Wolfgang Niedecken singt & liest "Für ne Moment"
Wolfgang Niedeckens Vater stammt aus Unkel. Das ist nur einen Steinwurf von Rheinbreitbach entfernt, am nördlichsten Zipfel von Rheinland-Pfalz. Man kann von dort aus quasi nach Nordrhein-Westfalen spucken. Josef Niedecken zog Ende der 30er Jahre nach Köln, heiratete die 16 Jahre jüngere Hubertine Platz und betrieb im Severinsviertel der Südstadt einen Lebensmittelhandel. Hier kam Wolfgang Niedecken am 30. März 1951 zur Welt. Und bevor aus Klein-Wolfgang der Sänger und Frontmann von BAP wurde, fuhr er regelmäßig in den Ferien zu Besuch bei Tante Lisbeth, der Schwester seines Vaters, und Onkel Albert in den "Grünen Weg" nach Unkel und streifte mit Vetter Wolfgang und Wotan, einem schwarzen Neufundländer, am Rhein entlang oder durch die Felder zwischen Rheinbreitbach und Unkel. So gesehen hat er heute in der Hans-Dahmen-Halle also ein Heimspiel.
Diese Episode und den Rest seines bisherigen Lebens hat Wolfgang Niedecken zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Oliver Kobold über mehrere Jahre hinweg aufgeschrieben. Entstanden ist daraus die 524 Seiten starke Autobiographie "Für ne Moment", mit der er sich zur Zeit auf Lesereise befindet. Rheinbreitbach empfängt ihn standesgemäß mit viel Sonne und einem brüllend heißen Tag. Aber sind die Temperaturen draußen fast schon tropisch, so herrscht im Inneren des Bürgersaales der Hans-Dahmen-Halle ein Klima, das jeder finnischen Sauna zur Ehre gereichen würde. Auf den Einbau einer Klimaanlage hat man offensichtlich verzichtet und auch die Fenster scheinen sich nicht öffnen zu lassen. So schmoren die etwa 350 Besucher im ausverkauften Saal für die nächsten fast dreieinhalb Stunden in ihrem eigenen Saft. Doch um Wolfgang Niedecken in einem solch intimen Rahmen zu erleben, nimmt man selbst das in Kauf. Lediglich eine 25-minütige Pause in der vergleichsweise kühlen Luft draußen auf dem Parkplatz verschafft da etwas Linderung.
Der Abend beginnt mit dem Vorwort in Gestalt von Oliver Kobold, der launig Auskunft über die Entstehungsgeschichte des Buches gibt und anschließend die kleine Bühne für seinen Freund Wolfgang Niedecken räumt. Das Bühnenbild besteht aus zwei Akustikgitarren und einem Pult, an dem ein Barhocker steht. Niedecken pendelt zum Lesen und Singen zwischen Pult und Mikrophonständer hin und her. Beim Lesen trägt er Brille. Mit dem namengebenden "Für ne Moment" (aus dem 1998 in einer anderen Version "FC Jeff Jas" wurde) eröffnet er den Reigen aus Lyrik und Musik. Als er wenig später "Cowgirl In The Sand" von Neil Young anstimmt, das zum ersten BAP-Song "Helfe kann dir keiner" wird, ist er bereits nass geschwitzt. Niedecken liest mit angenehm sonorer Stimme Geschichten über Typen wie "Mötz" vor, er schildert die Umgestaltung diverser Hotelzimmer durch die Komplizen, jenes Seitenprojekt, mit dem er 1987 das Album "Schlagzeiten" aufnahm oder versetzt uns mit dem uralten "Sinnflut" in eine Kölner Kneipe des Jahres 1979. Er erzählt von den tragikomischen Anfängen mit BAP, vom Songschreiben und Unterwegssein, vom "Chippendale Desch" und lebenslanger Freundschaft ("Frankie un er"). Am Ende des ersten Teils steht ein fast trotzig dahingerocktes "Verdamp lang her", der BAP-Song schlechthin und Denkmal für die vergebliche Suche von Vater und Sohn nach gegenseitigem Verständnis.
Im Anschluss an die für alle Beteiligten erfrischende Pause kommt Niedecken in einem trockenen BAP-T-Shirt und mit Handtuch und einer Flasche Wasser bewaffnet zurück. "Maat et joot" ist der nächste Song im Repertoire. Dass er dafür die falsche Mundharmonika ausgewählt hat, sorgt nicht nur bei ihm für Erheiterung, ebenso wie einige Versprecher beim Lesen. Aber Wolfgang Niedecken ist sichtlich gerne in Rheinbreitbach und die Rheinbreitbacher haben ihn sichtlich gerne zu Gast, sodass die unfreiwilligen Lacher den Abend nur noch familiärer erscheinen lassen. In "Hollywood Boulevard" huldigt Niedecken den legendären Kinks, bevor er zu dem überleitet, was ihm besonders am Herzen liegt: Das erschütternde Schicksal tausender Kindersoldaten in Uganda, für die er das Stück "Noh Gulu" singt. Die eindringliche Schilderung ihres täglichen Überlebenskampfes sorgt für spürbare Betroffenheit. Im Saal kann man eine Stecknadel fallen hören und der anschließende Applaus ist mehr als nur eine Befreiung aus nachdenklicher Stille. Er ist die von Herzen kommende Anerkennung für Niedeckens Engagement in Afrika. Das grossartige "Verjess Babylon" vom aktuellen BAP-Album "Halv su wild" vertreibt die düsteren Gedanken und als Niedecken schließlich mit "Noh all denne Johre" den Bogen zum Beginn des Abends schlägt, erhebt sich der ganze Saal zu stehenden Ovationen.
Mit der Zugabe "Wie ne Stein" (einer Hommage an Bob Dylans "Like A Rolling Stone") verabschiedet sich Wolfgang Niedecken dann endgültig unter die wohlverdiente Dusche. Wir haben mit ihm Zeiten, Länder und Situationen durchwandert, Wendepunkte, Neuanfänge, Momente von Zweifel und Inspiration neu erlebt. Ganz so wie er es in "Et Levve ess en Autobahn" beschreibt: "Mer levve op ner Autobahn met Staus un Kurve, die kütt uss der Verjangenheit un führt uns durch et Jetz enn Richtung morje". In Rheinbreitbach durften wir Wolfgang Niedecken auf einer - abgesehen vom schweißtreibenden Ambiente - eindrucksvollen Fahrt über die Autobahn seines Lebens begleiten.