Stark wie zwei
Der Star des Abends hat 62 Jährchen auf dem Buckel, die man ihm beileibe nicht anmerkt, und 12000 Zuschauer in der Frankfurter Festhalle brechen in frenetischen Jubel aus, als er zu den Klängen von „Woddy, Woddy Wodka“ im Astronautenanzug auf die Bühne schwebt. Eigentlich geht es in dem Song um die tragische Geschichte eines Säufers, doch das Bild des Mannes auf dem Weg in den Weltraum, der es unter den Normalos nicht mehr aushält, ist einfach zu symbolträchtig, um es nicht als Opener zu verwenden. Immerhin ist das neue Album „Stark wie zwei“ tatsächlich raketenhaft losgegangen und hat dem alten Kämpfer nach 41 (!) Studioalben seine erste Nummer 1 in den deutschen Charts beschert. Dass er diesen Erfolg und die plötzlich wieder erstarkte Popularität nutzt, um seinen treuen Fans eine Show der Superlative zu bieten, ist selbstverständlich.
Alle Altersklassen sind vertreten, von 11jährigen Mädels bis zu älteren Herren, die wie Udo die magische 60 schon länger übersprungen haben dürften. Die Musik des Deutschrockers verbindet Generationen. Das haben wir schon lange gewusst – aber solche Konzerte machen es noch mal auf besondere Weise deutlich. Und es ist interessanterweise nicht der gestandene Familienvater neben mir, der alle Texte aus dem Effeff mitsingt, sondern das hübsche Mädel in der dritten Reihe, die ihren gelangweilt dreinblickenden Freund wohl gegen seinen Willen mitgeschleppt hat.
Der Mann mit Hut – meistens mit, in ganz besonderen Momenten auch ohne Sonnenbrille – hat die Massen fest im Griff. Die oberlässigen Ansagen verbergen allerdings nicht, wie sehr er sich im momentanen Erfolg zu sonnen weiß. Es war nicht immer so. Auch Alben wie „Panik-Panther“ und der „Exzessor“ waren leidlich erfolgreich. Doch es muss auf die Dauer frustrierend sein, wenn der zigste Balladensampler sich höher in den Charts platziert als der neue Output. Und größere Erfolge stellten sich vor allem bei ambitionierten Projekten wie „Belcanto“ und „Atlantic Affairs“ ein. Die haben sicher auch ihren Wert – doch jetzt ist endlich wieder der Rock ’n’ Roll im Hause Lindenberg eingekehrt. Voller Stolz legt Udo also den Schwerpunkt des Abends auf die neuen Stücke und liefert eindeutig den besten Set, seit ich ihn 89 auf der Tour zu „Bunte Republik Deutschland“ erleben durfte.
„Mein Ding“ beschreibt nicht nur das Lebensgefühl des Künstlers, sondern auch vieler Fans. „Ganz anders“ ist der perfekte Rahmen, um den Weggefährten aus den 70ern Thomas Kretschmer, der / die inzwischen Carola heißt, als Gitarristin zurück auf die Bühne zu holen. Und Ellen ten Damme als überaus sportliche ständige Begleitung des Altrockers übernimmt bei „Der Deal“ gekonnt den Part von Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß. „Was hat die Zeit aus uns gemacht“ bringt die Zuschauer ebenso zum Träumen wie der eindringliche Titelsong „Stark wie zwei“. „Der Greis ist heiß“ lässt auf alt getrimmte Männer selbstironisch über die Bühne tanzen und „Interview mit Gott“ kommt als Udos persönliche Abrechnung mit der Religion sehr authentisch rüber. Spätestens beim Megahit „Wenn du durchhängst“ singt auch der letzte im Saal die melancholischen Refrainzeilen mit.
Das Panikorchester ist in Topform. Viele Namen sind inzwischen Rocklegende: Steffi Stephan, Jean-Jacques Kravetz, Bertram Engel und Hannes Bauer sind die starke Basis, die der Altmeister braucht. Jörg Sander als Neuling ergänzt den instrumentalen Reigen hervorragend und zwei Backgroundsängerinnen geben den nötigen Schliff dazu, auch wenn Udo dies gar nicht nötig hätte. Die Fans verzeihen gerne den ein oder anderen falschen Ton und sind es gewohnt, dass nicht jeder Song nach Studioprodukt klingt – vielmehr: sie wollen es so.
Ebenso wichtig sind aber die Klassiker, mit denen Udo manchem Anwesenden Tränen in die Augen treibt. Auch für mich blieb kein Wunsch offen: „Cello“, „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“, „Mädchen aus Ostberlin“ und ein wundervoll interpretiertes „Hinterm Horizont“ geben der Songauswahl das gewisse Etwas. Eine große, ausfahrbare Videowand bietet die entsprechenden Bilder dazu an und zeigt den Sänger auch für das entferntere Publikum ständig in Nahaufnahmen. Doch Udo sucht gerne die Nähe der Fans, hat einen Catwalk errichten lassen, der ihn immer wieder mitten ins Publikum trägt – und zu akustischen Passagen konzentriert sich das Geschehen auch mal ganz auf diesen intimen Bereich.
Zweieinhalb Stunden dauert das Konzert – und es wird gewürzt durch Oldies wie „Nichts haut einen Seemann um“, die „Honky Tonky Show“ und das herzzereissende „Säufermond“. Weitere nachdenkliche, in weiten Teilen melancholische Seiten schlägt man mit „Daumen im Wind“ und „Gegen die Strömung an“. Und wenn dann ein Medley aus „Sonderzug nach Pankow“, „Andrea Doria“ und „Candy Jane“ über die Bühne fegt, hält es auch die letzten in den oberen Rängen nicht mehr auf ihren Sitzen.
Ich hätte es selbst nicht mehr für möglich gehalten, aber das Konzert war pure Magie – mit Momenten zum Träumen und zum Abfeiern. Der Altrocker hat alle verzaubert und auch mir ein Quäntchen Seligkeit ins Gesicht gezaubert. Wer die Chance hat noch ein Ticket für die restlichen Tourdaten zu ergattern, sollte nicht zögern. Ihr werdet es nicht bereuen.