Wolfgang Niedecken

Tour 2005

23.02.2005 Brückenforum / Bonn

Von: Thomas Kröll

Wolfgang Niedecken Bonn

Eines ist schon vorher klar: Das Konzert von Wolfgang Niedecken und der WDR Big Band im Bonner Brückenforum soll seit ewiger Zeit mal wieder eines werden, zu dem wir ohne gesundheitserhaltende Ohrstöpsel würden hingehen können. Schon eine sehr angenehme Aussicht, wenn man das gesamte übrige Jahr (voraussichtlich) wieder auf diese kommunikationstötenden Stopfen (die einem zudem ständig aus den Ohren flutschen) zurückgreifen muss, ohne Gefahr zu laufen, sein Kritikerleben in völliger Taubheit zu beenden.

Immerhin ist das Brückenforum nicht bestuhlt und die gediegene Atmosphäre der Halle passt prima zu den Protagonisten des Abends. Etwa 1.000 Fans sind der Verlockung gefolgt, die BAP-Songs in ungewohnten Big Band-Gewändern zu hören. Manch einer von ihnen hat dafür sogar den guten Anzug aus dem Schrank gekramt, was nicht so ganz passt, andererseits aber die gepfefferten Preise für flüssige und feste Nahrung erklärt. 2 € für ein halbes Brötchen mit einer Scheibe Käse und einem Hauch von Tomate und Salat sind dann wohl auch nur was für prallere Geldbeutel.

Hungrig und durstig suchen wir („Fotochef“ Denis und ich) uns also ein nettes Plätzchen mit guter Sicht und um 20 Uhr geht es höchst pünktlich los. Nach einer kurzen Ansage von Lucas Schmid, dem Produzenten der Big Band, marschiert die (geschätzt) 20köpfige Formation ein, gefolgt von Renate Otta (Backing Vocals), Ramesh Sotham (Percussion) und BAP-Gitarrist Helmut Krumminga. Einer der drei Barhocker in der Bühnenmitte ist noch frei. Für Wolfgang Niedecken himself natürlich, der mit besonders großem Jubel empfangen wird.

„Für ne Moment“ ist das erste Stück. Ich habe mir das dazugehörige Album „NiedeckenKöln“ vorher bewusst nicht angehört und bin augenblicklich vom groovigen Bläsersound des Stückes begeistert. Danach andächtiges Staunen, als Ramesh Sotham beginnt, auf einer indischen Gotan (das Ding sieht original aus wie eine deutsche Blumenvase) zu trommeln und so „Met Wolke schwaade“ einzuleiten. Applaus auf offener Szene!

Dann wird`s rauer. Es folgt „das Stück über das Stadion, das für mich niemals Rhein Energie heißen wird“ (Niedecken). „Müngersdorfer Stadion“ (genau!) von Jürgen Zeltinger bringt die Fans erstmals so richtig in Wallung. Sogar die Anzugfraktion! Man merkt jetzt schon, welch einen immensen Spass alle Beteiligten an dem haben, was sie da oben auf der Bühne veranstalten. Big Band-Dirigent Mike Herting lässt sich im Verlaufe des Abends völlig von seiner eigenen Begeisterung mitreißen und erinnert dabei in seinen Bewegungsabläufen verblüffend an Herbert Grönemeyer. Niedecken ist bester Laune und erzählt zwischen den Songs immer wieder ausführlich und humorvoll von deren Entstehungsgeschichten.

Zum Beispiel, wie er an seinem 16. Geburtstag bei den Rolling Stones in der Kölner Sporthalle war und daraus später „Hück ess sing Band en der Stadt“ entstanden ist. Darauf folgt „Amerika“ und anschließend mein persönliches Highlight: „Jupp“! Mit einem herrlich brummenden Intro von Bass-Saxophonist Jens Neufang, den ersten Wunderkerzen im Publikum und einer Gänsehaut von hier bis zum Mond.

Bei „Nix wie bessher“ sieht man die ersten FC-Schals vor der Bühne, bevor die ganze Halle der zweiten Saxophonistin ein Ständchen bringt. „Happy Birthday“ – ihr ahnt es schon, die Frau hat heute Geburtstag. Danach noch „Zwei Päädskööp ahm Nümaat“ in einem mitreißenden 12-Bar-Blues. Aber auch die spielfreudigste Big Band braucht mal eine Pause zwischendurch und so verabschiedet sich der ganze Tross für`s erste von den inzwischen restlos begeisterten Fans.

Da wir nicht annehmen, dass die Brötchen im Foyer mittlerweile billiger geworden sind, bleiben wir wo wir sind und erleben so hautnah mit, wie die Big Band etwa 20 Minuten später musizierend (angeführt vom Ersten Posaunisten Ludwig Nuß) von hinten in die Halle zurückkommt und „Queen vun dä Ihrestrooss“ anstimmt. Die Menge schnippt dazu mit den Fingern im Takt. Ein gigantisches Schnippen! „Unger Krahnebäume“ rockt das Haus und Helmut Krumminga legt ein geiles Solo an der E-Gitarre hin. Er glänzt weiter beim folgenden „Chippendale Desch“, hier ein schön-sentimentaler Blues mit Slide-Guitar.

Weiter geht`s mit „Ein für allemohle“ und „Wie schön dat wöhr“ (der Benefizsingle von „Gemeinsam für Afrika“). Ich habe einen Kloß im Hals. Bei „Arsch huh, Zäng ussenander“ wird wieder gerockt und Frank Chastenier hämmert ein so fantastisches Solo auf seiner Hammond-Orgel, dass man fast schon Angst um das gute Stück haben muss. Der Mann spielt sich förmlich in einen Rausch und wird mit Recht ausgiebigst abgefeiert. Genial! Bei „Stadt im Niemandsland“ erzeugt er auf dem Piano fast schon wieder Clubatmosphäre.

Nachdem Niedecken die Big Band-Mitglieder noch mal einzeln vorgestellt hat (wobei sich diese ihren verdienten, minutenlangen Beifall abholen), ist der reguläre Teil gespielt. Aber das Ganze hat soviel Spass gemacht, dass es einfach noch weitergehen muss. Tut es auch!

Und zwar mit einem spanisch angehauchten Gitarrenintro (Krumminga), aus dem „Verdamp lang her“ wird. Als Ballade mit Gitarre und Piano. Nur schön! Erst im zweiten Abschnitt des Songs wird es phasenweise schneller und am Schluss liefert sich Krumminga mit dem Big Band-Gitarristen Paul Shigihara ein sensationelles Gitarrenduell. Doch auch das schönste Konzert geht einmal zu Ende und nach inzwischen drei (!) Stunden reiner Spielzeit ist es dann passenderweise mit „Schluß, aus, okay“ auch soweit. Wolfgang Niedecken und Kollegen mitsamt der Big Band werden jedoch erst noch ausführlich für ihre wirklich meisterliche Darbietung von den Fans gefeiert. Ich wette, selbst wenn es Stühle gegeben hätte, würden sowieso spätestens jetzt alle stehen!

Auch wir ziehen restlos erfreut von dannen. Doch trotz aller Begeisterung freue ich mich jetzt auf eines ganz besonders: Ein leckeres Brötchen und ein kaltes Bier! Zuhause! Vor allem aber umsonst!

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