Wolfgang Niedecken singt & liest "Für ne Moment"
"Â…und was in der Gegenwart immer nur einzelne Momente sind, ordnet sich in der Erinnerung zu einer Geschichte, die unerschütterlich behauptet: Das bist du, das ist dein LebenÂ…", lautet der Klappentext auf dem aktuellen Werk von Wolfgang Niedecken, seiner Autobiographie "Für ne Moment" (eine Rezension dieses Werkes findet ihr hier). Der Musiker und Künstler Niedecken ist am 30. März sechzig Jahre alt geworden und blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück, welches natürlich in der Außenwahrnehmung weitestgehend geprägt war und noch ist von der Tatsache, der Frontmann der erfolgreichen Kölner Rockband BAP zu sein. Doch der Künstler Wolfgang Niedecken kann sich über weit mehr als seine Tätigkeit bei BAP definieren. Er ist bildender Künstler und Autor und verbindet darüber hinaus seit vielen Jahren humanitäres Engagement mit einer gehörigen Portion politischer Aufmerksamkeit.
Was ihn geprägt hat und wer er ist – der Mensch Wolfgang Niedecken aus der Kölner Südstadt, seiner Heimat rund um den Chlodwigplatz – das erzählt er in seiner Lesung an diesem Abend im wunderschönen Offenbacher Capitol. Der Veranstaltungsort im Rhein-Main Gebiet ist wie geschaffen für diese Lesung. Mit seinem Charme versprüht er die angemessene Gemütlichkeit und mit dem ersten Glas Wein lässt es sich auf den Anfang warten. Der Saal verdunkelt sich und ein sanfter Lichtkegel fällt auf die alten Bühnenbretter vor dem blauen Samtvorhang. Um 20:00 Uhr erscheint das Vorwort in Gestalt von Oliver Kobold. Der erzählt viele Minuten lang überaus unterhaltsam und interessant wie es zu der Zusammenarbeit mit Wolfgang Niedecken gekommen ist. Dann kündigt er seinen alten Freund an und bittet ihn vor die Zuschauer im nicht ganz gefüllten Capitol.
Niedecken kommt in Hemd und Jeans und mit Schiebermütze auf die Bühne, unter welcher die schulterlangen Haare ihre mittlerweile graue Farbgebung nicht verbergen können. Er nimmt eine der beiden akustischen Gitarren zur Hand und eröffnet mit "Für ne Moment". Den ganzen Abend wird er zwischen dem Mikrofonständer stehend und dem Lesepult sitzend hin und her pendeln und mit den entsprechenden Songs zu den Anekdoten aus seinem Buch die Geschichten untermalen und gleichzeitig auch wieder neu für sich gewinnen. Auf dem Stuhl hinter dem Lesepult blickt er lächelnd in den ruhigen Zuschauerraum und liest mit ruhiger Stimme einzelne Abschnitte des über 500 Seiten starken Werks vor, nicht chronologisch, wie im Buch eben auch. Wolfgang Niedecken kommt ohne viele "Zwischenerzählungen" zu den Texten aus, da sich diese in ihrer Stärke und Intensität von alleine tragen. Der Mann hat einiges zu erzählen. Oft amüsant, manchmal nachdenklich, manchmal ernst und auch erschütternd. Die Berichte über seine Erfahrungen in Uganda, aus welchen ja das Projekt "Rebound" entstand, gehören zu den Momenten in denen die Kehle trockener wird und das Schlucken schwer fällt. Bei "Gulu" reißt die Gitarrensaite und baumelt im Scheinwerferlicht wie eine der hilflosen Kinderseelen in Uganda hin und her, von denen dieser eindringliche Song handelt.
Wolfgang Niedecken erzählt aber auch von seiner Zeit in New York, von Schmal und Mötz und wie Neil Young´s "Cowgirl In The Sand" zu "Helfe kann dir keiner" wurde und somit quasi die Geburt der kölschen Texte von BAP einleitete. Er erzählt von einer Bierkastenbestellung mit Öffner und noch viele Dinge mehr. Es sind im Verlauf auch mehrere Songs zu hören wie "Frankie & er", "Hollywood Boulevard", "Sinnflut", "Maat et joot", "Noh all dänne Johre" und natürlich "Verdamp lang her", welches er auch heute mit einer Emotionalität aus sich heraus singt, dass sich die Haare auf den Armen in Richtung des Ortes stellen, den Wolfgang Niedecken seinem Vater in dem Song von Herzen gönnt.
Über den Erzählungen und damit verbundenen Erfahrungen liegt wie über den Songs von BAP eine gewisse Wehmut, die angenehm traurig macht, Sehnsüchte weckt, das Glas Rotwein in der Pause nochmals füllt und zum Nachdenken anregt. Nach satten intensiven drei Stunden, inklusive zwanzigminütiger Pause, ist dann Schluss. Wolfgang Niedecken wird mit Standing Ovations noch zweimal auf die Bühne geklatscht und beendet mit "Hundertmoohl" einen eindrucksvollen wunderschönen Abend.