieser Track dank seines harten Gitarrenparts wie kein anderer die gelungene Symbiose zwischen Electro und Rock darstellt. Gegen 22:45 Uhr geht das Licht an und die Crowd strömt glücklich und erschöpft nach draussen. Volle 90 Minuten The Prodigy bedeuten auch für mich einen neuen Rekord, da ihre bisher vier live miterlebten Gigs stets knapp darunter lagen.
Fette Beats, vibrierende Bassläufe, wirre Gitarrenriffs, aggressive Vocals, dazu Nebelmaschinen und Stroboskop-Gewitter in einer ekstatischen Atmosphäre - was will man also mehr. The Prodigy sind und bleiben der gemeinsame Nenner, auf den sich Rockfans, Raver und Punks problemlos einigen können. Auch wenn sprachlich strenge Moralapostel anmerken mögen, dass die beiden Wizards am Mic ein bißchen zu oft das böse F-Wort bemühen - es war an diesem Sonntagabend in Düsseldorf definitiv wieder einmal laut, dreckig und f*** genial.