Grosse Freiheit II - Jubiläumstour - 10 Jahre UNHEILIG
Unheilig in der Arena Trier. Gut 8000 Leute – ausverkauft! Vor einem Jahr hätte ich jeden Propheten für verrückt erklärt, der dies weissagen wollte. Aber damals war Der Graf auch noch die Vorzeige-Ikone für Gothic Szene und Neue Deutsche Härte und nicht der musikalische Konsens durch alle Altersgruppen. Unheilig haben in ihrem Superjahr die Charts im Sturm eingenommen: Der ewige Rekord von Herbert Grönemeyers "Ö" ist gebrochen. Unheiligs 7. Album "Große Freiheit" steht (mit Unterbrechungen) zum 20. Mal an der Spitze der Charts. "Geboren um zu leben" wurde zur meistverkauften Single des Jahres, obwohl der Song kurioserweise kein einziges Mal Nummer 1 der Single-Charts war. Und "Unter deiner Flagge" gewann souverän Stefan Raabs Bundesvision Song Contest. Der Graf kann den Erfolg, wenn man seinen Ansagen und Einspielern glauben darf, immer noch nicht fassen – doch dazu später.
Die beiden Vorbands waren das Zugeständnis an die Fans, die Unheilig aufgrund alter Qualitäten lieben. So wirkt man vielleicht den Vorwürfen von Mainstream-Anpassung und Ausverkauf entgegen. Mono Inc. geben sich wie Unheilig, nur mit englischen Texten. "Voice Of Doom" heißt das aktuelle Album und gibt die Richtung vor. Martin Engler ist ein charismatischer Frontmann und hat das Bühnengeschehen gut im Griff. Kaum zu glauben, dass er bis 2007 Schlagzeuger der Band war. Optisches Highlight ist die neue Frau am Schlagwerk Katha Mia. Das Quartett bot eine schöne Show und hatte die Zuschauer auf seiner Seite. Schwerer hatten es da schon Apoptygma Berzerk. Die Norweger sind bereits seit 1989 aktiv und musikalisch irgendwo zwischen Depeche Mode und Placebo zu verorten. Also recht elektronisch und mit instrumentaler Effekthascherei. Das funktioniert auf deren Studiowerken recht gut, live allerdings kamen sie nicht so gut an. Die Vorfreude auf Unheilig wuchs.
Die Zuschauermenge war bunt gemischt. Viele Kinder, viele ältere Leute, nur wenige Kostümierte, wie man dies aus dem Gothic-Bereich eigentlich kennt. Unheilig haben sich Familienfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben. Es gab ein Kinderland mit Schmink-Ecke, Basteln, Computerspielen und Filmen. Auch den Eintrittspreis fand ich mit knapp über 30 Euro sehr human für heutige Zeiten. Damit dem Publikum in der Umbaupause nicht langweilig wurde, gab es einen Vorfilm "Der Graf bei The Dome". Dieser machte sich mit einem Fan-Shirt auf den Weg zu den Dome-Mitstreitern wie Sido, Schiller, Til Schweiger sowie Justin Bieber und ließ sich von diesen das Shirt unterschreiben, das schließlich zugunsten der Aktion "Herzenswünsche" versteigert wurde. Solche Projekte sind Unheilig ein soziales Anliegen und man zeigt da auch keinerlei Starallüren. Schön so.
Das Bühnenbild war einfach gehalten: Ein Schiffsbug und viele Kerzen waren zu sehen – alles in rotes Licht getaucht wie auf dem Cover von "Große Freiheit". Als Intro gab es vom Band Hans Albers "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" und Hildegard Knefs "Für mich solls rote Rosen regnen". Dann kaperte Der Graf die Bühne und nahm sie mit seiner Bühnenpräsenz vollkommen ein. Ständig in Bewegung, mit den typischen, pathetischen Handbewegungen und stets darauf bedacht, alle Teile der Zuschauermenge mit seiner Präsenz zu bedenken. Zwei LCD-Leinwände waren das einzige Effekt-Spielzeug. Dreh- und Angelpunkt des Konzerts blieb der Graf als mystische Gestalt, mit unverkennbarer Stimme – manchmal mehr erzählend als singend. Der Protagonist war mit unbändiger Energie unterwegs und verausgabte sich auf der Bühne. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich dem Herrn mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte diese leidenschaftliche Performance bis zur Erschöpfung nicht zugetraut hätte.
Bei den Ansagen hat Der Graf eine wahre Moderatorenstimme, angenehm und beruhigend. Zwischen den Songs gab es kleine Filme, sehr atmosphärisch und mit der Person des Grafen und einem Lederkoffer als bestimmende Elemente. Unheilig erzählen gerne Geschichte. In Bildern, Worten und in ihrer Musik. Das Konzept von Meer und Freiheit zieht sich durch alle Songs. Die thematische Ausrichtung ist vorgegeben und Stücke wie "Das Meer", "Sternbild" und "Freiheit" sprechen für sich. Es gab auch härtere Titel wie "Seenot" und "Sage Ja!", doch das Publikum zeigte seine Begeisterung vor allem bei den Balladen, für die Unheilig inzwischen berühmt sind. "An deiner Seite" beispielsweiser war ein sehr emotionaler Moment. Und mir persönlich gefiel der Titelsong "Große Freiheit" als Hommage an die Hansestadt Hamburg sehr gut, der mit stimmungsvollen Bildern der Stadt auf den Leinwänden unterlegt wurde. Seine Reibeisen-Rammstein-Stimme packte Der Graf nur noch selten aus. Dennoch waren die zwei Stunden Konzertlänge ein schöner Querschnitt durch das Schaffen der Band. Wer mehr hören wollte, konnte sich am Merchandise-Stand eine Fan-CD mit Songs aus der Zeit vor der aktuellen Berühmtheit erwerben. Schließlich soll nicht vergessen werden, dass Unheilig momentan ihr zehnjähriges Jubiläum feiern, was die Fans auch mit einem "Happy Birthday" bedachten.
Auf die Hits "Geboren um zu leben" und "Unter deiner Flagge" musste man bis zur Zugabe warten. So gab es einen gewaltigen Backgroundchor aus 8000 Kehlen. Dem winterlichen Wetter wurde mit der aktuellen Single "Winter" und dem abschließenden "Leise rieselt der Schnee" gedacht. Der Graf sang das Weihnachtslied mit einer sonoren, tiefen Bass-Stimme, die mich vor Neid erblassen ließ. Danach rieselte der Schnee draußen weiter und man konnte mitleidig auf die Nummernschilder der Karlsruher, Mannheimer und Frankfurter schauen, die wohl noch eine spannende Nacht vor sich hatten.
Der Weg nach Trier hat sich allerdings gelohnt – und alle, die nicht dabei waren, seien auf das Open Air im Strandbad Losheim verwiesen. Dort werden Unheilig am 26. August 2011 zum "Heimreise"-Konzert antreten. Ein kluger Schachzug von Popp Concerts, die Reihe von Peter Fox und Pur für 2011 durch die momentan angesagteste deutsche Band fortzusetzen. Das neue sommerliche Highlight dürfte gesichert sein.