The Who

Tour 2006

11.07.2006 Museumsmeile / Bonn

Von: Thomas Kröll

The Who Bonn

The Who gehören zweifellos zu den inzwischen nur noch eine Handvoll zählender Bands, die man einmal in seinem Leben gesehen haben sollte. In ihren besten Zeiten galten sie als die lauteste Rockband des Planeten und zertrümmerten am Ende ihrer Konzerte gerne mal kurz das Equipment, um dann – einmal in Fahrt – gleich auch noch ihr Hotelzimmer zu zerlegen. Leider lief ich damals noch mit der Windel um den Weihnachtsbaum und kann so mein persönliches The Who-Erlebnis erst im zarten Alter von 39 Jahren feiern. Natürlich ist bei den Protagonisten inzwischen nicht mehr viel des früheren Rock-Rebellentums übrig. Die einzigen Überlebenden vergangener wilder Tage, Sänger Roger Daltrey und Gitarrist Pete Townshend, sind beide immerhin auch schon jenseits der 60.

Das bis dahin letzte Mitglied der Originalbesetzung Bassist John Entwistle starb 2002 nach einem Herzinfarkt. Auch da waren The Who auf Tour und setzten diese trotzdem fort. Das kann man ihnen vorwerfen, muss man aber nicht. Heute heissen die Bandmitglieder, neben Daltrey und Townshend, John Bundrick (Keyboards), Pino Palladino am Bass, Simon Townshend als zweiter Gitarrist sowie Zak Starkey hinter dem Drumkit. Wie sich im Verlaufe des Abends zeigen soll, verstehen sie alle ihr Handwerk meisterlich.

Dass es wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Gelegenheiten geben wird, The Who noch einmal live zu erleben, hat sich offensichtlich auch bis nach Bonn herumgesprochen. Jedenfalls habe ich den Museumsplatz noch nie so voll gesehen. Am Ende mögen es um die 7.000 Fans sein, die das Areal unter dem Zeltdach bis in die hinterste Ecke füllen. Davor stehen bestimmt noch einmal an die 1.000 Leute, die sich mit dem akustischen Genuss zufrieden geben (müssen). Unter denen, die drin sind, erspähe ich auch solche lokalmusikalischen Größen wie Wolfgang Niedecken und Helmut Krumminga von BAP. Dass wir diesmal museumsmeilenuntypische 30 Minuten brauchen, um einen Parkplatz zu finden, passt ins Bild. So heizt denn auch die Vorgruppe Casbah Club ohne uns ein.

Es reicht aber gerade noch für eine angesichts der schwül-warmen Witterung äußerst wohltuende alkoholische Kaltschale, bevor The Who fast pünktlich um 20 Uhr mit ihrem Set loslegen. „I Can't Explain”, “The Seeker” und “Anyway Anyhow Anywhere” sind die Opener. Das Publikum ist zunächst zurückhaltend – oder sollte man ehrfürchtig sagen? – beginnt aber spätestens bei „The Kids Are Alright“ aufzutauen. Pete Townshend erhält ersten Applaus auf offener Szene.

Der Sound ist ausgewogen und druckvoll. Lediglich Roger Daltrey`s Stimme kommt etwas leise rüber, was allerdings auch mit dem Alter zusammenhängen kann. Langsam wird die Band warm und liefert mit „Behind Blue Eyes“ (nein liebe Kinder, das ist nicht von Limp Bizkit) einen ersten emotionalen Höhepunkt. Erst singt Daltrey alleine mit seiner Akustikklampfe, dann setzt der Rest der Band ein und rockt das Haus. Es folgen “Real Good Looking Boy”, “Let's See Action”, “Mike Post Theme” und einer meiner persönlichen Favoriten “Baba O'Riley“, bei dem Daltrey ein wunderbares Mundharmonika-Solo zum Besten gibt. Die Stimmung im engen Rund ist der eines WM-Spiels um den 3. Platz würdig und auch das Sixpack oben auf der Bühne hat sichtlich Spass.

Natürlich dürfen die Klassiker „My Generation“, „Won`t get fooled again“ (mit dem Daltrey-typischen Urschrei) oder „Pinball Wizard“ nicht fehlen. Klasse! Daltrey schwingt noch einmal sein Mikro in altbewährter Lasso-Manier, bevor es nach knapp zwei Stunden mit „Amazing Journey“, „Sparks“ und „See Me Feel Me“ unter den Ovationen der begeisterten Fans dem Ende zugeht. In Bonn geht der Anwohnerschutz in Sachen Museumsmeile immer noch vor der Party. Macht aber nix, wenn die Party jedes Mal so schön ist wie diese. Und wenn man mit dem Gefühl nach Hause gehen kann, eine der einflussreichsten Bands der Rockgeschichte wenigstens einmal leibhaftig in Aktion erlebt zu haben.

Die Fans morgen in Berlin (Arena Treptow) und am 23.07. in Ulm (Münsterplatz) haben dazu noch Gelegenheit. Dass dies aber immer noch nicht das Ende der Fahnenstange sein muss, beweist die neue Single von The Who „Wire & Glass“, die am 21. Juli erscheint und mit einer Länge von gut elf Minuten eine ungewöhnlich volle Breitseite liefert. Darüberhinaus ist für Oktober sogar ein neues Album angekündigt. Das erste nach mehr als 20 Jahren! Und da sage noch mal einer, The Who gehörten schon zum alten Eisen... obwohl dieses Mal alles heil blieb!

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