Tour 2010 - Support: Hanne Hukkelberg
Wilco formierten sich 1994 im sogenannten "Alternative Country"-Genre und die ersten drei hervorragenden Platten standen auch noch deutlich unter jenem musikalischen Einfluss. Mit dem Album "Yankee Hotel Foxtrott" gelang ihnen 2001 dann schließlich ein erstes Meisterwerk, welches nicht nur die Abkehr vom ursprünglichen Sound der Anfangstage einläutete, sondern auch außerhalb der einhelligen Kritiker-Lobeshymnen ein breiteres Publikum erreichte. Ab diesem Zeitpunkt wurde jede Veröffentlichung der Chicagoer Band mit Spannung erwartet und übertraf die positiven Rezensionen des Vorgängeralbums meist noch.
"A Ghost Is Born" erscheint 2003 und zeigt die sechs Musiker auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Metamorphose von der Americana-Combo zur Rockband, gespickt mit kleinen feinen elektronischen Spielereien. Wilco haben ihren eigenen neuen Klang gefunden. Es folgt das Live Zeugnis des Heimspiels in Chicago "Kicking Television" und dieses dokumentiert Wilco´s ausgeprägten Hang zu Improvisationen, langen Jams und mäandernden, hoch melodiösen Gitarrensounds. Mit dem sechsten Studio-Album "Sky Blue Sky" landen Wilco 2007 dann erneut einen großen Erfolg und präsentieren auf dieser Scheibe eine erdige organische Rockmusik, die in ihrer besonderen Individualität ihresgleichen sucht. Mit dem aktuellen Werk, schlicht "Wilco (The Album)" betitelt, sind die Männer um Mastermind Jeff Tweedy derzeit auf Europatour und machen am heutigen Abend Station im Capitol in Offenbach, um sich als stilistisch mittlerweile ungebundene Band voll überbordender Kreativität und Virtuosität zu präsentieren.
Die Inneneinrichtung der 1912 gebauten ehemaligen Synagoge wurde in den Wirren des zweiten Weltkrieges komplett zerstört, jedoch blieb die Gebäudehülle unversehrt. Im weiteren Laufe der Geschichte wurde das Gebäude zum Theater umgebaut und ist seitdem Veranstaltungsort für Opern, Musicals, Konzerte und andere kulturelle Events. Das rot samtig leuchtende Interieur des Capitol bietet mit seiner Teilbestuhlung den perfekten stimmungsvollen Rahmen, um den heutigen Auftritt von Wilco zu genießen. Das Publikum besteht zum größten Teil aus Menschen in den besten Jahren und eine bestimmte favorisierte Musikrichtung kann mittels des Kleidungsstils nicht erkannt werden. Es herrscht eine sehr entspannte Atmosphäre und freudige Erwartung auf die Band aus Chicago.
Anstelle des angekündigten John Grant eröffnet die norwegische Komponistin und Sängerin Hanne Hukkelberg als One-Woman-Show mit Gitarre, Keyboard und Laptop. Die junge Frau bietet eine Mischung aus Elektrofolk, Indierock und experimentellen Sounds, die als Untermalung ihrer imposanten Stimme dienen. Um 21:00 Uhr stellen sich Wilco dann mit "Wilco (The Song)" vom aktuellen Album ihrem Publikum vor. Leider ist die wunderschöne Location heute schätzungsweise nicht völlig ausverkauft. Ein paar einzelne Plätzchen auf der Galerie sind noch frei und der Innenraum läßt jedem Besucher genug Luft zum Atmen. Diese Luft zum Atmen wird sich in den kommenden zwei Stunden mit flirrender Virtuosität aufladen und jeden, der vorher noch gezweifelt haben sollte (wenn es dies überhaupt gab), in einen elektrisierten Strudel reißen.
Die sympathische Ausstrahlung und einzigartige Gesangsstimme des Jeff Tweedy ist sofort präsent. Das Capitol gehört von der ersten Sekunde an dem umtriebigen Musiker, Gründungsmitglied und Kopf der Band. Es werden im Verlauf des Sets munter die Instrumente gewechselt, das heißt Pat Sansone wechselt mal von den Tasten zur Gitarre und Jeff Tweedy übernimmt für einen Song den Bass, während John Stirratt mit Gitarre hinter dem Mikro steht und einen Country infizierten Song zu Gehör bringt. Immer wieder mal entfachen Wilco zum Ende ihrer Songs ein Inferno aus Lärmwällen und steigern sich in eine gekonnte Kakophonie. Man wähnt sich einmal sogar auf der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Der Sound an dem Abend ist übrigens erstklassig abgemischt.
Während des gesamten Konzerts haben die Gitarren von Nels Cline ihren Meister fest im Griff und jagen ihm einen elektrischen Stoß nach dem anderen durch die hageren Glieder, sodaß der Schlaks wie ein Derwisch über die Bühne kreiselt und zuckt. Das Instrument wirbelt ihm über den Kopf und er zittert und windet sich, versucht dieses Ungetüm in seinen Händen zu bändigen, bevor es ihn aus seinen engen Hochwasserhosen schleudern kann. Dieser Mann ist der Wahnsinn. So ekstatisch, aber weitaus ungelenker, darf nur Neil Young seine Soli und Riffs aus den Verstärkern dreschen. Mikael Jorgensen steht dem, sich direkt vor ihm wie ein Rumpelstilzchen gebärdenden Cline, stellenweise in nichts nach und bearbeitet seine Tasten teils im Stehen wie ein Verrückter und mit seinem Handtuch. Wilco spielen so unfassbar tight, was zum Beispiel bei "Bull Black Nova" offene Münder hinterlässt. Glen Kotche am Schlagwerk ist präzise wie ein Uhrwerk.
Bis zur Hälfte des Sets sagt Tweedy nichts, der sein Instrument ebenfalls virtuos beherrscht und zwischen akustischer und elektrischer Gitarre wechselt. Seine einzigartige Stimme und Bühnenpräsenz ist raumgreifend und später steigt er auch schonmal kurz auf Zwischenrufe ein und offenbart den Spassvogel hinter dem hoffentlich ehemaligen gesundheitlich angeschlagenen Menschen. Nach einer kurzen Konversation mit einem Zuschauer in den ersten Reihen stimmt Tweedy dann "Impossible Germany" an. Weitere Knaller dieses gelungenen Sets sind zum Beispiel "Handshake Drugs", "Heavy Metal Drummer", "I Am Trying To Break Your Heart", "Spiders(Kidsmoke)", "A Shot In The Arm" oder "One Wing". Aus mehreren Phasen der Band ist etwas dabei an diesem Abend.
Ein progressives Klanggebilde wird von den Musikern da auf der kleinen Bühne errichtet. John Stirratt am Bass und Glen Kotche setzen den groovenden Grundstein, den die Kollegen an den Keyboards mit federnden, akzentuiert gesetzten amtosphärischen Sounds umspielen. Nels Cline und Jeff Tweedy sorgen für die faszinierende melodiöse Gitarrenarbeit, in den grundsätzlich eher ruhigen entspannten Songstrukturen Wilcos.
Mit "Hate It Here" wird ein Finale Furioso eingeleitet, wobei der Songtitel nicht auf die gegenwärtige Situation schließen lässt, denn "Â….when you´re goneÂ…" geht der Text im Refrain weiter. Diese letzte halbe Stunde ist Rock´n´Roll in seiner reinsten Form. Wilco rocken nochmal dermaßen vom Leder, dass es die Herrschaften im Publikum von den Sitzen reißt und bei dem letzten Stück gar ein Crew-Mitglied auf die Bühne tanzen, zu einem Percussion-Instrument greifen und lasziv die Hüften kreisen lässt. Eine große Party ist dieser Auftritt nochmal zum Schluß und wer heute hier im Capitol war, der hat eine der besten Live-Bands dieser Tage und wohl einige der schönsten Melodien der Rockmusik erlebt.