SWR 3 – Hautnah
Schon kurios, wie man manchmal an Konzertkarten kommt. Wenn SWR 3 knapp 100 Karten für ein Exklusiv-Konzert verlost, kann man sich ja die Chancen ausrechnen, unter den 20 oder 25 glücklichen Anrufern zu sein. Nachts während der Late Night Show sieht es dann anscheinend besser aus. Auf jeden Fall waren meine holde Gattin Astrid und ich unter den vier Online-Gewinnern. Also auf nach Baden-Baden.
Die Helden um die frischgebackenen Eltern Judith Holofernes und Pola Roy fanden sich im SWR 3 - „Hautnah“ - Studio ein, um den ersten Liveauftritt nach zehn Monaten Bühnenabstinenz zu absolvieren. Entsprechend nervös waren sie dann auch. Das Publikum zwar überschaubar (wie gesagt: 100 Gewinner, nochmal eine ganze Latte Medienvertreter), aber ein Livestream und eine Fernsehaufzeichnung gleich beim ersten Auftritt nach so langer Zeit sind ja auch nicht ohne...
Der Opener „Gekommen um zu bleiben“ ging auch leicht in die Hose und musste zum Konzertende wiederholt werden. Unter anderem, weil Judith ihren Einsatz zum Tröten-Solo verpasst hatte. Mit dem zweiten Stück „Endlich ein Grund zur Panik“ wurden die Helden aber zunehmend lockerer. Zeitweise hatte man das Gefühl, einfach Zeuge der Generalprobe zu sein, wo es jetzt bald wieder richtig losgehen wird. Die Single in echter NDW-Tradition kann irritieren, aber ich denke, man muss sich nur darauf einlassen. Live ist sie jedenfalls der Kracher, vor allem, wenn Pola zum Ende hin voller Inbrunst immer wieder „Panik“ ins Mikro krächzt.
Judith und Pola hatten sichtlich am meisten Spaß, während Jean-Michel und Mark ab und zu verzweifelte Blicke austauschten. Vielleicht liegt das an der Gelassenheit junger Eltern, die mit zwei Stunden Schlaf auskommen mussten. „Von hier an blind“ folgte – und lenkte die Aufmerksamkeit auf die starken unplugged-Arrangements. Mit zeitweise drei akustischen Gitarren und Pola am Rhythmus-Klotz (jetzt ist mir schon wieder entfallen, wie dieses Instrument heißt) gewinnen die Songs eine ganz neue Struktur und die stimmlichen Qualitäten einer Ausnahme-Sängern können noch stärker in den Vordergrund treten. Dann „Aurélie“ und Judith ist voll in ihrem Element. Tanzend, springend muss sie die kleine Bühne komplett für sich einnehmen und sich durch ein Gewirr von Kabeln wursteln. Grandios.
Der Titelsong des kommenden Albums „Soundso“ bestätigt, dass die aktuelle Single nur ein Testballon ist, der für Gesprächsstoff sorgen soll. Die Helden werden keine NDW-Platte abliefern, sondern anspruchsvolle deutsche Rockmusik mit intelligenten Texten. Hier geht es um die Charakterisierung eines Menschen durch Außenstehende: „Du bist Soundso.“ Ein mitreißender Titel, der sicherlich zu einem meiner Lieblingsstücke werden wird. Im Anschluss das absolut passende „Wenn es passiert“. Ein Gänsehautsong, vor allem in dieser Konzertatmosphäre.
Überraschend folgte „Blow him back into my arms“ von Moneybrother, gefühlvoll und tränendrüsentreibend vorgetragen und übergeleitet in „Ein Elefant für dich“. Wahnsinn. Für mich der Höhepunkt des Konzerts. Zum Runterkommen zwei neue Songs: „Kaputt“ und die Ballade „Lass uns verschwinden“, die sich nahtlos in das Helden-Repertoire einreihten und ebenfalls sehr positiv aufgenommen wurden. Überhaupt das Publikum: keine Spur von Langeweile bei den neuen Songs (was ja oft ein Problem ist). Vielmehr spürte man den Vibe des Ereignisses, bei dieser Premiere mit dabei sei zu dürfen.
Eingebettet in die überragenden Klassiker „Nur ein Wort“ und „Denkmal“ noch ein letzter neuer Titel mit Namen „Die Konkurrenz“. An Intensität war dieses Konzerterlebnis kaum zu überbieten – dachte ich. Dann kam Judith zur Zugabe auf die Bühne und interpretierte eine umwerfende Version des Leonard Cohen-Songs „Hallelujah“. Im Buch „Mein Lieblingslied“ schrieb Judith vor kurzem: „But you don’t really care for music, do you? Diese Zeile fasste mir in meinen Brustkorb und verknotete alles, was zu finden war. Und dann sang der Mann ein Hallelujah, das so wenig jubiliert, dass es einem das Blut gefrieren lässt.“ In dem Moment nehme ich ihr jedes Wort ab. Ein krönender Abschluss für ein geniales Konzert. Okay, Judith und Kosorten kommen nochmal auf die Bühne, um „auf Anweisung der Regie, keine Ahnung, warum“ den Opener ein zweites Mal zu spielen. Großes Gelächter, und diesmal klappt alles.
Es war das erste Konzert der „Soundso“-Tour, die offiziell am 26. Mai auf dem Pinkpop in Holland starten und dann zu Rock im Park und Rock am Ring führen wird. Ich werde wieder dabei sein, spätestens zur Hallentour im Herbst. Diese Band ist ein Muss in der aktuellen deutschsprachigen Musikszene.
Setliste:
Gekommen um zu bleiben
Endlich ein Grund zur Panik
Von hier an blind
Aurélie
Soundso
Wenn es passiert
Blow him back into my arms
Ein Elefant für dich
Kaputt
Lass uns verschwinden
Nur ein Wort
Die Konkurrenz
Denkmal
Hallelujah
Gekommen um zu bleiben