U2

U2360°-Tour 2009 - Support: Snow Patrol

18.07.2009 Olympiastadion / Berlin

Von: Markus Thiesen

U2 Berlin

Die Weintrinker unter den Konzertgängern werden mir Recht geben – je älter ein Wein ist, desto besser schmeckt er auch. Diese These lässt sich an diesem Abend in Berlin auch ohne weiteres auf U2 übertragen, soviel sei schon mal vorweg genommen.

Schon auf dem Weg ins Olympiastadion, die Bahnlinie nennt sich übrigens "U2", begegnet man U2-Fans aus der ganzen Welt. Was sich auf meinem Flug von Köln nach Berlin schon angedeutet hat, setzt sich hier in der U-Bahn fort: die U2-Community reist ihren Lieblingen zu fast jeder Show hinterher, Fans aus Irland, Holland, England, Amerika, ja sogar Australien sitzen hier in der U-Bahn und tauschen eifrig ihre vergangenen U2-Konzerterlebnisse aus. Auf dem weiteren Weg ins Stadion begegnet man ebenso zwangsläufig zahlreichen "Schwarzmarkthändlern", die zu meiner persönlichen Freude die Innenraumkarten für 25 Euro verscherbeln müssen - wenn ich jede Karte von der U-Bahn bis zum Stadion gekauft hätte, wäre ich am Eingang des Olympiastadions locker um 200 Karten reicher gewesen... Vielleicht ein Tipp für diejenigen, die für das Konzert "Auf Schalke" am 3. August noch kein Ticket ergattern konnten.

Nach vier Eingangskontrollen bin ich dann endlich im Innenraumbereich des Stadions angekommen, eine gigantische Bühne schraubt sich vor mir in die Höhe. Der erste Gedanke der mir durch den Kopf geht ist, dass auf dieser 360 Grad-Tour wohl jeder im Stadion einwandfreie Sicht auf die Bühne haben wird. Eine gewaltige Leinwand mit dazugehörigen Boxentürmen einmal um die komplette Bühne herum garantiert jedem Zuschauer, egal ob er sich im Innenraum oder auf einem Sitzplatz befindet, einen perfekten Konzertgenuss. Eine einzigartige Konstruktion!

Pünktlich um 19.00 Uhr betreten Snow Patrol die Bühne, eine Vorband deren Verpflichtung sich auf jeden Fall auszahlen soll. Nahezu jeder Song wird frenetisch beklatscht und mitgesungen, ein Herr auf dem Oberrang imitiert zur Freude des Kameramannes und nicht zuletzt des Publikums mit ausschweifenden Handbewegungen nahezu perfekt den Schlagzeuger. "Chasing Cars" mutiert zu einer Hymne - nach einem grandiosen Best-Of Set verabschieden sich Snow Patrol unter großem Applaus. Selten ist eine Vorband auf U2-Konzerten auf diese Art und Weise abgefeiert worden.

Nach einer kurzweiligen Umbaupause, das Olympiastadion ist mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum vertreibt sich die Wartezeit mit LAOLA-Wellen, beginnt mit David Bowies "Space Oddity" ein denkwürdiges Konzert. U2 betreten die Bühne, "Breathe" ist der erste Song des Abends. Nach einem rockigen "No Line On The Horizon" folgt "Get On Your Boots", dicht gefolgt von "Magnificent". Agiert das Publikum anfangs noch relativ verhalten, brechen bei "Beautiful Day" alle Dämme. Jeder um mich herum hüpft in die Höhe und schreit jede Textzeile aus voller Kehle mit. Wer jetzt noch keine Gänsehaut hat, dürfte sich spätestens bei "I Still Haven`t Found..." vor Hühnerfell nicht mehr retten können. 95.000 Zuschauer singen aus voller Kehle mit, ein einzigartiger Moment in meiner U2 Konzertkarriere.

Dass U2 immer für eine Überraschung gut sind, zeigt sich beim folgendem Song. Kurzerhand werden mehrere Fans auf die Bühne geholt, der eine setzt sich ans Schlagzeug, ein anderer bekommt von Adam Clayton einen Bass umgehängt und zusammen intoniert man "Angel Of Harlem". Für die Protagonisten sollte das wohl ein unvergessener Moment werden. Wann hat man schon die Möglichkeit vor knapp 100.000 Leuten zusammen mit Bono, The Edge, Adam und Larry einen Song zu spielen? Bei den letzten Textzeilen von "Angel Of Harlem" würdigt Bono mit einem kurz eingeschobenen "Man In The Mirror" den vor wenigen Wochen verstorbenen Michael Jackson, eine große Geste wie ich finde.

Wenn man mich vor dem Konzert gefragt hätte welchen Song ich auf jeden Fall hätte hören wollen, hätte ich entweder mit "One" oder "Stay, Far Away So Close" geantwortet. An diesem Abend scheinen einige Wünsche in Erfüllung zu gehen - U2 fahren mit einer wunderbaren Akkustikversion von "Stay" fort. Nach "The Unknown Caller" folgt ein weiteres Highlight des Abends: "The Unforgettable Fire", einen Song den jeder U2-Fan seit mindestens 15 Jahren nicht mehr live gehört hat, ein nicht zu beschreibender Moment. Nach einer gewöhnungsbedürftigen Version von "I`ll Go Crazy" dürfte sich jeder Leser dieses Konzertberichtes ungefähr ausmalen können, was sich bei "Sunday Bloody Sunday" sowohl im Innenraum als auch auf den Rängen abgespielt haben muss. Ich habe Konzertbesucher selten so enthusiastisch abgehen sehen wie hier in Berlin, an dieser Stelle schon mal ein ganz großes Dankeschön an das Berliner Publikum, es ist mit Worten nicht zu beschreiben – selbst Bono war zwischenzeitlich sehr ergriffen und hat sich für diesen einzigartigen Support bedankt.

Zur Erholung sollte aber wenig Zeit bleiben. "Pride", "MLK" und "Walk On" folgen in der Setlist, "Where The Streets Have No Name", kurz unterbrochen von "All You Need Is Love" bis zum grandiosen "One", wo der Schreiberling dieses Artikels seine Tränen kurzerhand nicht mehr zurückhalten kann. "Ultra Violet" und "With Or Without You“ sind die ersten beiden Zugaben. Nelson Mandela wird mit einem gemeinsam gesungenen "Happy Birthday" gratuliert bevor "Moment Of Surrender" das grandiose Finale einleitet. Knapp 2 ½ Stunden liegen nun hinter allen U2-Fans und es hätte meiner Meinung nach noch Stunden so weitergehen können. Zu den Klängen von Elton John`s "Rocket Man" verlassen die Fans das Berliner Olympiastadion in Richtung U-Bahn.

Wenn man sich die anschließenden Einträge in diversen U2 Foren durchliest, die Gespräche mit zahlreichen U2-Fans nach der Show, in der U-Bahn oder einen Tag später am Flughafen Revue passieren lässt, bleibt nur eine einzige Frage offen: Ist dieses Konzert auf der Tour noch zu toppen? Knapp 100.000 Leute im Stadion, gutes Wetter, eine sehr gute Vorband, eine fantastisch aufgelegte Band mit zahlreichen Überraschungen in der Setlist. Dieses Konzert wird sich auf ewig in mein Gedächtnis bohren und hat sich ohne Zweifel in die Top 3 aller Konzerte katapultiert, die ich je in meinem Leben gesehen habe. O Ton Bono: "It´s an unbelievable night for us"... "Du bist so wunderbar Berlin...".

Mein persönlicher Dank geht an U2, an alle knapp 100.000 Fans, an die Berliner Verkehrsbetriebe, die ohne weiteres mit dieser großen Zahl an Zuschauern fertig geworden sind und an meine Begleitung, die dieses Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis hat werden lassen, obwohl es im ganzen Stadion keine einzige Zigarette zu kaufen gab. "In Vino veritas" wie der Lateiner zu sagen pflegt...

Setlist:

Breathe
No Line On The Horizon
Get On Your Boots
Magnificent
Beautiful Day
Mysterious Ways
I Still Haven't Found What I'm Looking For
Angel Of Harlem
Stay (Faraway, So Close!)
Unknown Caller
The Unforgettable Fire
City Of Blinding Lights
Vertigo
I'll Go Crazy If I Don't Go Crazy Tonight
Sunday Bloody Sunday
Pride (In The Name Of Love)
MLK
Walk On
Where The Streets Have No Name
One
---------------
Ultraviolet (Light My Way)
With Or Without You
Happy Birthday Nelson Mandela
Moment Of Surrender

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