Tour 2008
Der 9. Juli ist einer dieser Großkampftage. Eines unserer Teams ist heute bei Death Cab For Cutie in der Live Music Hall, ein anderes in Oberhausen, wo Neil Young die König Pilsener Arena rockt und ich mache mich auf den Weg ins vergleichsweise winzige Blue Shell. Der Laden an der Luxemburger Straße in Köln bezog seinen Kultstatus in früheren Zeiten vor allem aus der Tatsache, dass er quasi als "zweites Wohnzimmer" von Schauspieler Heiner Lauterbach galt.
Der ist heute abend zwar persönlich nicht anwesend, aber trotzdem haben sich etwa 60 Leute eingefunden, um dem Konzert von The Whigs beizuwohnen. Ein ordentlicher Besuch, bedenkt man, dass die Band aus Athens, Georgia (genau, der Heimatstadt von R.E.M.) hierzulande so gut wie unbekannt ist und ihr Majordebüt "Mission Control" erst am 25.07. erscheint. Sänger Parker Gisperts ist angesichts des Zuspruchs dann auch hocherfreut: "Als wir ankamen, hat man uns gesagt, dass wir für heute genau null Tickets verkauft haben". Tja, in Köln funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda offensichtlich noch reibungslos. Außerdem eilt The Whigs nicht umsonst der Ruf einer grossartigen Live-Band voraus.
Vielleicht trägt auch der Trick der Betreiber zum gut gefüllten Blue Shell bei, haben die doch kurzerhand einen Raucherclub daraus gemacht. Um das seit dem 1. Juli auch in Nordrhein-Westfalen herrschende Rauchverbot zu "umgehen", muss jeder Besucher beim Einlass einen entsprechenden Mitgliedsantrag ausfüllen und darf anschließend im Inneren nach Herzenslust qualmen. Im blauen Dunst entdecke ich dann mit Blackmail-Sänger Aydo Abay zumindest einen prominenten Fan.
Um 21:50 Uhr betritt das Trio (neben Parker Gisperts sind das Julian Dorio am Schlagzeug und Bassist Tim Deaux) die winzige Bühne und legt mit "Violet Furs" von ihrer ersten selbstveröffentlichten Platte "Give Em All A Big Fat Lip" (2005) gleich volle Lotte los. Ihr typisch amerikanischer Indie-Rock mit Beat-Einschlag und einem gesunden Spritzer Punk geht sofort in Bauch und Beine. Hart aber herzlich! Tim Deaux hat als Kind einige Jahre in Deutschland gelebt und baut in seinen Ansagen stolz den einen oder anderen Brocken ein: "Es ist heiß hier". Das stimmt! Mit "Right Hand Of My Heart", "Mission Control" und dem psychedelischen "Sleep Sunshine" folgen drei Songs des kommenden Albums und die Temperatur im Blue Shell erreicht so langsam Sauna-Niveau. Live klingt das alles noch eine Spur rotziger als auf der CD. Sehr feiner Stoff!
Der Sound stimmt ebenfalls und die Drei, insbesondere Gisperts, nutzen jeden Quadratzentimeter der Bühne um gepflegt abzurocken. Zwischendurch übernimmt Deaux auch mal die Gitarre, während Gisperts das Keyboard bedient. Ich stelle einmal mehr fest, dass solch kleine Clubkonzerte im Gegensatz zu den Megaevents immer wieder ihren eigenen, faszinierenden Charme haben und beglückwünsche mich im Stillen dazu, mich heute für The Whigs entschieden zu haben. Deren Set ist weiterhin ein energiegeladener Mix aus alten ("Written Invitation" oder "Don`t Talk Anymore") und neuen Stücken wie "Like A Vibration", "1000 Wives" oder "I Never Want To Go Home". In den ersten Reihen wird fleißig getanzt, neben mir spielt jemand Luftgitarre.
Dazu streuen The Whigs noch drei Coverversionen ein: "God`s Biographer" von The Bingo Trappers und die ungleich bekannteren "Get Off Of My Cloud" von den Stones sowie "The Kids Are Alright" von The Who, die allesamt würdig abgefeiert werden. Nicht weiter verwunderlich, dass der The Whigs-Schriftzug auf Dorio`s Bassdrum von weitem wie "The Who" wirkt. Schade nur, dass der Spass nach knapp einer Stunde schon wieder vorbei ist. Im Blue Shell ruft ab 23 Uhr die nächste Party ("Peel'it! - with The Strange Fruits"). Eine weitverbreitete Unsitte. Ich werde wohl nie verstehen, warum eine Liveband ihre Instrumente ausstöpseln muss, nur damit sich danach noch eine Handvoll Leute bei Musik aus der Konserve vergnügen kann. An einem Abend wie diesem ist das besonders unverständlich. Der langanhaltende Beifall am Ende beweist, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine bin.
Sei`s drum. The Whigs haben den Rock`n`Roll-Geist der Indie- und Underground-Szene aus den 80ern und frühen 90ern im Blue Shell wieder lebendig werden lassen. Äußerst lebendig. Ein krachender und absolut überzeugender Auftritt. Ich bin sicher, dass ihr erster Deutschland-Besuch erst der Anfang einer hoffentlich langen Reihe war. Wer sie verpasst hat, sollte sich das kommende Album auf keinen Fall entgehen lassen! Die Jungs lohnen sich nicht nur live.
Setlist:
Violet Furs
Right Hand Of My Heart
Technology
Mission Control
Sleep Sunshine
God’s Biographer (by The Bingo Trappers)
Written Invitation
Don’t Talk Anymore
The Kids Are Alright (by The Who)
Like A Vibration
1000 Wives
I Never Want To Go Home
Half The World Away
----------
Get Off Of My Cloud (by The Rolling Stones)
Need You Need You