Tour 2010
Wunderbar Weite Welt – ein Name wie eine Verheißung! Ausgerechnet Worldfly, die sympathischen Newcomer aus Australien, die eine weltumspannende Klammer mit Deutschland verbindet, haben sich hier zum Stelldichein angekündigt. Worldfly in der Wunderbar Weiten Welt - das ist rein phonetisch schon ein Leckerbissen. Die schlappe halbe S-Bahnstunde, die dieser geheimnisvolle Ort von meinem Zuhause in Frankfurt/Main entfernt ist, nehme ich mit Freuden und großer Erwartung auf mich. Doch: dort angekommen, steigt man aus der S-Bahn und rennt direkt einmal gegen einen Berg. Wenn die Welt irgendwo wunderbar weit ist, dann gewiss nicht in diesem Kaff! Die Location selbst entpuppt sich als Speiserestaurant mit kleiner Bühne – ohne jegliche räumliche Abtrennung. Als ich eintrete, ist die Band gerade noch beim Soundcheck und wird in erster Reihe von einer ihren üppig befüllten Teller leidenschaftlich bearbeitenden Wuchtbrumme angemümmelt. Na, das kann ja heiter werden, die Band tut mir schon leid, bevor der Gig begonnen hat.
Meine Befürchtungen sind töricht, wie ich mir eigentlich hätte denken können. Worldfly erspielen sich ihre Fangemeinde gerne mit spontanen Auftritten in Fußgängerzonen, erzwingen Aufmerksamkeit mitten im Konsumgetümmel – und natürlich gewinnt die Truppe um Australiens "Songwriter Of The Year" Michael Maher auch in diesem Fresstempel schnell die Luft- über die Dufthoheit!
In ihrer reinen 4er-Besetzung tönen Worldfly roher und ungeschliffener als auf dem Debutalbum "It’s Too Late For Turning Back". Das wird spätestens beim zweiten Stück des Sets deutlich: das als Single sehr gediegene "Someone Special" bekommt mit einem Mal unheimlichen Drive. Über "Rear Window" wirft Rebecca Harris wuchtige Arpeggios mit ihrem Cello; selbst die Leute an den Tellern müssen nun unweigerlich mit den Füßen wippen. Überhaupt Rebecca Harris – ihr Cellospiel ist live so "edgy", wie man es von der Platte her niemals erwartet hätte. Sie spielt in ihren Glissandos die dissonanten Anteile oft bis zum letzten Moment aus und freut sich an der entstehenden Spannung; ihr Intro zu "Across The Red Carpet" ist ganz groß und hätte auch dem Album gut zu Gesicht gestanden.
Michael Maher zieht mit seiner engelsgleichen Kopfstimme ohnehin alle in seinen Bann, und zwischen den Songs parliert er dezent und charmant, mal in Englisch, mal in exzellentem Deutsch. Die letzte Band, die ich so sympathisch und unprätentiös erlebt habe, waren Buffalo Tom – und das war 1997! Kleinere Pannen – das Mikro am Piano knackt und dann reißt eine Gitarrensaite – nimmt man als Zuschauer nicht als störend wahr. Worldfly haben eine Interaktion von fast familiärer Qualität mit ihrem Publikum erreicht. Bassist Stewart Taylor schnappt sich die Gitarre und verschwindet zum Saitenwechseln hinter einem Vorhang in Richtung der Küche. Maher setzt sich derweilen an’s Piano und gibt "Sunshine" als "string changing music" zum Besten. Hinterher wirkt er kurzzeitig fahrig und nervös, aber spätestens mit "Order You To Look" nimmt der Gig wieder Fahrt auf, und das anschließende "A Small Boat" geht derart ab, dass ich versucht bin, das Album für überproduziert zu halten.
Dass auch "Sunshine" nach kurzer Zeit noch einmal kommt, offenbart schlicht ein Problem, das so viele Newcomer haben: sie sind naturgemäß (noch) knapp an Songs. Die Zugabenforderungen des Publikums kommen in dieser Situation gar nicht so gelegen: Maher bittet um Erlaubnis, bereits gespielte Songs wiederholen zu dürfen, doch dann löst die nächste gerissene Saite das Dilemma von alleine. Tatsächlich hatte ich mich vorher schon gefragt, ob und wie die 56:07 Minuten des Debuts für einen ganzen Auftritt reichen. Bei Worldfly gibt es – löblicherweise – keine peinlichen Dehnungsaktionen wie Soloeinlagen oder Singalongs. Sie spielen ihre Songs, und sonst nichts. Ein paar neue haben sie immerhin schon im Gepäck: "Lights For Our Fathers" und "Eye Of The Storm". Und sie haben die Lyrics von "Über den Wolken" – nicht gecovert, sondern – ganz neu vertont! Der Song, der dabei herauskommt, ist schlicht atemberaubend schön. Meine Frau, die mich begleitet hat, sagt, ihr sei erst in diesem Moment klar geworden, wie poetisch dieser Text in Wirklichkeit ist. Ich habe dem nicht viel hinzuzufügen. Michael Maher wird später am Abend erzählen, dass sie daraus ein Radio-Release machen wollen, wofür aber erst noch die Zustimmung Reinhard Mey’s nötig wäre. Er wirbt darum, dem alten Barden eMails zur Unterstützung des Plans zu schicken. Den Aufruf trage ich hier weiter, das deutsche Radio würde wirklich bereichert. Aber zunächst einmal: Leute, seht euch Worldfly an! Sie spielen noch in Hannover, Köln, Berlin und wahrscheinlich überall, wo man sie lässt.
Als wir nach dem Konzert auf die S-Bahn Richtung Heimat warten, denke ich etwas wehmütig zurück an früher, als man nach Konzertbesuchen meist stank wie ein Aschenbecher. Heute nacht riechen wir nach Küche.