Wir sind Helden

Tour 2008 - Support: Shout Out Louds

23.08.2008 Museumsmeile / Bonn

Von: Shirin K

Wir sind Helden Bonn

Es gibt Bands, die darf man einfach nicht ignorieren, und Wir sind Helden sind so eine Band. Ob man sie mag oder nicht, die Helden haben in der deutschsprachigen Musik-Szene einen festen Platz – und das mit nur drei Platten –, sie haben der deutschen Musik einen Kick verpasst, Trends gesetzt, unzählige Klassiker geschaffen und soziales Engagement wieder hoffähig gemacht. Die Helden sind auf jeden Fall mehr als ihre Musik und Judith Holofernes, die Sängerin der Band, ein Idol für junge Leute in ganz Deutschland. Das sieht man an diesem Samstag in Bonn ganz deutlich an der hohen Anzahl sehr junger Fans, die dank Mutti und Vati ganz selbstverständlich mit allem, was der Merch-Stand hergibt, ausgestattet sind. Am ai-Stand tummeln sich komischerweise eher wenige Leute, aber man ist ja auch da, um Spaß zu haben.

Vorgruppe ist die schwedische Band Shout Out Louds, die zwar optisch ganz gut zur Hauptband passt (ein bisschen wild und ganz schön nett), aber musikalisch doch eher eine Null-Nummer ist. Ich gehe davon aus, dass nicht zum ersten Mal behauptet wurde, dass der Sänger sich mächtig nach Robert Smith anhört und dass auch die Musik ganz schön Cure-inspiriert ist. Für meine Ohren hören sich die Lieder viel zu ähnlich an, als dass ich das musikalische Potential der Band einschätzen könnte. Nett und harmlos ist mein Fazit. Passend zur Gut-Mensch-Stimmung an diesem guten Tag.

Und dann kommen sie auch schon, die Helden des Abends (entschuldigt diese doofen Wortspiele, aber dieser Bandname lässt einem keine andere Wahl Â…). Judith Holofernes in kurzen Hosen, Netzstrümpfen, hohen Stiefeln und einem dicken Grinsen im Gesicht (ein bisschen Vamp und ganz schön nett) und der Rest der Band legen los mit „Endlich ein Grund zur Panik“. Judith springt und hüpft und rudert mit den Armen und ist ein Energiebündel ohnegleichen. Der Rest der Band und das Bläser-Trio im Hintergrund werden durch ihre Power-Show zur Bühnendeko degradiert und das Publikum ist von Anfang an voll auf die Frontfrau eingestellt. Was folgt ist eine Show, die Alt und Jung gleichermaßen begeistert. Die erste Reihe schickt Seifenblasen in die Luft, die an den mit „Free Tibet“ Stickern beklebten Drums des Schlagzeugers Pola Roy zerplatzen, man macht auf Judiths Ansage mit den Armen das „Korallenriff“ oder auch den „Scheibenwischer“, lässt sich in zwei Gruppen aufteilen und soziale Experimente mit sich machen, ja ein Familienausflug nach Disney-Land könnte nicht lustiger sein.

Zwischen Songs wie „Gekommen um zu bleiben“, „Ist das so“, „Guten Tag“ und „Nur ein Wort“ reißt die Band Witze, kommuniziert intim mit dem Publikum, sagt hier und da was Tiefgründiges, das Bläser-Trio präsentiert eigene Choreos, Judith spielt Gitarre, tanzt und lacht, springt sogar kurz entschlossen ins Publikum und lässt sich auf Händen bis an das andere Ende tragen. Ja, die Helden sind eine gute Live-Band und bieten, wie Judith selbst feststellte „gehobenes Entertainment“ – zumindest kann man das so sehen. Ich komme leider nicht umhin, mich des Öfteren zu fragen, was die Berlinerin da auf der Bühne überhaupt singt. Ein Versuch: „Staub wird sinken sieb mich traubschwung lau unter leise ziehen Schatten innere Kreise steme Wasser und Trier daneben.“ Häää? Das Genuschel muss man mögen, sonst kann es einen wahnsinnig machen. Auch rein musikalisch glänzt die Band zumindest an diesem Abend nicht wirklich. Ja, sie können ihre Instrumente bedienen. Punkt. Und gegen Korallenriffs und in rosa Watte eingepackten Ungerechtigkeitssinn bin ich allergisch.

Meine Theorie: Dass die Helden es so weit gebracht haben, liegt am Band-Konzept. Man ist jung, die Welt liegt einem zu Füßen, man muss nur mit anpacken und hier und da auch ein bisschen anecken. Das ist die Wohlfühl-Message der Musiker. Passend dazu sind Frontfrau und ihr Ehemann Pola Roy Buddhisten. Wie hübsch! Die Helden sind eine Band für alle, sie bringen Menschen zum Lachen und geben ihnen das befriedigende Gefühl, alleine durch das Kaufen der Platten eine gute Tat begangen zu haben. Pop-Mutter Judith und ihre Jungs sind liebenswert, schnuckelig und supersüß, leider – und das ist meine bescheidene Meinung –  ohne wirkliche Ecken und Kanten. Der Gig auf dem Museumsplatz machte sicherlich viele Menschen glücklicher – am Ende trugen noch mehr Leute T-Shirts, auf denen das Motto der Band prangt: „Guten Tag“ – aber machte er sie auch nachdenklicher?

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