Return To Babylon Tour 2011
Still not loud enough? Am 9. August gibt sich in Köln die amerikanische Metal-Band W.A.S.P. die Ehre, die in den 1980´ern und frühen 90´ern ihre ganz große Zeit hatte. Waren sie in den Jahren danach fast "weg vom Fenster", so haben sich W.A.S.P zuletzt durch gute Alben wieder zurück in die Herzen der Fans gespielt und zu alter Stärke zurückgefunden. Als W.A.S.P.-Fans (fast) der ersten Stunde führt uns der Weg daher mitten hinein in die Kantine. Und das ist nicht der Speisesaal der Kölner Verkehrsbetriebe, sondern so heißt der Club, in dem die Band spielt.
Die Location: Die Kantine ist ein schöner Laden, in dem in verschiedenen Clubs (Yardclub, Kantine) Konzerte und Partys stattfinden. Vor dem Club ist ein schöner Biergarten und im Club selbst mehrere Bars, die wir – natürlich ausschließlich zu Testzwecken... – sofort aufgesucht haben. Preislich im akzeptablen Bereich und freundliche Bedienung, fängt der Abend schon gut an. Sah es zunächst einmal nicht danach aus, als ob W.A.S.P. vor vollem Haus spielen würden, so füllt sich der Biergarten und später auch die Halle doch zusehends, während die Vorbands sich redlich bemühen, die Gäste zu unterhalten. Die vielen W.A.S.P.-Shirts zeigen allerdings schon deutlich an, daß die meisten der etwa 250 Besucher weder auf Steel Engraved noch auf Sapiency warten. Es hätten bei W.A.S.P. durchaus auch noch Leute Platz gehabt, aber die Kantine ist gut gefüllt, wenn auch sicher nicht ausverkauft. Vorteil: Platz zum Atmen, Headbangen und Luftgitarre spielen.
Die Vorbands: Als wir ankommen, haben Steel Engraved schon pünktlich ihr Set begonnen. Und was wir hören und sehen, ist ansprechend und paßt auch gut zum Publikum. Die Anwesenden spenden denn auch mehr als bloßen Höflichkeitsapplaus für den munteren Mix aus Heavy und Power Metal. Der Sound ist gut, drückt ordentlich und die Instrumentalfraktion ist offensichtlich sehr gut eingespielt, denn es klingt professionell, was die Passauer abliefern. Sänger Marco Schober singt mindestens in der Oberliga der Power-Metal-Sänger und hat mich persönlich vor allem in hohen Passagen an Riley Erickson von Steelwing oder auch Henning Basse von Metallium erinnert, die musikalisch durchaus auch als Orientierungspunkte dienen können. Ein gelungener Auftritt, der die schon in der Halle anwesenden Leute gut auf W.A.S.P. einstimmt.
Nach einer kurzen Umbaupause treten dann Sapiency aus dem Frankfurter Raum auf die "Bretter, die die Welt bedeuten". Und das mit viel Power, Spielfreude und fast mehr Musikern, als auf die doch recht kleine Bühne passen. Neben den "üblichen" Instrumentalisten gibt es bei Sapiency nämlich gleich zwei Sänger oder besser, einen Sänger und einen "Growler". Metal in der Schnittmenge zwischen Melodic Death, Metalcore und Modern Metal ist angesagt. Trivium, Scar Symetry, Sonic Syndicate, In Flames und eine Prise Heaven Shall Burn – das mögen die Orientierungspunkte für die Musik von Sapiency sein. Auch bei Sapiency ist der Sound mehr als ordentlich, was mir besonders bei den Gitarren positiv aufgefallen ist, die fett aber doch auch filigran zur Geltung kommen. Sapiency erfinden den Melodic Death Metal nicht neu – das ist vielleicht das einzige, was man der Band vorwerfen kann, denn die Show ist engagiert und man merkt den Musikern an, daß sie richtig Lust auf das haben, was sie machen. Leider paßt Sapiency musikalisch nicht so recht ins Billing, was man daran ablesen kann, daß viele schon während des ersten Songs in den Biergarten gehen. Die, die dableiben, bekommen dafür eine energiegeladene und gute Show zu sehen.
W.A.S.P. ...oder sollte ich sagen: Blackie Lawless? Pünktlich um 21.00 Uhr steht Mister Steven Edward Duren, besser bekannt als Blackie Lawless mit seinen drei Mitstreitern Doug Blair an der E-Gitarre, Mike Duda am E-Baß und Mike Dupke am Schlagzeug, auf der Bühne. In den gut 30 Jahren, in denen die Band nun existiert, hat es eine Menge Besetzungswechsel gegeben. Die einzige Konstante blieb immer Blackie Lawless, der die Band sozusagen "ist". In Köln trägt er eine schwarze Spandex-Hose (wohl ein Rückfall in die 80´er Jahre...) und ein Football-Shirt mit der "29" und dem Namen "B. Lawless" auf der Rückseite, das derzeit als Merchandise gekauft werden kann. Die derzeitige Mannschaft ist nun seit 2006 zusammen, spielte auch die beiden letzten Alben "Dominator" und "Babylon" ein und wirkt gut eingespielt.
Die erste Überraschung des Abends: Blackie hat seinen sehr speziellen Mikroständer, einen umgebauten Motorrad-Lenker mit Totenkopf dran, nicht dabei. Vielleicht ist dafür die Bühne zu klein. Die zweite Überraschung: Die Setlist. Denn die ist ein reines "Best-of" mit einem Schwerpunkt auf den "großen" 80´er-Jahre-Alben. Die dritte Überraschung sind die Leinwände rechts und links auf der Bühne. Auf diesen Leinwänden laufen die Videos bzw. manchmal auch Ausschnitte aus den Live-Videos der Band. Eine tolle Idee, zumal die Videos bei vielen Songs sehr zur Atmosphäre beitragen. Ein netter Effekt ist, daß bei manchen Songs bzw. Videos Blackie im Video genau das singt, was Blackie auch live singt, also die Lippenbewegungen synchron sind. Gute Arbeit des Videomannes, denn die Band ist nicht immer ganz exakt im Timing, was aber der Show und dem Spaß keinen Abbruch tut.
Ohne große Ansagen geht es direkt los mit einem Knaller vom Debüt, nämlich "On Your Knees". Der Sound ist gut, vor allem des Meisters Gesang kommt in sehr guter Qualität "rüber". Der Sound ist zwar klar, aber insgesamt etwas zu laut für die kleine Halle. Das hält die Fans (und uns) allerdings nicht davon ab, den Gig zu genießen. Blackie ist bemerkenswert gut bei Stimme und die Band spielfreudig. Den ganzen Auftritt über hält sich Blackie nicht mit langen Reden auf, er bringt die Songs, auf die die Leute warten. Ohne Pause geht es also sofort weiter mit "The Real Me" und – ebenfalls vom Erstling und schwer abgefeiert - "Love Machine" weiter. Gitarrist Doug Blair tut sich dadurch hervor, daß er immer wieder einmal die Gitarren wechselt, unter anderem hat er eine dabei, deren Schlagbrett im Dunkeln leuchtet. Er bekommt in einigen Songs großzügig Gelegenheit für längere, aber nicht zu lange, Soli, die er dann auch genüßlich ausspielt.
Im Set geht es weiter mit "Crazy" von der aktuellen Scheibe "Babylon" und "Wild Child", einem der "Hits" von "The Last Command", dem zweiten Album der Band, das ihnen den Durchbruch in den USA bescherte und auch bei uns viel Beachtung fand. Ein weiterer Song vom ersten Album, folgt, nämlich "Hellion". Man hört, sieht und spürt, daß die Fans die "Klassiker" hören wollen, denn es wird mitgesungen, gepost und die Hände werden bei diesem Song in die Luft gereckt. Nach einem kleinen Medley mit dem Humble Pie-Cover "I Don´t Need No Doctor" und "Scream Until You Like It" spielt die Band eine ihrer besten Power Balladen, nämlich "The Idol". Zwar werden nur wenige Feuerzeuge in die Luft gehalten, aber die Fans genießen den Song und die "Verschnaufpause" sichtlich, bevor Blackie zum Finale einen "der" Trademark-Songs von W.A.S.P. spielt: "I Wanna Be Somebody", bei dem (gefühlt) alle mitgrölen, bis zum hintersten Platz an der Bar. Und dann ist erst einmal Schluß. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigt: Ziemlich exakt 60 Minuten bis hierher. Grenzwertig, wenn man bedenkt, daß man für das Konzert immerhin 30 Euro zahlen muß. Sicher, insgesamt sind es drei Bands, aber im Grunde wollen doch die meisten vor allem W.A.S.P. hören – und das Material aus den letzten 30 Jahren reicht ja, um zwei Stunden lang Hit auf Hit zu spielen.
Nach langen 15 Minuten dann die Zugaben. Die Band setzt bei der ersten Zugabe auf Atmosphäre: Ein Video-Intro leitet "Heaven Hung In Black" ein, eine weitere Power-Ballade. Mit "Blind In Texas", dem kommerziell wohl größten "Hit" der Band fordert W.A.S.P. noch einmal alle Stimmbänder und alle Arme heraus. In den ersten Reihen tanzen und "bangen" die Fans noch einmal begeistert mit. Und dann ist es vorbei. "Goodnight everybody", sagt er noch, der Blackie, und läßt sich und seine Band noch einmal kurz feiern. Dann ist er weg. Endgültig. Da hätten noch ein paar Songs mehr gespielt werden können, auch wenn es ein Dienstagabend ist und die meisten am nächsten Tag arbeiten müssen.
Fazit: Ein toller Konzertabend – mit kleinen Schönheitsfehlern. Schöne Location, erschwingliche Preise. Die Vorbands sind gut, wenngleich musikalisch nur zum Teil passend zum Publikum. W.A.S.P. selbst spielen eine tolle Show, sind engagiert und wirken nicht müde oder überspielt, wie es gelegentlich bei Bands der Fall ist, die schon lange auf Tour sind. Und Mr. Lawless höchstselbst ist ja nun auch schon deutlich jenseits der 50 und trotzdem sehr fit und sein Gesang klingt perfekt – kratzig, knarzig und doch melodiös. Es hätte halt noch etwas mehr sein dürfen. Trotzdem: Die Kölner sagen auf jeden Fall: "Komm bald wieder nach Kölle, Junge!".