Schrei-Tour 2006
Zum Glück habe ich mir für den heutigen Besuch des Tokio Hotel-Konzertes die kompetente Begleitung meiner zehnjährigen Tochter gesichert. Als wir die Bonner Museumsmeile erreichen und sie meine Fassungslosigkeit angesichts dessen bemerkt, was sich dort abspielt, schaut sie mich nur mitleidig an: „Papa, das ist normal!“. Nur mäßig beruhigt beschließe ich, sie für den Rest des Abends nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ich habe schon so einige Shows unter dem Zeltdach erlebt, aber beim Doppel-Konzert von Tokio Hotel am Samstag und Sonntag herrscht Ausnahmezustand. Schon der Einlass wird von gnadenlosem Gekreische begleitet und erfolgt aus Sicherheitsgründen nur schubweise. Immerhin haben wir mit dem Sonntag den deutlich trockeneren Tag gebucht.
Ein paar Zahlen vorweg: Um das Gedränge vor der Bühne zu minimieren sind zwei zusätzliche Reihen Wellenbrecher aufgebaut, zwischen denen die Ordner und Helfer des Deutschen Roten Kreuzes Schwerstarbeit leisten. Mehr als 100 Helfer des Bonner DRK sowie drei Notärzte sind an beiden Tagen vor Ort, dazu vier städtische Jugendschützer. Allein in der Nacht zum Samstag campieren etwa 1.000 vorwiegend weibliche und minderjährige Fans vor dem Gelände und werden mit Decken und insgesamt 200 Litern warmer Suppe versorgt, aber auch psychologisch betreut. Das ursprüngliche Limit von 8.500 Karten pro Show wurde auf 7.500 gesenkt, um mehr Platz zu schaffen. Beide Konzerte waren ruckizucki ausverkauft. Am Samstag werden 128 junge Patienten vom DRK behandelt, für acht von ihnen endet das Abenteuer im Krankenhaus. Die Maßnahmen des Veranstalters, der Bundeskunsthalle, sind alles in allem vorbildlich. Trotzdem danke ich heimlich Gott dafür, dass ich ein Kind habe, welches nicht zu Schreiattacken neigt, sondern eher still genießt...
Bereits eine Stunde vor Konzertbeginn nehmen die „Wir wollen Tokio Hotel“-Sprechchöre kein Ende. Hunderte Schilder, Hände und Fotohandys werden vor der Bühne in die Luft gestreckt. Jeder Roadie, der es wagt, selbige zu betreten wird begeistert bekreischt. Ich beglückwünsche mich derweil selbst dazu zwei Paar Ohrstöpsel eingepackt zu haben. Als dann im Vorlauf auch noch „Alive“ von Pearl Jam ertönt, umarme ich in Gedanken den Mann am Soundboard und entspanne mich. Meine Tochter fest an der Hand beobachte ich andere Eltern, die offenbar leichtsinniger waren und nun zunehmend beunruhigt im hinteren Teil des Zeltplatzes umher tigern.
Punkt 18.45 Uhr eröffnen „Vorrunde“ aus Bonn den Abend. Das Quartett wird gut abgefeiert und es gab mit Sicherheit schon undankbarere Aufgaben für eine Vorgruppe als heute. Allerdings liefern sie im Gegenzug eine peinliche Vorstellung ab (Frage des Sängers: „Was passiert denn, wenn ich Bill sage?“ – Antwort: Kreischalarm), fallen sich bei den Ansagen schonmal gegenseitig ins Wort und ihr uninspirierter 08/15-Einheitsrock animiert eher zum Gähnen. Nach 25 Minuten hat der Spuk glücklicherweise ein schnelles Ende.
Weitere 20 Minuten später lässt ein Kreischorkan biblischer Stärke die Zeltkonstruktion und mich erzittern: Tokio Hotel sind da! Erst Gustav, dann Tom und Georg, schließlich Bill. Bereits während des Openers „Jung und nicht mehr jugendfrei“ fliegen ein halbes Dutzend Stoffherzen auf die Bühne, später kommt sogar noch ein BH dazu. Von wegen Kinder! Oder hat da gar eine Mutter ihre Contenance verloren? Der Sound ist etwas vermatscht, aber das ist ein altbekanntes Museumsmeilen-Phänomen. Man kann über den Hype um Tokio Hotel ja denken was man will, aber die Magdeburger agieren musikalisch und stimmlich absolut professionell und schaffen es dabei noch glaubhaft auszusehen, als hätten sie einen Riesenspass. Natürlich sind die Stücke bewusst eingängig gestrickt, aber ich muss zugeben, dass die Band live durchaus überzeugt.
Das Set wird von Anfang bis Ende begeistert mitgesungen. Angefangen bei „Schrei“ über „Durch den Monsun“ (das es als Zugabe noch ein zweites Mal zu hören gibt) oder „Rette mich“ bis hin zu „Leb die Sekunde“ und „Unendlichkeit“. Zusammen siebzehn Songs und mit anderthalb Stunden kommen die Fans voll auf ihre Kosten. Die vier Hauptdarsteller agieren angenehm unaufgeregt und symphatisch. Das alles hatte ich mir eindeutig schlimmer vorgestellt. Als wir uns schließlich auf den Heimweg machen, sehe ich jedenfalls nur erschöpfte aber glückliche Gesichter um uns herum. Auch das Gesicht am Ende meiner Hand strahlt. Zur Belohnung habe ich Tokio Hotel noch ein T-Shirt abgekauft. Als Trophäe für den nächsten Schultag...