Wallis Bird

Tour 2010 - Support: Benno Herz & Band

16.10.2010 Centralstation / Darmstadt

Von: Pascal Kraus

Wallis Bird Darmstadt

"2 x 3 macht 4. Widdewiddewitt und Drei macht Neune! Ich mach mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt...". Ekstatische Windungen dieser kleinen blonden irischen Pippi Langstrumpf auf der Bühne der Centralstation, die mit ihrer Akustischen umherwirbelt und ein Feuerwerk der Gefühle entfacht, welches so wohl niemand erwarten durfte, der diese Formation heute zum ersten Mal live erleben kann. Wallis Bird hüpft durch ihr LaLa Land und versprüht eine unkonformistische Leichtigkeit und Anarchie der Musikalität. Energetisch, intuitiv und voll überbordender Spielfreude arbeitet sich die sympathische 26-jährige Irin mit ihrer erstklassigen Band durch diese Songs, die von der akustischen Gitarre getragen sind und zu keinem Zeitpunkt die Verwurzelung im Irish Folk verleugnen. Diese Songs atmen die emotional musikalisch geschwängerte Luft der Pubs und Dublins Strassen.

Zuvor geben den Support heute die Lokalmatadoren Benno Herz & Band, eine junge Combo die wie aus der Zeit gefallen scheint und in engen Röhrenjeans, Halstüchern, Westen, langen Haaren und Hut einen authentischen zurückgenommenen Retro-Folkrock spielt, sodaß es eigentlich beruhigend sein kann, daß Musiker die gerade volljährig sind ihre musikalische Sozialisation noch in den frühen 70ern zu finden scheinen.

Dann Wallis Bird und ihre Mitmusiker. Bereits nach den ersten Takten wird das Publikum zu einem Sing-a-long aufgefordert und es singen tatsächlich auch sofort nahezu alle Anwesenden mit. Dies erlebt man oft erst gegen Ende eines Konzerts, aber hier ist klar: Dies wird ein denkwürdiger und besonderer Abend! Leider ist der Saal unter dem Dach der Centralstation noch nicht mal zur Hälfte gefüllt und es ist wirklich schade, daß dieser einzigartigen Live-Performance der fünf Musiker nicht ein größeres Publikum beschieden ist.

Nachdem Wallis Bird durch einen Unfall mit anderthalb Jahren alle Finger ihrer linken Hand abgetrennt, aber glücklicherweise auch bis auf einen alle wieder angenäht bekommt, bringt es dieses Unglück mit sich, daß sie später auf einer Rechtshänder-Gitarre, die sie verkehrt herum hält ohne die Saiten anzupassen, eine eigenwillige Spieltechnik entwickelt. Die Autodidaktin sagt von sich selbst, daß sie außer Musik zu machen nicht wüßte, was sie sonst auf dieser Erde tun solle und diese bedingungslose Leidenschaft ist in jeder Note und jedem Wort an diesem Abend zu spüren. Bird lernte auf einem Workshop in Deutschland das Brüderpaar Michael (Bass) und Christian Vinne (Schlagzeug) kennen und man beschließt schnell weiterhin gemeinsam Musik machen zu wollen. Während ihres Gastsemesters an der Popakademie in Mannheim wird die durchaus beachtete EP "Branches Untangle" produziert und es folgen unter anderem Auftritte beim Southside Festival und dem SWR3 New Pop Festival. Diese Debüt-EP enthielt bereits ein erstes Ausrufezeichen mit dem Song "Blossoms In The Street". Im Herbst 2007 veröffentlichte Wallis Bird dann ihr erstes reguläres Album mit dem Titel "Spoons" und ist heute abend  nun mit dem aktuellen Werk "New Boots" aus dem letzten Jahr zu Gast in der Centralstation Darmstadt. Nach persönlichen Krisen behandelt die aktuelle Platte die Momente des neuen Glücks und die verarbeitete Trauer.

Der Sound ist rauer und wilder als auf dem Vorgänger und Bird oszilliert gekonnt zwischen den musikalischen Stimmungen aus dem Irish Folk, rauem ungeschliffenen Rock und jazzigen Anleihen. Christian Vinne am Schlagwerk und sein Bruder Michael Vinne am Viersaiter bilden hierbei die groovende Rhythmusmaschine. Hinzu kommt der in Belgien lebende irische Multiinstrumentalist Aidan und eine Freundin aus Kindertagen, Aoife O´Sullivan. Sie unterstützt im Background Gesang und an diversen Percussion-Instrumenten und gerne auch mal mit Löffeln und Gabel. Aidan bedient von einer Art Melodica über Klarinette und elektrischer Gitarre so einiges an Instrumentarium. Der Song "Meal Of Convenience" wird fast ein A-Capella-Stück mit den Zuschauern und die starken Nummern "An Idea About Mary" oder auch "To My Bones" elektrisieren den Saal mit einer unfassbaren Energie.

Zwischen den einzelnen Songs erzählt Wallis Bird in einer putzigen Mischung aus Deutsch und Englisch, Geschichten von neuen Brüsten, Mannheimer Waschautomaten und andere Lach- und Sachgeschichten aus dem familiären Umfeld. Wie ein Flummi fegt das Energiebündel über die Bühnenbretter und bearbeitet ihre Gitarre so, dass die Saiten auch gerne Mal durch die Luft wirbeln. Es wird aber durchaus auch mal ruhiger und nachdenklich und mit Christian Vinne am Schlagzeug liefert sich die Frontfrau obendrein ein beeindruckendes "Drum-Duell".

Die Leidenschaft und das lodernde Feuer strömt durch jede Körperzelle der jungen Musikerin, die ihre Songs wie eine Patchworkdecke zusammen webt, aus der Verwurzelung der traditionellen Songwriterkunst ihres Heimatlandes und den aktuellen modernen Strömungen des Rock bis hin zu eben auch Arrangements die im Jazz und Soul verhaftet sind. Die verwegene und ungehemmte Art dieses Energiebündels nimmt die Anwesenden im Sturm. Sie schreit, sie jubiliert und lacht. Sie kreischt und flüstert und setzt alle ihre Gefühle in Töne um, welche den Anwesenden bis ins Mark fahren. Wallis Bird trägt ein derbes Kleidchen und zwei Zöpfe wachsen aus ihren strubbeligen blonden Haaren, die ihr über die Schultern fallen. Sie macht heute die kleine Halle zu einer Villa Kunterbunt...

Zwei Stunden dauert dieses energetische Happening, das irgendwie mehr ist als "nur" ein Konzert und alleine mit ihrer Akustikgitarre und der wunderbaren rauen sanften Stimme beschließt Wallis Bird diesen schönen Abend leider irgendwann. Wer noch die Gelegenheit hat, der muß sich diese Band unbedingt ansehen, sich verzaubern und mitreißen lassen und einfach die Leidenschaft der Musik feiern.

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