21. Wacken Open Air 2010 - 05.-07.08.2010 - mit Alice Cooper, Mötley Crüe, Iron Maiden, Slayer, U.D.O. und vielen mehr
Lauter, schneller, härter. Das Wacken Open Air geht dieses Jahr in die 21. Runde. Gerade wenn man als Einheimischer noch die ersten Jahre miterlebt hat, ist es kaum zu fassen, welche Dimensionen das Festival inzwischen erreicht hat. Mit über 80.000 Besuchern ist das Ende der Fahnenstange jedoch erreicht und für viele Gäste bereits mehr als ausgereizt. Trotzdem haben die Veranstalter auch in diesem Jahr für einen reibungslosen Ablauf gesorgt, der für ein Festival der Superlative keinen Grund zur Kritik lässt.
Alles beginnt wie in jedem Jahr. Das kleine Schleswig Holsteinische Nest Itzehoe, das kulturell sonst nicht viel zu bieten hat, wird einmal im Jahr aus seinem Dornröschenschlaf gerissen. Erst sind es nur ein paar wenige, aber dann tummeln sich immer mehr schwarze Gestalten am örtlichen Bahnhof. In diesen Tagen weiß inzwischen auch der letzte Hinterweltler der Region, dass das Wacken Open Air unmittelbar vor der Tür stehen muss. Wo vor wenigen Tagen noch friedlich Kühe grasten, stehen kurze Zeit später riesige Bühnen und drum herum ein gigantischer Campingplatz.
Unser Anreisetag ist Mittwoch. Für ganz harte Metalheads, die wahrscheinlich schon die Tage bis zum Startschuss gezählt haben, sind die Zeltplätze bereits ab Montag geöffnet. Die vorderen Campingplätze gleichen schon jetzt einem Schlachtfeld. Wenigstens eine Konstante hat das Festival. Wir müssen jedes Jahr weiter vom Zelt bis zum Gelände laufen. Riesiger Vorteil in Wacken ist jedoch, dass man die Autos auf den Campingplätzen parkt und so nicht auch noch den ganzen Weg mehrmals mit etlichen Kilo Marschgepäck zurücklegen muss. Endlich angekommen wird natürlich sofort das erste Bier aufgerissen. Der Engpass vom letzten Jahr war uns eine Lehre und wird so schnell nicht wieder vorkommen. Allerdings soll die Idylle an diesem Abend durch zwei Faktoren erheblich gestört werden: Regen und Blasmusik. Die plötzlich aufziehenden Wolken lassen auch gleich erste Diskussionen aufkommen, wer denn eigentlich den Gemeinschafts-Pavillion ins Auto packen wollte. Natürlich ist keiner dran schuld, aber wenig später ist eine LKW-Plane in alter Pfadfinder-Technik quer über die Autos gespannt. Jetzt wird alles gut. Erstmal... Denn nun wächst direkt neben uns langsam ein Fahnenmast in die Höhe, an dem kurze Zeit später eine blauweiße Fahne gehisst wird. Und nach alter Tradition muss dazu auch bayerische Volksmusik laufen, was allerdings nach ungefähr zwei Stunden langsam auf die Nerven geht. Bevor es zum offenen Grabenkrieg kommt, lenkt man jedoch ein und fügt Metallica statt Blasmusik in die Playlist ein. Jetzt herrscht Friede, Freude, Eierkuchen und Astra-Pils wird gegen Augustiner getauscht. Das nennt man in Wacken also Völkerverständigung.
Noch schnell ein "Weg-Bier" in die Hand, und dann gibt es einen ausgiebigen Streifzug durch die Metal-Gemeinde. Hier wird gefeiert, gesungen und gezecht. Alles wie immer in friedlicher Atmosphäre. Man hört wie jedes Jahr eine Menge verschiedener Sprachen. Nach Schätzungen des Veranstalters sind ungefähr ein Viertel aller Besucher aus dem Ausland in das norddeutsche Nest eingereist. Vielleicht sollte man auf dem Zeltplatz einmal darüber nachdenken einen Preis für herausragende Kreativität zu verleihen. Ob es nun ein Zaun aus Bierdosen oder der mitgebrachte Instant-Friedhof ist. Die Ideen scheinen den Metalheads jedenfalls nie auszugehen.
Schließlich erreichen wir das "Wackinger-Dorf", welches bereits im vergangenen Jahr ins Leben gerufen wurde. Hier treffen wir auch gleich auf eine Schar Schwertkämpfer, die in mittelalterlichen Trachten über den Weg schreiten und sich gerade für einen Schaukampf ausstaffieren. Gut, dass die Schwerter alle stumpf sind. Schon im nächsten Moment macht ein Marktschreier auf sich aufmerksam. Wir stehen mitten auf einem Marktplatz. Es werden mittelalterliche Speisen und Spiele angeboten. Wir bleiben eine Weile vor einem Stand stehen, wo es darum geht ein Ei aus einiger Entfernung mit einer Bleikugel zu zerfetzen. Leider ist der Athlet nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, was die Bierdose in seiner anderen Hand vermuten lässt.
Am Donnerstag ist es dann endlich soweit. Die Nackenmuskulatur ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welchen Strapazen sie kurze Zeit später ausgesetzt sein wird. Es geht los. Zur Eröffnung spielt Festival-Chef Thomas Jensen mit seiner eigenen Band Skyline und hat dazu U.D.O. und Doro am Mikrofon als Verstärkung angeheuert. Es folgt eine ziemlich langweilige Preisverleihung auf der Black Stage, bei der sich allerdings auch einige Bands zeigen, die in diesem Jahr nur als Zuschauer beim Festival sind. Darunter unter anderem Blind Guardian, woraufhin die ersten Gerüchte laut werden, dass die Jungs eventuell zur Vertragsunterzeichnung für Wacken 2011 angerückt sind (die Band ist inzwischen offiziell als einer der Headliner des kommenden Jahres bestätigt).
Punkt 18 Uhr ist es dann soweit und Alice Cooper betritt mit dem Song "School‘s Out" die True Metal Stage. Leider kann man während der ersten drei Songs nur seine Mundbewegungen auf einer der drei großen Lautsprecher beobachten. Zu hören ist der Alt-Rocker nämlich erstmal nicht. Als der Mischer dann aber endlich den Regler findet, wird Cooper mit jedem Song immer besser. So ein Opa möchte ich auch mal sein! Der Unterhaltungswert seiner Show ist grandios. Er wird währenddessen erstochen, erhängt und geköpft. Nur eine Katze hat mehr Leben. Neben einer hervorragenden Band, ist auch wieder eine extrem sexy Krankenschwester im blutverschmierten Kittel auf der Bühne, um Alice Cooper zu "verarzten".
Nach einem Konzert, was wohl allen in Erinnerung bleiben wird haben wir dann noch eine halbe Stunde, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Dafür muss man seinen Platz nichtmal aufgeben, da mobile Bierkommandos unterwegs sind, um die Besucher mit einem "Vitamin-Nachschub" zu versorgen. Die gesalzenen Preise sind allerdings ziemlich unverschämt. So ist man mit einem Bier und einem kleinen Happen Asia-Nudeln bereits mit rund zehn Euro dabei. Es folgt die Mötley Crüe auf der Black Stage. Hier gibt es Hardrock vom Feinsten. Die Band wird von einem traumhaften Sonnenuntergang beleuchtet und spielt neben vielen Klassikern auch ein paar neue Songs. Nach exakt 75 Minuten Rock-History ist es dann soweit. Das Gedränge vor der True Metal Stage nimmt mit jeder Minute zu. Wenig später sind sie dann da: Iron Maiden mit einer bombastischen Bühnenkulisse und einem wie immer quirligen Bruce Dickinson. Unglaublich, was dieser Frontman während einer Show an Energie und Ausstrahlung aufs Parkett legt. Ob man den nach einem Gig überhaupt wieder ruhig stellen kann? Die Band spielt überwiegend neuere Songs von den letzten drei Alben. Bei Hits wie "The Wicker Man" oder "Bravo New World" ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Wer nicht mehr selbst stehen will, lässt sich halt spontan über die Menge tragen und landet teilweise ziemlich unsanft auf dem harten Ackerboden. Am Ende gibt es für die alt eingesessenen Fans dann doch noch Klassiker wie "Fear Of The Dark" oder "The Number Of The Beast". Bereits zehn Minuten früher als angegeben verlässt die Band leider ohne "Run To The Hills" die Bühne und der erste Wacken-Tag ist Geschichte. Bei dem heutigen Aufgebot wird es wohl schwer diesen Tag zu toppen. Jetzt heißt es erst einmal die müden Glieder im Paulaner-Biergarten zu regenerieren. Auf dem Rückweg zum Zelt trifft man noch auf ein paar Verirrte, deren Orientierungssinn wohl leicht vom Met getrübt worden ist. Schade Jungs, ihr habt einen wirklich grandiosen Auftakt verpasst.
Am nächsten Morgen machen sich bei einigen in der Runde langsam erste Auflösungserscheinungen breit. Jetzt trennt sich zum ersten Mal die Spreu vom Weizen und die konditionell angeschlagenen Metalheads schälen sich erst gegen Mittag aus ihren Zelten. So auch unsere bayerischen Nachbarn. Glücklicherweise heute einmal ganz ohne Blasmusik. Der erste Gang führt natürlich erstmal in Richtung Klo-Kolonie und Waschbecken. Hier muss man dem Veranstalter ein dickes Lob aussprechen. So tipptopp habe ich die sanitären Einrichtungen noch nie auf einem Festival vorgefunden. Wer eine richtige Abkühlung braucht, für den ist auch in diesem Jahr das örtliche Schwimmbad wieder geöffnet. Auf dem Weg dorthin durchs Dorf bietet sich ein gewohntes Bild. Entweder die Häuser stehen leer, weil die Anwohner jährlich während des Festivals die Koffer packen und aus dem Dorf flüchten oder man sitzt mit Kind und Kegel auf der Auffahrt und verkauft Würstchen, selbst gemachten Honig oder beobachtet die kleine Ameisenstraße durchs sonst so stille Dorf einfach nur. Der örtliche Kaufmann ist wie jedes Jahr gut auf den Ansturm vorbereitet und hat sich ausreichend mit Bier und Grillwurst eingedeckt. Wahrscheinlich wird der Jahresumsatz von so manchem Einzelhändler im Dorf hauptsächlich an diesem Wochenende gemacht. Wer die Besorgungen nicht mehr alleine zum Zelt tragen kann, für den gibt es einen kostenpflichtigen Liefer-Service. Auch die Dorfjugend hat sich gut auf das Festival vorbereitet und steht direkt am Ausgang mit dem Bollerwagen, der als "Bier-Taxi" umgerüstet ist parat.
Für uns fällt der Startschuss am Freitag bereits mittags. Amorphis heizen auf der True Metal Stage die Boxen an. Vielen Besuchern ist die Startzeit sicherlich noch viel zu früh, aber da auch heute wieder jede Menge Top Acts im Programm sind, muss halt jemand den Anfang machen. Wer an diesem Tag noch nicht in Party-Laune ist, wird spätestens bei The Boss Hoss zum Hüpfen animiert. Endstille sorgen anschließend dafür, dass die letzten noch stehenden Grashalme vor der Bühne abgesäbelt werden. Die Band wäre wohl nichts für meine Oma.
Besonderes Schmankerl an diesem Tag sind Grave Digger, die zum Jubiläum ihr Konzeptalbum "Tunes Of War" mit einer langen Gästeliste aufführen. Neben Blind Guardian-Frontman Hansi Kürsch gibt sich auch Doro wieder die Ehre. Außerdem dabei ist ein Haufen Dudelsackspieler. Es folgt der nächste Knaller auf der Black Stage, wo es die nächste Stunde Blut regnen wird. Slayer spielt auf einer rot beleuchteten Bühne. Während die Band vor drei Jahren mit deftiger Verspätung ein ziemlich lustloses Set runter gespielt hat sind Kerry King und Co. dieses Mal voll dabei und vor allem LAUT! Letzter Act an diesem Abend für uns ist Anvil. Da die Band erst zu fortgeschrittener Stunde auf die Bühne kommt, ist das Gelände zu diesem Zeitpunkt schon deutlich übersichtlicher.
Auch am Samstag trägt der Wettergott Wacken-Hörner und beschert uns ideales Festival-Wetter. Ideale Voraussetzungen also für den letzten Festival-Tag. Wenn auch etwas Wehmut über dem Gelände schwebt, da bald alles vorbei ist, geben Bands und Besucher zum Schluss nochmals alles. Wir starten mit Overkill und sehen uns danach W.A.S.P. auf der True Metal Stage an. So langsam nagt der Zahn der Zeit auch sichtbar an Sänger Blackie Lawless. Weiter geht es auf der Party Stage, wo Stratovarius die Fans mit vielen älteren Songs glücklich machen. Eine Entdeckung für mich in diesem Jahr ist die darauf folgende Band Delain aus Holland. Geiler Sound und noch hübschere Frontfrau. Auf der True Metal Stage spielen danach Edguy. Tobias Sammets Stimme hat sich gerade erst von einer Grippe erholt. Davon ist allerdings kaum etwas zu spüren. Wenn er nur lieber mehr singen und nicht immer soviel sabbeln würde... Am Bass gibt sich Markus Großkopf von Helloween für zwei Songs die Ehre, der auf Abruf stand den Part ganz zu übernehmen, weil ein Band-Baby in Erwartung war. Letzter Act auf der großen Bühne ist dann Wacken-Legende U.D.O..
Der Abeisetag ist irgendwie immer gleich. Alles was bleibt sind unzählige Müllbeutel, Schlammwüsten und die Vorfreude aufs nächste Jahr. Auch in diesem Jahr ist das Wacken Open Air mit glücklichen Besuchern und vor allem friedlich zu Ende gegangen. Es sind ja zum Glück nur noch wenige Tage bis zum Wacken Open Air 2011! See You!