Vertigo Tour 2005 - Support: Paddy Casey & Razorlight
Dies wird wohl ein Konzertbericht der etwas anderen Art. Da meine Wenigkeit ja immer etwas schlafmützig ist, hatte ich natürlich kein Ticket im Vorverkauf ergattern können. Wie alle der 110 geplanten Konzerte der Vertigo Tour, war auch das in Oslo in Null Komma-Nix ausverkauft, und natürlich hatte ich weder Lust noch das nötige Kleingeld, irgendwelchen Tickethaien den bis zu fünffachen Betrag in den Klingelbeutel zu werfen, speziell da ich es wegen der Arbeit eh nicht vor Öffnung der Tore geschafft und bei meiner Durchschnittsgröße von hinten wohl auch nicht viel gesehen hätte. Aber Open Air Konzerte sind da ja vorteilhaft. Wenngleich man von draußen nicht viel von der Bühnenshow mitbekommt, kriegt man aber immerhin noch was nettes auf die Ohren.
Da alle meiner konzertbegeisterten Freunde irgendwie eins der 40.000 verkauften Tickets hatten und deshalb auch schon den ganzen Nachmittag anstanden, machte ich mich also abends alleine auf den Weg zum Valle Hovin Stadion (gut, nicht ganz alleine: begleitet von meinem Mini-Plüsch-Schaf Daniel – seines Zeichens großer U2 Fan *grins*). Und bevor hier nun einer denkt: “Halt, ist die wahnsinnig? Hat kein Ticket und fährt nach Oslo?” – Nein, bin ich nicht! Ich bin nur Wahl-NorwegerÂ… ;)
Ich hatte nun nicht unbedingt damit gerechnet, die einzige mit der genialen Idee zu sein, einfach von draußen zuzuhören, aber was ich bei meiner Ankunft am Stadion sah, ließ mich dann doch erst mal kurz den Kopf schütteln. Auf der Wiese vorm Stadion waren massig Leute, teils mit Einweggrills und Gartenstühlchen bewaffnet, die sich ganz gemütlich auf einen Grillabend im Grünen mit musikalischer Untermalung zu freuen schienen. Norweger und ihr “friluftslivet”Â… Na ja, und dann gab’s noch etliche Versionen des verzweifelten Durchschnitts-Fans ohne Ticket (wie zum Beispiel ich), die erst einmal eine Runde ums Stadion joggten, um ein Plätzchen zu finden, wo man eventuell doch was sehen konnte.
Die Vorbands Paddy Casey und Razorlight hatte ich mit Absicht weggelassen, und laut Meinung meiner Freunde habe ich da auch absolut nichts verpasst. Ich fand auf jeden Fall einen super Spot in der “ersten Reihe” – wohlgemerkt die erste Reihe der Einlassabsperrung, ca. 10 Meter neben Tor 2, einem Eingang am hinteren Ende des Stadions. Da die Absperrungen aber etwas um die Kurve gingen, hatte ich von dort die komplette Bühne im Blickfeld. Hah! Gut, die Menschen, die dann mit etwa 10 Minuten Verspätung auf der Bühne erschienen, hatten in etwa Ameisengröße, aber das ist nun mal so bei Konzerten solcher Größenordnung.
“Uno, dos, tres, catorceÂ…”, und los ging’s mit "Vertigo". Keine Minute später tauchten am Himmel dann auch schon die ersten Heißluftballons auf. Die Norweger wissen halt schon, wie man selbst mit ausverkauften Konzerten noch Geld macht. Ich war auf jeden Fall da schon fleißig beim mitwippen, hatte ich doch noch ein paar Tage vorher nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt was von dem Konzert mitbekommen würde. Am Anfang des Sets war die Bühnenbeleuchtung zwar noch etwas spärlich, aber das sollte sich mit zunehmender Dämmerung schnell ändern. Nach 3 Songs allerdings waren die Securities dann so “liebenswert”, die Tore einfach zuzumachen. Na die trauten sich was! Da half leider auch kein Meckern und Aufregen. Also ging’s wieder auf die Suche, und siehe da, es gab noch nette Plätze auf dem Zaun der benachbarten Gartenanlage, keine 20 Meter weg vom hinteren Ende des Stadions, dessen oberer Teil auf einem keinen Hügel lag, so dass man über die relativ niedrigen Stadionwände drüberweg gucken konnte. Ich hatte dann eigentlich genau die selbe Aussicht wie eine Freundin von mir, die mittendrin im Stadion stand: nämlich den oberen Teil der Megabühne inklusive der 26 x 35 Meter großen beleuchteten Bühnenwand und zweier riesiger Videoschirme. Na also, besser ging’s doch eigentlich gar nicht. Die meiste Zeit waren auf dem linken Schirm The Edge und Larry, und auf dem rechten Schirm Bono und Adam in Nahaufnahme zu sehen, manchmal kurzzeitig abgewechselt mit dem kompletten Bühnenbild. Die Lightshow, die mit zunehmender Dunkelheit natürlich besser wurde, konnte man von da zwar nicht so richtig sehen, aber das konnten ca. ein Drittel der Leute im Stadion wohl auch nicht.
Spätestens bei "New Year’s Day" hielt mich dann nichts mehr auf dem Zaun, aber von unten sah man noch genauso gut, und man konnte wenigstens mithüpfen. Die Stimmung unter den Leuten draußen war absolut super, auch wenn es sich nicht so ganz nach Konzert anfühlte, da man ja nicht irgendwo auf bebenden Stadionuntergrund zerquetscht wurde. Bei "All I Want Is You" wurde es dann romantisch, und Bono suchte sich eins der Mädchen in der ersten Reihe aus, die von den Securities auf die Bühne gehoben wurde und dann ein bisschen mit Bono kuscheln und langsam tanzen durfte. What a lucky girl! Vor "Miracle Drug" hielt Bono eine seiner kleinen Reden, die etwas zum Nachdenken anregen sollen, und diese blieb mir sehr gut in Erinnerung: “You know, Edge travelled here by time machine from the future. So tell us, everything’s gonna be ok there, right?” Ein Kopfnicken von Edge, und dann noch Bono’s bestätigende Worte: “You’ve heard it from Edge, everything is gonna be ok.” Ich fand’s einfach süß. Wollen wir hoffen, dass Edge Recht behält.
U2’s und vor allem Bono’s politisches Engagement war das ganze Konzert über präsent: Songwidmungen für die Opfer der letzten Terroranschläge, eine in blutrot getauchte Bühnenwand bei "Sunday Bloody Sunday", Aufruf auf den Videoschirmen zum SMS-Spenden für Afrika vor "One", und bei "Where The Streets Have No Name" rollten die Flaggen aller afrikanischen Länder über die Bühnenwand. Am effektvollsten waren die von weiblicher Stimme verlesenen Menschenrechte am Ende von "Miss Sarajevo", die gleichzeitig auf der Bühnenwand mitgelesen werden konnten, und welche die Menge, sowohl drinnen als auch draußen, zum zustimmenden Jubeln bewegten.
Ich bin sozusagen ein Old-School U2 Fan. Mit den neueren Sachen kenne ich mich zugegebenermaßen nicht so aus, obwohl vieles davon auch sehr gut ist, aber ich liebe einfach das ältere Material, und war deshalb natürlich happy Songs wie "I Will Follow", "Sunday Bloody Sunday", "Bullet The Blue Sky", "With Or Without You", "Where The Streets Have No Name" und vor allem "New Year’s Day" und "Pride" zu hören, meine persönlichen Highlights.
Eine der absoluten Lieblingsbands meiner Teenage-Jahre endlich live zu sehen (wenn auch nicht von ganz vorne, wie mir das am liebsten gewesen wäre) – das ganze im kristallklaren Sound, begleitet von einer beeindruckenden Videoshow – sorgte bei mir für extreme Mithüpf- und Mitsingstimmung, Gänsehaut und teilweise sogar ein paar kleine Tränchen. Da sage noch mal einer, Rocker der etwas älteren Generation haben’s nicht mehr so drauf. Das mag zwar für einige Bands gelten, die in den 80ern ihren Aufstieg erlebten – für U2 gilt das auf jeden Fall nicht. Was die vier Iren im Valle Hovin Stadion ablieferten, waren fast zweieinhalb Stunden Rock vom allerfeinsten! What A Beautiful Day!