Westend Indoor 2011 - mit Long Distance Calling, Bohren & der Club of Gore und Mogwai
Ein kompletter Festivaltag ganz ohne Gesang? Geht so etwas überhaupt? Für mich, der ja nach dem Motto "lieber gar kein Sänger als ein schlechter Sänger" Musik hört, klingt das auf jeden Fall verlockend. Verlockend genug, um mal wieder einen Wochenendtrip nach Dortmund zu unternehmen. Das Westend Festival gibt es eigentlich schon seit 2003, allerdings wurde das Projekt damals direkt nach der Premiere wieder auf Eis gelegt. Im vergangenen Jahr wurde es dann im Dortmunder Freizeitzentrum West, kurz FZW, wiederbelebt. Und so wie der Sonntag beim Westend Festival nun also der Instrumentalmusik gewidmet ist, standen auch die anderen drei Tage jeweils im Zeichen einer bestimmten Stilrichtung - von Indie-Pop bis Alternative-Rock war für jeden etwas dabei.
Als wir etwa eine halbe Stunde vor Beginn auf dem Gelände des FZW eintreffen, stellt sich zuerst einmal unsere Befürchtung, wir könnten keinen Parkplatz mehr bekommen, als völlig unbegründet heraus. Parkplätze gibt es wirklich mehr als genug. Auf dem Weg zum Eingang sind dann die diversen Fahrzeuge des WDR nicht zu übersehen - kein Wunder, denn das Festival wird für den Rockpalast aufgezeichnet und dort im Rahmen eines vierstündigen Zusammenschnitts zu sehen sein. In der Halle angekommen gibt es dann gleich die nächste Überraschung: es herrscht gähnende Leere. Das erklärt natürlich, warum es so viele Parkplätze gab. Immerhin füllt es sich bis zum Beginn des Auftritts von Long Distance Calling dann aber doch noch. Pünktlich wie ein Uhrwerk legen diese dann auch um Viertel vor acht los.
Long Distance Calling gibt es seit mittlerweile fünf Jahren und mit ihrem Debütalbum "Satellite Bay" machte sich die Band vor allem in Post-Rock-Kreisen schnell einen Namen. Spätestens seit dem zweiten Longplayer haben sie sich allerdings komplett von den Wurzeln dieses Genres gelöst und spielen einfach instrumentale Rockmusik der Extraklasse. Mit dem Anfang dieses Jahres erschienenen und selbstbetitelten dritten Album starteten sie dann richtig durch und landeten auf Platz 36 der Albumcharts. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich Long Distance Calling Anfang 2007 zum ersten Mal vor etwa einem Dutzend Fans in einem kleinen Kellerclub habe spielen sehen. Seitdem wurde das Publikum stetig größer - vollkommen zu Recht, denn die Band weiß live einfach zu überzeugen. Und so schaffen sie es auch bei ihrem Auftritt im FZW, das Publikum nach kurzer Zeit in ihren Bann zu ziehen.
Schon der Opener "Into The Black Wide Open" vom aktuellen Album zeigt die Bandbreite der Musik der fünf Münsteraner auf - da breiten Reimut van Bonn und Jan Hoffmann riesige Klangteppiche aus Ambient-Sounds und Bass vor dem Publikum aus, Florian Füntmann baut die dazu passenden Gitarrenwände, das unglaublich abwechslungsreiche Drumming von Janosch Rathmer treibt den Puls in die Höhe und über allem schweben immer wieder die erstklassigen Soli von Gitarrist David Jordan.
Weiter geht's mit dem Klassiker "Black Paper Planes" und dem extra harten "Arecibo" - dem Publikum wird wirklich keine Verschnaufpause gegönnt. Aber auch die Jungs auf der Bühne sind sich für nichts zu schade und gehen ordentlich ab. Warum das anwesende Publikum nicht genauso abgeht, kann ich mir nicht wirklich erklären, vielleicht hat einige die Musik von Long Distance Calling doch etwas zu unvorbereitet getroffen. Mit "Invisible Giants" und "Apparitions" gibt es dann noch jeweils eine Nummer von den letzten beiden Alben und dann ist es leider auch schon wieder vorbei. Immerhin reichen fünf Titel bei Long Distance Calling aber schon für Albenlänge, trotzdem vergingen die 50 Minuten wie im Flug.
Nach einer kurzen Pause geht es dann weiter im Programm. "Wir sind Bohren und der Club of Gore, die Band für alle, die sich keinen Arzt ihres Vertrauens mehr leisten können" - mit diesen Worten werden wir begrüßt und auf die kommende Stunde eingestellt. Auf der Bühne ist es tiefschwarze Nacht, lediglich vier "Laternen" beleuchten die Musiker von oben mit einem schmalen Lichtkegel.
Bohren & der Club of Gore existieren schon seit fast 20 Jahren. Die Band spielt Doom Jazz, ein Genre, welches mir bis vor kurzem noch völlig unbekannt war und bei dem mir sicherlich nicht die Musik in den Sinn gekommen wäre, die ich dann tatsächlich auf den Alben von Bohren zu hören bekam. Entsprechend überrascht (und gleichermaßen begeistert) war ich, als ich das Line-up des Westend Festivals gesehen habe: Bohren im "Sandwich" zwischen Long Distance Calling und Mogwai auftreten zu lassen, das ist schon eine ziemlich tollkühne Idee. Das in Mühlheim an der Ruhr gegründete Quartett spielt in der Tat Jazz - Jazz in Zeitlupe. Das Schlagzeug wird nur alle paar Sekunden einmal bearbeitet, der Bass dröhnt endlos im Raum und auch die gelegentlichen Einsätze von Saxophon, Vibraphon, Mellotron und Co. lassen sich alle Zeit dieser Welt. Die Musik liegt wie ein Mantel aus Blei über einem Publikum, das zum Großteil nicht so recht fassen kann, was es da gerade zu hören bekommt. Und so legen - leider! - viele Besucher nach den ersten Stücken eine erweiterte Zigarettenpause ein.
Die Musik ist jedoch, wenn man sich darauf einlassen kann, auf ihre Art genauso mitreißend wie die von Long Distance Calling. Und wenn man tatsächlich mit der Musik nichts anfangen kann, dann bekommt man zumindest die mit Abstand besten Ansagen dieses Abends. Kostprobe gefällig? "Das nächste Stück basiert auf dem Dreiklang Tanzen - Wurst - Bier, handelt aber auch von Sentimentalität und Neid." Oder: "Warum die Zeit sinnvoll verbringen, wenn man sie auch nutzlos verstreichen lassen kann?". Einige Hard-Gore-Fans gibt es aber wohl doch im Publikum, und die sorgen, soweit das überhaupt möglich ist, für so etwas wie Stimmung zwischen den einzelnen Titeln. Mit ihrem "Protestlied gegen Teilnahmslosigkeit" ("Beileid") und dem pechschwarzen "Midnight Black Earth" verabschieden sich Bohren & der Club of Gore nach einer guten Stunde wieder von der Bühne. Morten Gass hat einmal über die Band gesagt "Other bands play, Bohren bore" - ich glaube, viele der FZW-Besucher hätten diese Aussage heute Abend unterschrieben. Aber tatsächlich war es ein ausgesprochen kurzweiliger Auftritt auf sehr hohem musikalischem Niveau und mit Sicherheit nicht das letzte Konzert der Doom-Jazzer, das ich mir ansehen werde.
Auf der Bühne herrscht nun wieder rege Betriebsamkeit. Mogwai fahren so einiges an Technik auf, selbst eine Videoleinwand in Bühnenbreite wird vorbereitet. Die fünf Schotten aus Glasgow sind ein Urgestein des Post-Rock, über 15 Jahre gibt es die Band bereits. Und obwohl ich eigentlich in diesem Genre einigermaßen bewandert bin, habe ich Mogwai bisher immer nur als Randnotiz wahrgenommen. Von daher bin ich sehr gespannt, ob mir ihr heutiger Auftritt Lust auf mehr bereiten würde. Die Halle in Dortmund ist jetzt auch endlich so voll, wie ich mir das schon zum Auftritt von Long Distance Calling gewünscht hätte. Mogwai beginnen, leicht verspätet, mit "White Noise", einem wunderschönen instrumentalen Post-Rock-Song. Die Performance wird untermalt von einem stimmigen Video auf der riesigen Leinwand und bekommt durch den Einsatz einer Violine auch noch das gewisse Etwas. Ein Auftakt nach Maß - "epic", wie man in England sagt.
Doch aus irgendeinem Grund ist nach diesem ersten Song schon komplett die Luft raus. Das zweite Stück stellt nachdrücklich unter Beweis, warum Mogwai in erster Linie instrumentale Musik machen. Der Gesang, wenn man es denn so nennen möchte, ist einfach unterirdisch. Danach wird es etwas ruhiger, aber leider musikalisch nicht interessanter. Das Schlagzeug finde ich im Vergleich mit den beiden Vorbands ziemlich langweilig, die Musiker wirken allesamt lustlos. Gut, das hat bei vielen Post-Rock-Bands Tradition, aber bei den meisten überträgt es sich nicht so direkt auf die Musik wie an diesem Abend bei Mogwai.
Ich gebe den Schotten noch ein paar Titel, um mich zu überzeugen und mitzureißen, allerdings bin ich mehr und mehr einfach nur noch genervt von dem, was da vorne auf der Bühne zum Besten gegeben wird. Zwischen den Stücken habe ich den Eindruck, dass es nicht nur mir alleine so geht, ich hatte eigentlich mit mehr Begeisterung in der Menge gerechnet. Und so beschließen wir letztlich, das Trauerspiel zumindest von unserer Seite her zu beenden und verlassen das FZW vorzeitig. Wirklich schade, ich hatte mir von einer Genregröße wie Mogwai irgendwie mehr erhofft.
Trotzdem fand ich den Abend sehr gelungen, nicht zuletzt auch wegen dem Mut der Veranstalter, einen so wahnwitzigen Stilmix auf die Dortmunder Bühne zu bringen -Respekt! Wer sich selbst noch einmal oder erstmalig ein Bild vom Westend Festival machen möchte, der bekommt am Montag, dem 19. Dezember 2011 um 0:15 im WDR Rockpalast die Gelegenheit dazu.