Tour 2011
Mit den Vaccines ist es Liebe auf den ersten Sound: ein wilder Eintopf aus allem, was Indie‐Musik großartig macht. Mit dem Unterschied, dass es gar nicht nach langweiligem Eintopf schmeckt, sondern auf der Zunge und in den Ohren prickelt wie Ahoi‐Brause.
Die britischen Indie‐Rocker sind die Senkrechtstarter der letzten Saison und haben mit ihrem Debüt-Album "What Did You Expect From The Vaccines?" international eingeschlagen wie eine Bombe. Warnung: Als Musikjunkie kann man problemlos nach einem ersten Anhören dieses Albums in eine komplett wahnsinnige Gier verfallen und dann monatelang nicht mehr davon ablassen. Und gegen so etwas gibt es nun mal keine Impfung – auch wenn der Name (Vaccines = Impfstoffe) dies impliziert.
Die Kölner Infizierten mussten jedoch zunächst etwas zittern: zwei Mal wurde der Gig im Luxor verschoben, Frontmann Justin Young musste sich einer Stimmband‐OP unterziehen. Auch die geplanten Auftritte in Japan und den USA wurden abgesagt. Doch der dritte Termin kurz vor Weihnachten klappt endlich, und alle erscheinen mit hochgekrempelten Armen zum Impf-Termin.
Ausdrucksstark und aus dem Bauch heraus: Genauso schnell und direkt wie auf ihrem Album rocken die Vaccines auch live und verabreichen uns Rock´n`Roll nicht in kleinen, homöopathischen Dosen, sondern gleich als volle Ladung intravenös – ja, genau so geht das! Live legen sie noch eine Schippe drauf, so dass auch die auf dem Album eher ruhigeren Songs ohne Pause durchgetanzt werden können.
Die Ska‐Nummer "Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)" mit ihrem eingängigen Gesang und dem dreckigen, lauten Solo bringt die Menge sofort zum Rasen. Die Vaccines sind überhaupt der beste Beweis dafür, dass manchmal drei gut gelaunte Akkorde in einem knackig-kurzen Song genügen, um uns daran zu erinnern, warum wir irgendwann in früher Jugend dem Rock`n`Roll verfallen sind.
"We all got old at breakneck speed" heißt es in der genialen Synthie‐Dröhn‐Nummer "Wetsuit" – ein Song über das Älterwerden und Jungbleiben. Dass sie nicht einfach nur draufkloppen können, beweisen die Vaccines auch mit dem feinfühligen, melancholischen "A Lack Of Understanding". Herz-Schmerz-Ausleber sollten sich diesen Song schon mal für die nächste Krise vormerken. "If You Wanna" ist, ebenso wie das kraftvolle "Nørgaard", eine perfekte Hommage an die Ramones.
Ihre Einflüsse beschreiben die Vaccines als "50er Rock 'n' Roll, 60er Garage und Girlgroups, 70er Punk, 80er American Hardcore, C86 und gute Popmusik". Die geniale musikalische Mischung, die dabei herauskommt, ist eine Schachtel köstlichster Indie‐Pralinen voller musikalischer Leckerbissen. So haben sie Musik zwar nicht neu erfunden, sie aber zu einer äußerst gelungenen und aufregenden Mixtur zusammengerührt.
Auch ein paar neue Songs haben die Vaccines im Gepäck: "Tiger Blood" wurde von Albert Hammond Jr., dem Gitarristen der Strokes, produziert. Auch das garage-rockige "We´re Happening" kennt man schon als B‐Seite. "Teenage Icon" und "No Hope" machen Lust auf das sehnsüchtig erwartete zweite Album.
Zugegeben ‐ an ihrer gemeinsamen Ausstrahlung könnten die Jungs, die teilweise wie ein zusammengewürfelter Haufen wirken, zwar noch etwas arbeiten. Aber der zutiefst irre Blick von Sänger Justin Young heizt die pogende Menge schon ganz gut an und zeigt Kult-Potenzial. Nach seiner OP hatte Young sich vorgenommen, das Publikum nicht mehr so anzuschreien. Das tut er nun scheinbar stattdessen mit seinen Augen, die wild rollend jeden Moment aus dem Schädel zu springen drohen. Vielleicht ist er aber auch nur besessen, von Joey Ramone zum Beispiel.
Neben Young, der vorher als Jay Jay Pistolet im Bereich Accoustic Folk unterwegs war, bestehen die Vaccines aus Árni Hjörvar am Bass, Pete Robertson an den Drums und Freddie Cowan, dem jüngeren Bruder von Tom Cowan (The Horrors), an der Gitarre. Schon im Januar sind die vier auf der anderen Seite der Welt auf Tour, in Australien, gemeinsam mit Kasabian. Gleichzeitig arbeiten sie an ihrem zweiten Album.
Ich weiß nur eins ganz sicher: Nach dem Winter wird mein Körper dringend eine weitere Immunisierung gegen diese grausame Welt benötigen. Ich lasse meine Impfung auf jeden Fall so bald wie möglich wieder auffrischen!
Setlist:
Blow It Up
Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)
Tiger Blood
A Lack Of Understanding
Wetsuit
Teenage Icon
Under Your Thumb
Post Break-Up Sex
All In White
Wolf Pack
No Hope
If You Wanna
Family Friend
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We're Happening
Nørgaard