Direkt ins Blut 2 (Un)Plugged-Tour 2007
Es ist schön, mal wieder im Wartesaal zu sein. Das alte Gemäuer neben dem Kölner Hauptbahnhof hat seinen ganz eigenen Charme und ist an diesem Abend gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Wolf Maahn, geboren in Berlin, aber längst ein "eingekölschter Jung", gibt sich mitsamt Band im Rahmen seiner "Direkt ins Blut 2 (Un)Plugged"-Tour die Ehre. Die kleine Bühne bietet keinen Raum für Brimborium, alles ist auf das Wesentliche reduziert - die Musik. Hier zeigt sich, wer sein Handwerk wirklich versteht. Das weiß auch die anwesende Kölner Lokalprominenz um Joey Kelly oder Helmut Krumminga und Michael Nass von BAP, die zusammen mit geschätzt 500 Zuschauern Zeuge eines dementsprechend überzeugenden Auftritts werden.
Das liegt vor allem an Maahn selbst, aber auch an seinen fünf hochkarätigen Mitstreitern: Volker Vaessen am Bass, Schlagzeuger Christoph Kähler, Keyboarder Oliver Jäger und den beiden Gitarristen Markus Wienstroer und Matthias Krauss. Um 20.15 Uhr legen sie mit "Hallo Sehnsucht" los. Der Sound ist etwas blechern und eine Spur zu laut, aber das wird im weiteren Verlauf deutlich besser. Das einzige, was permanent stört, sind die eindeutig überdimensionierten Stadionscheinwerfer im Hintergrund, die einen mit schöner Regelmäßigkeit erblinden lassen. Sei`s drum. "Eins für die Schwärmer" sorgt für einen ersten Publikumschor. Trotzdem will der sprühende Funke seltsamerweise zunächst nicht so richtig von der Bühne auf die eher verhaltenen Fans überspringen. Obwohl Wolf Maahn zwischen den Stücken gewohnt flapsig über Themen wie Lachen beim Sex oder das brauchtumzerstörende Rauchverbot in Kneipen referiert. Nach "Treibsand" vom letzten Studioalbum "Zauberstrassen" (2004) folgt dann mit "Soul Maahn" der erste Höhepunkt in Form eines grandiosen Keyboardsolos von Oliver Jäger. Die Stimmung steigt.
Nach "Leben und Leben lassen" (mit Markus Wienstroer an der Violine!) gibt es zwei brandneue Songs: Das schwärmerische "Kind der Sterne" (das allerdings in anderer Form bereits auf dem 1989er Album "Indigo" von Anne Haigis erschien) sowie "Frech und schön". "Rebellion" spielt das Sextett anschließend in einer minimalisierten Version, die zu Recht abgefeiert wird. Wolf Maahn ist jetzt schon durchgeschwitzt, dabei sitzt er überwiegend auf seinem Barhocker. Vielleicht um das langsam aber sicher spärlicher werdende Haupthaar zu kaschieren, setzt er sich für den Rest des Abends eine Schiebermütze auf. "Major" Heuser lässt grüssen. Und als wäre dies eine Art Startsignal gewesen, legen auch die Fans nun endlich jegliche Zurückhaltung ab und beginnen dem Konzert einen angemessen begeisterten Rahmen zu geben. Besonders beim darauffolgenden wunderbaren Gänsehaut-Klassiker "Ich will dir meine Liebe geben".
Maahn und Band danken mit ausgelassener Spielfreude und "Selbstrespekt", "Stadt der Waschmaschinen" (vom unerreichten 1986er "Kleine Helden"-Album), "Uhh Mädchen", dem mit Akkordeon (Oliver Jäger) verstärkten "Gut gut gut" und "In der Tür geirrt". Letzteres wird voller Inbrunst gerockt und gipfelt in einem (unentschiedenen) Duell der beiden Gitarristen Wienstroer und Krauss. Klasse! Nach dem ebenfalls brandneuen "Wir wissen es" sorgt das punktgenau sentimentale "Ich wart auf dich" dann für Ehrfurcht bis in die letzte Reihe. "Bleib noch hier" steht dem kaum nach und der "Hobby Freud" beendet schließlich das reguläre Set.
Minutenlange Sprechchöre später ist Wolf Maahn wieder da. Alleine mit Akkustikgitarre (also doch unplugged) und "Irgendwo in Deutschland". Ganz gross! Zu "Wenn der Regen kommt" setzt die komplette Band wieder ein und die Fans begleiten alle Sechs danach mit endlosen "Direkt ins Blut"-Gesängen in die zweite Pause. Längst schwitzt hier nicht mehr nur Wolf Maahn. "Komm zurück" und "Wunder dieser Zeit" beschließen dann nach zweieinviertel Stunden ein Konzert, das zwar Zeit brauchte, um in die Gänge zu kommen, letzten Endes das Prädikat "Herrlich" aber vollauf verdient. Ich frage mich zum wiederholten Mal, warum Wolf Maahn der dauerhafte kommerzielle Erfolg immer versagt geblieben ist. Vielleicht wollte er sich nicht verbiegen (lassen), was ihn nur noch symphatischer machen würde. Für mich persönlich ist er im Gegensatz zu manch anderem Kollegen ein echter Vollblut-Musiker, dem die verdiente öffentliche Anerkennung leider zu Unrecht etwas abgeht. Man könnte auch sagen, er ist so etwas wie die deutsche Ausgabe von Bob Geldof. Noch eine nette Geste am Rande: Neben dem Merchandising-Stand liegt ein Gästebuch aus, in dem sich jeder der Lust verspürt verewigen kann. Es findet regen Zuspruch.
Als ich später durch die kalte Nacht über die Deutzer Brücke zu meinem Auto gehe und noch einmal einen Blick zurück auf den beleuchteten Dom werfe, denke ich, wie schön es doch in Wirklichkeit ist, dass Wolf Maahn einfach nur er selbst geblieben ist. Sonst hätte es einen solchen intensiven Abend wie heute im Alten Wartesaal wahrscheinlich nie gegeben und das wäre zweifellos schade! Wer sich mit eigenen Ohren von den Live-Qualitäten Wolf Maahns überzeugen möchte, kann dies entweder anhand der gerade erschienenen Doppel-CD "Direkt ins Blut 2 (Un)plugged" oder bei einem weiteren Termin der noch bis Februar 2008 andauernden Tour tun.