The Unholy Alliance-Tour: Slayer, In Flames, Children Of Bodom, Lamb Of God, Thine Eyes Bleed
Im Frühtau zu Berge, olé olé! Was sich die Veranstalter dabei gedacht haben mögen der sehr verehrten Metal und Slayer-Gemeinde mit gleich fünf Bands an diesem Abend zu Leibe zu rücken, verstehe wer will. Jedenfalls öffnen sich an diesem Abend schon um 18:00 Uhr die Pforten der Philipshalle zu Düsseldorf, eine Zeit also, zu der das normal Arbeitende Fan-Volk irgendwie gerade erst den wöchentlichen Arbeitsplatz verlassen dürfte.
So sieht man denn auch eher junges Fan-Volk und eher dezente Slayerrufende vor und in das Foyer der Philipshalle eintrudeln.
Bei THINE EYES BLEED ist es dementsprechend noch nicht wirklich voll, und man ist fast gewillt zu mutmaßen, dass sich das auch im Laufe des Abends nicht großartig ändern wird. Merch ist, wie bei Slayer ja schon in den letzten Jahren leider schon zur Gewohnheit geworden, sehr teuer! Umso unverständlicher, dass sich trotzdem sehr viele Fans am Merchstand drängel. Leute: Die Shirts, die ihr bei dem Gig hier für 35 bis 80 Euronen kauft, die gibt’s einen Monat später für weniger als die Hälfte bei EMP! Hallo!?
Egal. Zurück zu THINE EYES BLEED: Die hinterlassen leider keinen wirklich bleibenden Eindruck. Metalcore nennt sich das wohl, was sich Tom Arayas kleinerer Bruder Johnny am Bass mit seinen Mitstreitern auf die Flagge tätowiert hat. Was dabei bis auf den berühmten Bruder übrigbleibt, ist ein willenloser Stilmix aus krudem Death Metal, Hardcore und sonstigen Extrem-Metal-Versatzstücken, die zusammenhanglos und ohne Punkt und Komma ins Publikum geblasen werden. Sorry, aber da sollte man sich doch noch einmal ein wenig am großen Bruder orientieren. Wiedererkennungswert und Originalität sind hier jedenfalls Mangelware.
Dagegen wirken LAMB OF GOD an diesem Abend kurz darauf fast schon sortiert. Auch hier herrscht natürlich der Metalcore, allerdings blitzen dafür bei LAMB OF GOD deutlicher Pantera-Huldigungen (was sich nicht zuletzt im Stageacting von Sänger Randy Blythe niederschlägt), Testament-Zitate und wirkliche Songs auf.
LOG werden dementsprechend gut aufgenommen, lassen aber ebenfalls nach 20 Minuten Spielzeit an Spannung und Originalität nach. Brutal ist’s, brachial und Aggro auch, aber auch originell und zukunftsweisend im Extrem-Metal? Am Ende bleibt zumindest bei mir die Frage offen, ob diese Band nicht vielleicht doch von der Presse mehr gehypt wurde als wirklich verdient, oder ob der geneigte Rezensent einfach keinen Kopp an die Musik der Amerikaner bekommen hat...Man weiß es nicht.
Die Kinder vom Bodensee (äh, gähn!) CHILDREN OF BODOM aus Finnland hinterlassen da irgendwie einen wesentlich gelasseneren und vor allem professionelleren Eindruck. Mit lecker Swing-Intro geht’s auf die Bretter und sofort in die Vollen. Mit Metalcore ist’s dann an diesem Abend auch erst einmal aus. Dafür gibt’s mit tollem Sound und schönen Prollansagen von Sänger und Gitarristen Alexi Laiho melodisches Gitarrengeshredde at it’s best! Stilsicher sind die Ansagen nicht. Macht aber nix, denn dafür hebt der Gig der jungen finnischen Partyspreng- und Alkohol-vernichtungs-Maschine ordentlich die abendliche Feierlaune. Die Philipshalle hat sich derweil doch noch beachtlich gefüllt. Wem es bei den Finnen zu melodisch ist, der tummelt sich im Foyer beim Alt, doch sprechen im Großen und Ganzen die dichten Reihen in der Halle und frenetisch mit gegrölte Hits der Marke `Bodom Night After midnight` oder `Lake Bodom` für einen überzeugenden Gig der finnischen Hate Crew!
IN FLAMES schaffen es nach dem coolen Gig von COB extrem locker nicht nur das Level zu halten, sondern auch noch einen drauf zu setzen. Soll heißen: Noch cooleres Intro (die allseits beliebte Titelmusik zu Knightrider wird auf der Bühne stilecht mit an den Verstärkerboxen entlanglaufenden roten Strahlern untermalt), noch satterem Sound und noch mehr Power! Meine Fresse! Man kann IN FLAMES vielleicht vorhalten, dass sie ein kleines Bisschen überpräsent sind. Man mag ihnen vorwerfen, dass die letzten Scheiben immer mehr in Richtung totale Ohrwürmer und Hitberechnung gehen. Eines kann man IN FLAMES jedoch ganz offensichtlich nicht vorwerfen: eine schlechte oder gar mittelmäßige Live-Band zu sein. (Korrektur am Rande: Die Schweden haben an diesem Abend keinen satten Sound, keinen knaller Sound nein, die Jungs um Frontdredlocke Anders Friden haben einen gottverdammten Höllensound!). Egal ob es Songs jüngeren Datums wie `Trigger` oder `Come Clarity` sind oder Schmankerl wie `Behind Space `99` vom alten Kracher-Album Colony, IN FLAMES holen sich an diesem Abend zielsicher den Publikums- und Stimmungspreis in Sachen Singalongs und Mitgröhlfaktor. Ansonsten: Arschtight, spielfreudig und einfach nur: Geil!
SLAYER brauchen keine Messlatte. Auch wenn die von IN FLAMES hoch gesetzt wurde. SLAYER sind ihre eigene Messlatte, Punkt! Links und rechts der Bühne sind Marshall-Boxentürme zu überdimensional großen umgedrehten Kreuzen angeordnet, während die Band zum Intro der neuen Scheibe „Christ Illusion“ die Bühne entert. Kein Swing-, kein Knightrider-Intro der Welt könnte den Anblick und die Ehrfurcht ersetzen oder hervorrufen, die einen dann auch nach über 20 Jahren Live-Präsenz der Band als Zuschauer und Fan immer wieder auf ’s Neue ereilt. Was soll man über diese Band noch großartig Worte verlieren? Die alten Herren des Speed-/Thrashmetals haben mit dem neuen Album „Christ Illusion“ allen Nörglern zur Gänze den Wind aus den Segeln genommen, funktionieren auch an diesem Abend wie ein UHRWERK und sind an Rohheit und Unverfälschtheit immer noch unerreicht. Tom Arayas Ansagen wirken immer noch spärlich, allerdings versucht sich der Basser und Kultbrüllwürfel sogar dieses mal mit ein paar kleinen witzigen Ansagen. Kerry King und Jeff Hannemann walzen alles platt, spielen allerdings immer noch kein Gitarrensolo mit Melodie. Aber wen interessiert ’s ??? Seitdem Gottdrummer Dave Lombardo 2002 wieder mit im Boot ist, kann dieser Band sowieso keiner mehr an den Karren urinieren. Hits? Verflucht jeder einzelne Song der Setlist! `South Of Heaven´, `Reign Blood`, `Chemical Warfare` und selbst die neuen Songs wie `Jihad` oder `Eyes Of The Insane` reihen sich so nahtlos an die Klassiker alter Tage, werden wie gewohnt so gnadenlos selbstverständlich intoniert, dass das Foyer bis auf ein paar Kollabierte und einige wenige Alkoholleichen restlos leergefegt ist.
Fazit: Trotz mal wieder unverständlich überteuerter Merchpreise und durch das vollgestopfte Billing unchristlicher (sic!) Startzeit, geht dieses Gastspiel der Unholy Alliance Tour 2006 dennoch als verflucht guter Konzertabend zu Ende.