Tour 2006
Auch Tool zählt zu den Bands, die seit Frühjahr fast pausenlos auf Tour sind. So tauchen sie in diesem Jahr nach ihrem Abstecher im Frühsommer schon zum zweiten Mal in unseren Gefilden auf und obwohl sich die Setlisten seitdem kaum verändert haben, ist das „Erlebnis Tool“ ein komplett anderes.
Als Support Act haben sie die Brachialrocker Mastodon im Schlepptau. Solange nur deren Gitarren wummern, sind sie irgendwie zu ertragen. Setzt bei Mastodon aber das ein, was man gemeinhin als „Gesang“ bezeichnet, hat man den Eindruck, dass sich der Mensch in der Evolution doch noch nicht soweit vom Tier entfernt hat, wie hinlänglich angenommen. Es sei allerdings gesagt, dass nicht wenige Tool-Fans die Breitbein-Testosteron-Schocker freudig aufnehmen.
Ein durch Mark und Bein gehendes Brummen kündigt dann gegen 21:15 Uhr die Mannen um Maynard James Keenan an. Der Sänger betritt die Bühne mit einer Gasmaske, die er während des gesamten Auftritts nicht mehr abnehmen wird. Ihr fragt euch, wie das geht? Nun, so richtig praktikabel kann ich mir das auch nicht vorstellen, aber in die Maske ist ein Mikro integriert und Keenans melancholischer Gesang klingt trotz oder dank dieser ungewöhnlichen Apparatur schon beim Opener „Stinkfist“ glasklar. Schnell wird deutlich, dass der Sound umwerfend gut ist. Die zu Beginn noch dezenten Lichteffekte tauchen die Band abwechselnd in grünes und violettes Licht. Schon bei „46 & 2“ tritt in optischer Hinsicht die auf vier Leinwände hinter den Protagonisten verteilte Videoprojektion in den Vordergrund. Psychedelische und pulsierende Bildarrangements werden gezeigt. Keenan steht meist mit dem Rücken zum Publikum, fast so als könne er sich diesen Bildern nicht entziehen. Oder seine Blickrichtung soll den Zuschauern mitteilen, dass auch sie ihren Blick besser auf die Leinwand, denn auf ihn richten sollen. Schwer ist das nicht, bleibt er doch durchgängig von den Lichtspots verschont, so dass er mehr oder weniger zur Silhouette wird.
Diejenigen, die sich gefragt haben, warum der gesamte Boden der Bühne weiß gehalten ist, finden eine Antwort während des großartigen „Jambi“: Die Bildprojektionen machen auch vor diesem nicht Halt. Ausgedehnte Versionen von „Schism“ und „Rosetta Stoned“ (mit „Lost Key“ Intro) folgen. Bis zu diesem Zeitpunkt, und das wird sich während der gesamten Show auch nicht ändern, bleibt dem Publikum keine Verschnaufpause. Ständig schwankt man zwischen dem bewussten Zuwenden hin zu den beängstigend präzise vorgetragenen Songs und dem Blick auf die grandiosen Illuminationen. Wer es schafft, beides als Einheit in sich aufzunehmen, hat wohl das kompletteste Konzerterleben. Der „Swamp Song“ vom ersten Studioalbum „Undertow“ ist einer der wenigen Songs, die in der Setliste mal auftauchen, mal nicht. In Oberhausen wird er gespielt, was gerade Langzeit-Fans besonders freut.
Die Band verlässt die Bühne wie gewohnt nicht für eine Zugabenpause, sondern macht es sich sitzend bequem, um Energie für den Höhepunkt zu schöpfen: Die Darbietung von „Wings For Mary“ und „10.000 Days“, die zusammen das zentrale Epos ihres aktuellen Albums bilden, setzt neue Maßstäbe. Wieder Mal steht die Musik zwar nicht im Hintergrund, aber die Licht- und Lasereffekte in Kombination mit Nebel und Videoprojektion erzeugen eine so mystische Atmosphäre, dass es einem kalt und warm den Rücken runterläuft. Grüne Laserstrahlen durchziehen den gesamten Innenraum der Halle. Weitere ziehen sich fächerartig horizontal über das Publikum hinweg und dort wo sie auf den künstlichen Nebel treffen, entsteht die Illusion von schnell dahinziehenden Wolken. Akustisch wird dies während „10.000 Days“ von Gewittergrollen begleitet, wie es auch in der Albumversion zu hören ist. Angesichts all der optischen Superlativen klingt die eindringliche Bitte von Keenan, keine Fotos mit Blitzlicht zu schießen, fast ein wenig belustigend.
Wie fast allen Songs geht auch „Lateralus“ ein ausgedehntes Synthesizer-Intro voraus. „Vicarious“ besticht durch den klirrenden Bass Justin Chancellors. Den Abschluss einer unvergleichlichen Show stellt die Endzeit-Hymne „Aenima“ dar, in der von Meteoriten, Kometen und gar dem Armageddon gesungen wird und ich erwische mich dabei, mir vorzustellen, wie die Lichtkünstler im Hintergrund auf der nächsten Tour auch dies optisch umsetzen werden. „See you next summer“ ruft Keenan den elektrifizierten Fans zu. Das klingt vielversprechend, aber jeder, der die Chance hat die vier Ausnahmekünstler noch in diesem Jahr z.B. am 12. Dezember in Mannheim zu sehen, zu hören und zu erleben, sollte keinen Moment zögern.
Stinkfist
46 & 2
Jambi
Schism
Lost Keys
Rosetta Stoned
Swamp Song
Wings For Mary
10.000 Days
Lateralus
Vicarious
Aenima